Darauf musste Deutschland 60 Jahre warten: Berlin ehrt Carol Rama

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Ihre erste Ausstellung wurde von der Polizei geschlossen, noch vor der Eröffnung. Das war 1945 in Turin. Die damals 27-jährige Ita­lienerin Carol Rama malte Bilder mit weiblichen Körpern, verhakt in Tiere und mit Prothesen versehen, erotisch aufgeladen und von schamloser Direktheit. Das war dem erzkatholischen Nachkriegs­italien nicht geheuer – die Arbeiten der Ausstellung verschwanden auf unerklärliche Weise und tauchten nie wieder auf.
Mittlerweile ist Carol Rama 91, und immer noch steht der verletzbare Körper in ihren mal expressionistisch-figurativen, mal abstrahierten Malereien und Collagen im Vordergrund. Die ausgewählte Retrospektive, die die Galerie Isabella Bortolozzi in Berlin jetzt zeigt, kann aus einem Werk schöpfen, das sechs Jahrzehnte lang aus allen künstlerischen Zeitströmungen herausgefallen ist. Zwar spielt die Künstlerin beispielsweise auf Fontana an, wenn sie eine ovale Fläche mit Löchern spickt, doch in all den Jahrzehnten hat sie sich in ihrer Heimat keiner Gruppe angepasst. Die wichtigsten – Arte povera in den 70er- und Transavantguardia in den 80er-Jahren – waren ohnehin von Männern geprägt. So setzte Carol Rama in ihrem Turiner Atelier Fingernägel und Puppenaugen, Felle und Krallen auf abstrakte Formationen und blieb dem Surrealismus verhaftet, während sich in der Mailänder Galerie Azimut gerade der modernistisch-kühle Zero-Stil durchsetzte. Später begann sie, Fahrradschläuche einzusetzen, die der Radfabrik ihres Vaters entstammten. Auch heute noch klebt sie Gummischläuche auf ornamentale Phallusmuster, Frauenkörper oder Fabelwesen.
Erst seit der Venedig-Biennale von 2003, als man ihr den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk verlieh, ist Carol Rama einem breiteren Publikum bekannt geworden. Die Werkübersicht bei Isabella Bortolozzi ist die erste in Deutschland – es wurde höchste Zeit.
 

Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, bis 20. Juni

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