Durch Belichtungszeiten von 15 Minuten und mehr, meist grandiose, aber eher selten klassisch-gefällige Bildkompositionen und eine für die Landschaftsfotografie teils ungewöhnlich geringe Schärfentiefe entstehen Darren Almonds Aufnahmen in bester romantischer Tradition. Es sind Landschaften, gefangen in Raum und Zeit, mystisch aufgeladen durch das ungewöhnliche Sonnenlicht, das durch unseren Erdtrabanten wie von einem riesigen Aufheller reflektiert wird und das in dieser Intensität mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist.
Am eindringlichsten sind Almonds Bilder, wenn wir teilhaben dürfen an seinem subjektiven, fast schlaftrunkenen Blick, der gerade durch das Geäst der Bäume hindurch oder an einem Felsvorsprung vorbei etwas in der Ferne erspäht hat – einen Gipfel, einen Strand, einen Wasserfall, eine Lichtung. Wir reisen vom Yosemite bis zur scheinbar spiegelglatten See vor der japanischen Küste, von Patagonien bis in die Eifel, von Bermuda in die Alpen und aus der englischen Heide bis nach Rügen. Man hat das Gefühl, in Landschaften einzutauchen, die noch nie ein Mensch betreten hat. Oder die gerade erst von Menschen nach ihren Idealvorstellungen erschaffen wurden. Als wären sie fotografische Umsetzungen von alten, sanften Gemälden. Der Geist eines Caspar David Friedrich ist in fast jedem Bild spürbar. Dabei blicken wir jedoch nicht von hinten auf den Wanderer über dem Nebelmeer, sondern wir werden selbst zu diesem einsamen Wanderer.
Und tatsächlich hat sich Darren Almond zu Beginn seines Langzeitprojektes an den großen Meistern der Landschaftsmalerei wie William Turner, John Constable und Paul Cézanne orientiert und einsame Orte besucht, die ihnen als Motive gedient haben. Aber auch Schriftstellern und Wissenschaftlern wie dem Polarforscher Robert Falcon Scott, dem russischen Dichter Joseph Brodsky, dem Astrologen Nostradamus, dem Naturschützer John Muir und dem Evolutionsforscher Charles Darwin folgte er. Der heute 54-Jährige unternahm im wahrsten Sinne des Wortes Entdeckungsreisen, und das sieht man seinen Bildern auch an: Wir spüren die Ehrfurcht und Erschöpfung vor diesen unbekannten Szenerien, die uns gleichzeitig sehr vertraut vorkommen. Damit steht Almond ganz in der britischen Tradition und sucht nach neuen Wegen, Landschaften wahrzunehmen. Dafür ist er in der Vergangenheit bereits mehrfach geehrt worden: 2003 vertrat er Großbritannien auf der 50. Biennale in Venedig, 2005 war er für den Turner Prize nominiert und 2014 stand er auf der Shortlist für den Prix Pictet.
Viel ist nicht gleich viel
Das nun bei Taschen neu aufgelegte Buch "Fullmoon" versammelt mit 370 Bildern auf 564 Seiten 110 Aufnahmen sowie 164 Seiten mehr als die ursprüngliche Ausgabe, die bereits Ende 2014 erschienen ist. Es ist ein prächtiger, schwerer Bildband geworden, ein Coffee-Table-Book im besten Sinne – mit all seinen Stärken und Schwächen.
Die Stärken sind offensichtlich, denn Almonds meist quadratische Fotografien sind so wunderbar und dekorativ, dass man sich schon zurückhalten muss, einzelne Seiten nicht vorsichtig mit einem Skalpell herauszutrennen und sich für die Wand einzurahmen. Und an einer Auswahl mangelt es dem Buch, wie bereits erwähnt, nicht. Und das ist in dieser Fülle leider auch eine Schwäche, zumindest aus Sicht eines Fotobuchliebhabers. Auf Dauer ist die Ansammlung und Aneinanderreihung dieser überwältigend schönen Landschaften etwas langatmig. Das war bereits bei der Erstauflage so und ist durch fast ein Drittel mehr Fotos nicht besser geworden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass alles hineingepackt wurde, was an Material vorhanden war. So haben es auch schwächere Bilder und sogenannte Doubletten, also Fotos, die nahezu identisch aussehen wie ein anderes Bild, ins Buch geschafft, ohne dass es dafür inhaltliche Gründe gibt.
"Fullmoon" folgt keiner Dramaturgie oder Sequenzierung und ist mehr eine Bestandsaufnahme oder ein Übersichtskatalog als ein künstlerisches Statement. Das ist deshalb bedauerlich, weil sich beim Betrachten schnell eine gewisse Müdigkeit einstellt. Eine deutliche Verdichtung und eine weniger konservative Anordnung mit Unterbrechungen und visuellen oder gar inhaltlichen Überraschungen hätten dem "Lesegenuss" jedenfalls gutgetan. Denn das Problem von "Fullmoon" ist nicht, dass es keine guten Bilder hätte – es zeigt vielmehr, dass viele gute Fotos alleine nicht ausreichen, um auch ein wirklich gutes Fotobuch zu machen.