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Maler Daniel Richter im Interview

"Das Werk soll sich im Betrachter ergänzen"

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Daniel Richters Retrospektive ist in Wien angekommen. Im Monopol-Interview spricht der Maler über seine Arbeit, wagt einen Vergleich zwischen der österreichischen und deutschen Hauptstadt und lässt sich zu einem Kommentar zu Donald Trump hinreißen

Herr Richter, in den Medien wird Ihr Werk in drei Phasen eingeordnet: die abstrakte, die figurative und nun die flächige. Wie nehmen Sie selbst Ihre Entwicklung wahr?
Im Groben stimmt es natürlich, dass man drei oder vier Phasen erkennt. Für mich ist entscheidend, mit welcher Methode ich arbeite, die dann unterschiedliche Formen sucht. Und natürlich sind das offensichtliche Unterschiede in den Bildern. Aber die Denkmethode, die ich empfinde, entwickelt sich immer aus dem, was ich davor gemacht habe. Ich habe schon eine gewisse Dialektik, die Bilder an sich sind schon verzahnt. Die Seele der Bilder ist aber immer ähnlich intensiv. Das wäre die Gemeinsamkeit der Bilder, die ich sehen kann. Ich kann das aber schlecht beurteilen. Für mich ist das alles mit der gleichen Haltung und Mühe verbunden. Und wenn ein Thema durch ist, dann ist es halt durch.

Die neuen Werke haben zwei Jahre im Atelier verbracht. Haben Sie manchmal Angst davor, wie sie in neuen Räumen wirken?
Ja klar. Das ist der Test dafür, ob die Bilder funktionieren. Sie beweisen sich erst, wenn sie in ein Verhältnis mit der Öffentlichkeit gesetzt werden. Die Bilder laden sich auch erst damit auf, dass Menschen sie unterschiedlich interpretieren und darüber kommunizieren. Das alles färbt auf die Bilder ab.

Die Betitelung Ihrer Bilder suggerieren aber oft Interpretationen. So stellt Ihr Bild "Bill" (2015) unweigerlich eine Verbindung zu Bill Clintons und Monica Lewinskys Affäre her, oder "Francis, der Fröhliche" (2015) weckt einen kunsthistorischen Zusammenhang zu Bacon. Wollen Sie damit verwirren oder eine Richtung vorgeben?
Die Titel entstehen eigentlich immer, wenn die Bilder fertig sind. Es geht schon darum, in den Titeln etwas Analoges herzustellen zu dem, was in den Bildern an Malerei passiert. Manchmal ist es eine Interpretationshilfe, manchmal eine Ironisierung. Es ist aber so wie die Bilder selbst. Natürlich habe ich eine sehr konkrete Vorstellung von dem, was ich da mache. Aber das heißt nicht, dass das stimmt. Ein Werk soll sich im Betrachter ergänzen.

Sie hatten sich für die neuen Werke, die auch in Frankfurt in der Ausstellung "Hello, I love you" bis zum Januar 2016 gezeigt wurden, Regeln auferlegt. Alle Bilder sind nicht mit dem Pinsel, sondern Spachtel gemalt. Ist diese Limitation notwendig für neue Ideen?
Nein, man braucht keine Limitation, um neue Ideen zu bekommen. Die Limitation ist nur eine Überlegung. Das ist einfach eine Hilfe beim Arbeiten, wenn man sich eine Vorgabe macht und diese Entscheidung fällt – so steckt man sich selber den Rahmen. Ich habe zum Beispiel immer mit dem Pinsel gearbeitet. Und da wollte ich, um etwas Neues zu kreieren, mal darauf verzichten. Es waren ganz einfache Regeln für die neuen Werke. Ich hab auch jede Farbe mit Weiß gemischt und so mit Pastellfarben gearbeitet. Das hatte ich vorher nie gemacht, so'n Kram. Es ist eigentlich ganz einfach. Der Zwang der Befragung und Hinterfragung wird durch neue Regeln größer. Trotzdem findet man erst im Prozess raus, wie viel Sinn die neue Methode überhaupt gemacht hat. Diese neuen Regeln finden wir aber teilweise auch im Alltag. Ich bin mir sicher, dass sich das Schreiben von Texten auch dadurch verändert hat, dass wir heute an einem Laptop sitzen und früher mit der Hand geschrieben haben. Die andere Form von Tempo und Korrektur hat sicherlich einen Einfluss. Man arbeitet auch mit einem stumpfen Messer anders als mit einem scharfen. 

