"Berlin Museum ist ein Name, der sofort verständlich ist." Da hat Marco Barsda Oft zweifellos recht, Leiter Marketing und Kommunikation der Stiftung Stadtmuseum. Das gibt es ab sofort nicht mehr. Sondern eben das Berlin Museum. Nur, was so neu daherkommt, hat eine Vorgeschichte.
Städte haben ihr Stadtmuseum. Berlin hatte gleich zwei.
Das war bis zur Wiedervereinigung so. Bis 1990 gab es Berlin doppelt, West und Ost, und viele Kultureinrichtungen ebenfalls. In Ost-Berlin gab es das Märkische Museum, dessen aus der Gründungszeit herrührender Name als Bezeichnung für das, was das Haus bereithielt, im Laufe der Zeit immer weniger verstanden wurde, denn die „Mark“, die Mark Brandenburg nämlich, existierte zu DDR-Zeiten nur mehr als geografische Bezeichnung, nicht aber als historisch-politische Größe. In West-Berlin gab es lange Zeit gar nichts, die Halbstadt hatte ja auch wenig Geschichte und bestand eher aus dem, was man vor dem Krieg noch die "westlichen Vororte Berlins" genannt hatte.
Da wurde dann 1962 das Berlin Museum gegründet. Das Gründungsdatum ist kein Zufall – im Jahr zuvor war die Mauer hochgezogen und Ost- und West-Berlin definitiv getrennt worden. Wer bis dahin im irgendwie verträumten Märkischen Museum die Geschichte Berlins erkunden wollte, kam nun nicht mehr hinüber über das, was die SED zur "Staatsgrenze der DDR" hochjubelte, und was doch nur die Sektoreneinteilung der alliierten Mächte von 1945 war.
Die (Vor-)Geschichte des Berlin Museum
Mochten sich spätere West-Berliner Senatoren auch gerne mit dem Berlin Museum und seiner altberlinisch ausstaffierten Weißbierstube schmücken – wie viele Empfänge gab es da, bei den ach so typischen Buletten und Soleiern im Glas! –, anfangs genoss das Museum keinen allzu großen offiziellen Rückhalt. Die Senatsverwaltung bezweifelte, dass eine zeigenswerte Sammlung aufgebaut werden könnte; eine Abwehrhaltung, die sich Jahrzehnte später bei der Gründung des Deutschen Historischen Museums wiederholen sollte.
Doch schon beim Berlin Museum wurde sie schlagend widerlegt. Denn den Initiatoren, darunter die hoch angesehene Historikerin Irmgard Wirth, die denn später auch zur Gründungsdirektorin berufen wurde, gelang es mittels Spenden und Stiftungen, sehr schnell einen Grundbestand zusammenzubringen. Sieben Jahre später bezog die Institution ihr eigenes Haus, das ehemalige Kammergericht in der Kreuzberger Lindenstraße, eines der wenigen Zeugnisse des alten Berlin inmitten der Neubauten der Nachkriegszeit. Obwohl – auch das Kollegienhaus, als das es 1735 errichtet worden war, war eine West-Berliner Rekonstruktion auf den Ruinen des zu 80 Prozent kriegszerstörten Ursprungsbaus.
Das Berlin Museum, zur Eröffnung 1967 als Landeseinrichtung übernommen und finanziell gesichert, wurde eine Erfolgsgeschichte, nicht zum Geringsten dank der erwähnten Museumskneipe. Es gab ja sonst kaum Alt-Berlin im Westen. Doch mit der Wiedervereinigung 1990 änderte sich das grundlegend. Nicht sofort, aber immerhin 1995 wurden Märkisches und Berlin Museum unter dem Dach der Stiftung Stadtmuseum vereinigt. Allerdings fiel das nunmehr ehemalige Berlin Museum bald aus diesem Konstrukt heraus. Es wurde – das ist eine eigene, lange Geschichte – dem neugegründeten und 1999 eröffneten Jüdischen Museum Berlin zugesprochen.
Warum so schüchtern?
Nun war das städtische Museum Berlins wieder ganz allein dort, wo es begonnen hatte, in dem Backsteinbau von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, 1896 geplant und1908 bezogen. Dass die Architektur sich explizit auf die Baugeschichte der Mark Brandenburg bezieht und sogar Details einzelner Bauten zitiert, muss man heutigen Besuchern erst erklären. Die "Mark" ist als historische und kulturelle Einheit nicht mehr im allgemeinen Bewusstsein verankert.
Und so reifte denn in der Stiftung Stadtmuseum der Entschluss, den griffigen Namen "Berlin Museum" wiederzuverwenden. Nur enthält die entsprechende Pressemitteilung keine Silbe darüber, dass dies der Name der Vorgängereinrichtung im Westen der Stadt war. Warum so schüchtern? Weil man um Himmelswillen nicht den Verdacht erwecken will, erneut eine "westliche" Institution zu werden?
Empfindlichkeiten gibt es genug, sie liegen oft unter einer nur dünnen Oberfläche. Im Märkischen Museum hielt man sich viel darauf zugute, weitgehend frei vom ideologischen Mainstream der DDR die Lokal- und Regionalgeschichte hochgehalten zu haben. Zu Recht. Doch auch diese Erinnerung verblasst, so wie die an das Kreuzberger Konkurrenzmuseum.
Übrigens umfasst die Sammlung des Museums laut Selbstauskunft "rund 4,5 Millionen Objekte und Dokumente". Derzeit ist das Museumsgebäude am Köllnischen Park geschlossen, es wird renoviert und 2028 samt Erweiterungsbau wiedereröffnet. Selbstverständlich als Berlin Museum.