Daniel Spoerri in Hamburg

Zu Tisch, bitte!

In Hamburg kann man sich gerade kaum am vielfältigen Werk des Eat-Art-Künstlers Daniel Spoerri sattsehen. Den Dialog mit anderen Positionen der Avantgarde hätte es als Beilage gar nicht gebraucht

"Ein einzigartiger Jäger auf der Pirsch nach dem Absurden". So würdigte Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler den Künstler Daniel Spoerri zu dessen Tod am 6. November 2024. Und das war er wirklich: ein Jäger. Seine "Waffe" war eine Tube Klebstoff, kein Tischambiente war sicher vor ihm. Tassen, Teller, Speisereste, aber auch ganze Lampen und das Inventar eines Werkzeugkoffers - alles wurde kurzerhand angeklebt, konserviert und aufgehängt. 

Es sind diese sogenannten "Fallenbilder", die sofort in den Sinn kommen, wenn man den Namen Spoerri hört. Die schiere Menge und Vielfalt der von ihm produzierten Assemblagen illustriert aktuell die Ausstellung "Ich liebe Widersprüche" in der Hamburger Sammlung Falckenberg. Eine gigantische Retrospektive.

Das erste "Fallenbild" entstand 1959. Spoerri, der 1942 mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten aus Rumänien nach Zürich floh, hatte ursprünglich eine Ausbildung zum Tänzer gemacht. Erst in den 50er-Jahren widmete er sich als Autodidakt der bildenden Kunst und wurde neben Yves Klein, Pierre Restany und Jean Tinguely zum Mitbegründer der Nouveaux Réalistes, die sich von der Vorherrschaft des Abstrakten abgrenzen wollten.

Sie alle gingen ihm in die Falle

Internationale Bekanntheit erlangte Spoerri erst durch die besagten Geschirr-Arrangements. Er lud dafür Freunde ein, bekochte sie, man schmauste gemeinsam, trank Wein, rauchte, feierte, diskutierte. Und irgendwann – vermutlich am Ende, vielleicht aber auch noch mittendrin – begann Spoerri, die Spuren seiner Gäste festzukleben. Sie gingen ihm in die Falle: dreckige Teller, fleckige Tischdecken, Kippenstummel, heruntergebrannte Kerzen, verklebte Weingläser, Brotkrümel, Erdnussschalen, zerknüllte Servietten, Salzstreuer, Blumenvasen; alles wurde zu Kunst erklärt.

Ewig könnte man vor diesen vertikal an die Wand montierten, voll beladenen Tischen verharren. Sie sind wie Charakterstudien, im Kopf nehmen die Gäste Gestalt an. Spoerri destillierte aus dem Alltäglichen das Kuriose und adelte es zur Kunst. Das macht sein Werk so wunderbar zugänglich, ganz im Sinne des "Neuen Realismus". Und natürlich ist auch diesen Stillleben das vergängliche Moment inhärent, doch lastet es bei weitem nicht so schwer wie bei den barocken Vorgängern. Vielmehr lesen sich die Tische als Zeugnisse fröhlich-friedfertiger Zusammentreffen.

Spoerri entwickelte eine solche Leidenschaft für seine "Fallenbilder", fürs Kochen und das bunte Beisammensein, dass er im Jahr 1968 in Düsseldorf ein nach ihm benanntes Restaurant eröffnete: ein echtes Lokal mit einzigartigem Service. Wer wollte, konnte als Souvenir den eigenen Tisch erwerben, beklebt mit all den Überbleibseln des Essens. Die Resonanz war wohl nicht besonders groß. Schade eigentlich.

Lebensmittel als künstlerischer Rohstoff

Wenig später gesellte sich dann seine Galerie dazu, in der Werke rund um Nahrung ausgestellt wurden, etwa von Joseph Beuys. Kaum ein Künstler hat den Lebensmitteln mit vergleichbarer Hingabe gehuldigt wie Daniel Spoerri – sie wurden zu seinem künstlerischen Rohstoff und machten ihn zum Begründer der sogenannten Eat Art.

Im Laufe der Jahre entwickelte er seine Strategien immer weiter: Auf die "klassischen" Versionen der Tafelbilder folgten die "falschen Fallenbilder", in denen er künstliche Tischsituationen selbst arrangierte. Hinzu kamen die "Künstlerpaletten", bei denen er die Arbeitsutensilien auf den Tischen befreundeter Künstler und Künstlerinnen fixierte, sowie die Serie "Was bleibt": eine Sammlung von Gegenständen, die Flohmarktverkäufer in Wien – seinem späteren Wohnort - beim Zusammenpacken ihrer Stände zurückließen. 

In der Hamburger Ausstellung sind auch weniger bekannte Werkgruppen Spoerris zu sehen. Sie verdeutlichen, dass sein Œuvre über die "Blockbuster" hinausgeht. Da sind die "Brotteigobjekte" – Gegenstände wie eine Geige, ein Bügeleisen oder eine Schreibmaschine, aus denen eine gebackene Masse hervorquillt – oder die "Fadenscheinigen Orakel", bei denen Spoerri die gestickten Lebensweisheiten auf antiken Wandtüchern auseinanderschnitt und zu humorvollen Sinnsprüchen neu zusammenfügte.

Der Dialog mit der Avantgarde zündet nicht so recht

Die Kuratoren – Dirk Luckow, Goesta Diercks, Barbara Räderscheidt und der Galerist Thomas Levy – setzen Spoerris Kunst mit anderen künstlerischen Positionen der Avantgarde aus der Sammlung Falckenberg in einen Dialog. Da tauchen etwa Werke von Jonathan Meese, Hanne Darboven und Ray Johnson auf. 

Dieses Konzept, das wohl noch in enger Abstimmung mit dem Sammler Harald Falckenberg entstanden ist, bevor dieser 2023 starb, kann in dieser gewaltigen Schau seine Wirkung allerdings nicht ganz entfalten. Dafür gibt es auf den vier Stockwerken einfach zu viel zu sehen. Allein für die Opulenz der "Fallenbilder" könnte man Stunden einplanen, da braucht es nicht noch weitere Tangenten. Daniel Spoerri begeistert mit seinem originellen Kunstverständnis auch als solo act.