Ihr Bild "Tarifa" aus dem Jahr 2001 wurde in der Flüchtlingsdebatte oft plakativ benutzt. Wie stehen Sie zur Politisierung Ihrer Bilder?
Positiv. Die Bilder zielen quasi darauf ab. Es wäre albern, wenn ich das leugnen würde. Man kann diese Debatten um Inhalt, Form, Wiedererkennbarkeit führen, die gibt es in der Malerei zu Genüge. Bekannt sind die Diskurse über die Wiedererkennbarkeit von Symbolen und dass einen aber eigentlich nur der formale Aspekt interessiert. Aber es wäre wirklich komisch, wenn ich behaupten würde, dass ich ein rein ästhetisches Prinzip in meinen Bildern verfolge. Man wäre dumm, ausversehen so politische Themen anzurühren.

Apropos Politik ... ein Kommentar zu Trump?
Was soll man dazu sagen. Jeder ist da einer Meinung, ob es der Hausbesetzer in der Skalitzer Straße ist oder Angela Merkel. Über so einen Scheiß muss man sich eigentlich nicht äußern. Dass jetzt die Wichser von Amazon und Google die Welt vor Trump retten sollen und das so von der "New York Times" berichtet wird, ist lächerlich. Tagespolitische Debatten interessieren mich nicht. Es ist nicht so, als ob Trump vom Himmel gefallen ist. Die amerikanischen Konservativen sind einfach schlicht und ergreifend als Partei durch und durch korrupte Reaktionäre. Einfach geldgierige, zynische, widerwärtige Leute. Und Trump ist deren krankes Kind, das sie nicht mehr gebändigt bekommen. Das Problem ist, dass die Leute verarmen. Sie arbeiten immer mehr und verdienen immer weniger. Dass sie jetzt einen Kapitalisten zu ihrem Retter machen, ist eine Absurdität der amerikanischen Politik. Und wenn Donald Trump die Welt jetzt in einen Krieg stürzt, dann ist das nicht schön für die Armen, aber für die ist das Leben sowieso nicht schön. So ... jetzt hab ich doch über Trump geredet.

Ihre Retrospektive ist nun, nach dem Start im Louisiana Museum in Kopenhagen, in Wien angekommen – der Stadt, in der Sie seit über einem Jahrzehnt an der Akademie eine Professur innehaben. Was ist an Wien so schön, wenn man sonst in Berlin wohnt?
Wien ist deswegen so schön, weil Berlin so hässlich ist. Ich mag es hier und unterrichte hier gerne. Für mich ist es toll, dass die Ausstellung jetzt in Wien ist und davor in Kopenhagen war. Ich mag diese beiden Städte sehr. Berlin ist für Leute, die in der Kunst arbeiten wollen, auch immer noch eine gute Stadt. Aber was den Kultur-Organismus angeht, ist die Stadt eine Katastrophe. Guck dir die Stadt doch an! Sie ist hässlich, die Verwaltung ist doof, die Bürger sind durch die Stadt zu Trampeln geworden. Nirgendwo ist den Leuten ihre eigene Stadt so egal wie in Berlin – auch wenn sie gleichzeitig immer behaupten, wie toll das ist. Ich find die Leute wahnsinnig schlampig. Sie denken schlampig. Aber ich zitiere auch nur das, was ich auf der Straße und als Zeitungslesender wahrnehme. Trotzdem wohne ich ganz gerne in Berlin. Ich lebe halt in einem offenen Feindschaftsverhältnis in der Stadt.

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