Berlin

Das Brücke-Museum bekommt einen Erweiterungsbau

Das Brücke-Museum in Berlin braucht dringend mehr Platz. Nun steht der Entwurf für den Erweiterungsbau fest: Wie einst Werner Düttmann setzen die drei prämierten Architekturbüros auf Pavillons und den engen Bezug zur märkischen Landschaft

Was waren das für Zeiten, als der Berliner Senatsbaudirektor nicht nur darüber entscheiden konnte, was gebaut wurde, sondern im Bedarfsfall gleich selbst die Architektur entwerfen konnte! So war es in der Ära Werner Düttmann, der ein sehr selbstbewusster Senatsbaudirektor war, aber eben auch ein hervorragender Architekt. Ihm ist unter anderem die Akademie der Künste zu verdanken. Als Karl Schmidt-Rottluff, Maler und Mitbegründer der Künstlergemeinschaft Brücke im Jahr 1905, im hohen Alter entschied, seinen Nachlass dem Land Berlin zu schenken, sofern dafür ein eigenes Museum gebaut würde, fragte er Düttmann, ob er das machen wolle. So geschah es, und nach nur einjähriger Bauzeit wurde das Brücke-Museum 1967 eröffnet.

Die Zeiten der hemdsärmeligen Nachkriegs-Macher wie Düttmann sind vorüber. Heute muss es ein ausgewiesener, nach allen EU-weiten Richtlinien durchgeführter Wettbewerb sein, um einen Entwurf für den dringend benötigten Erweiterungsbau für das längst zu klein gewordene Brücke-Museum zu küren. Der wurde soeben entschieden. Drei Preisträger wurden benannt, und mit ihnen wird die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen "ein Vergabeverfahren durchführen, bei dem die Platzierung im Wettbewerb ein zentrales Bewertungskriterium darstellt." Bedeutet: Wer als Erster durchs Ziel ging, soll vorrangig auch mit der Realisierung beauftragt werden. Aber es kann nötigenfalls auch von der Reihenfolge abgewichen werden.

Das ist nicht zu befürchten, denn die Sieger sind erfahrene Architekten und werden liefern, was sie in ihrem Entwurf versprechen. Es handelt sich um Barkow Leibinger gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten vom Büro Fabulism, alle aus Berlin. Zweiter wurde das irische Büro Heneghan Peng aus Dublin mit Juca Landschaft und Architektur und Adb Büro für Architektur, Denkmalpflege und Bauforschung Steffen Obermann, beide Berlin, und auf den dritten Platz kamen Bächlemeid Architekten Stadtplaner mit Planorama Landschaftsarchitektur, ebenfalls Berlin.

Naturbezug ist für das Museum essenziell

Dass jeweils eine Arbeitsgemeinschaft aus Architekten und Landschaftsarchitekten gefordert war, verweist auf den besonderen Charakter der Aufgabe. Das Brücke-Museum steht mittlerweile auf der Denkmalliste, nicht nur seiner Architektur wegen, sondern auch dank seiner Einbettung in die märkische Kiefernlandschaft am Rande des Grunewalds, aus dem seinerzeit ein Eckchen herausgeschnitten werden konnte – auch das heute so ziemlich undenkbar.

Fotos der Eröffnungszeit Ende der 1960er-Jahre zeigen – zumal in Schwarz-Weiß! – ein hingestrecktes, kaum aus dem Boden herausstehendes Bauensemble, so karg und streng wie eben der märkische Sand, aus dem die Kiefern hoch und dürr herausragen. Der Naturbezug ist für das Museum, vor allem aber für die darin bewahrte Kunst der "Brücke" essenziell, und so hat Düttmann das Museum aus geschickt gegeneinander versetzten, U-förmigen Betonschalen konstruiert, die zwischen sich Nischen mit Ausblicken in die Umgebung frei lassen, während Tageslicht durch Oberlichter an den Wänden herunterläuft.

Diesem Ensemble, das bis heute als eine der schönsten Museumsschöpfungen überhaupt gilt, einen Erweiterungsbau an die Seite zu stellen, ist eine delikate Aufgabe, zumal nebenan der wuchtige Kasten des für Arno Breker geschaffenen NS-Staatsateliers steht, das heutige Kunsthaus Dahlem. Höher als das ursprüngliche Brücke-Museum darf die Erweiterung nicht sein, sie kann auch nicht unmittelbar ans Bestandsgebäude andocken, das allseitig mit den erwähnten Ausblicken versehen ist. Bleibt also nur der Platz dahinter, noch ein bisschen weiter in den Wald hinein.

Alle drei Preisträger mit einem Ensemble aus Pavillons

240 Architekturbüros hatten sich an der ersten Stufe des Wettbewerbs beteiligt. 18 wurden für die zweite Stufe ausgewählt, in der die Kooperation mit Landschaftsarchitekten vorgeschrieben war. Alle drei Preisträger haben sich für ein Ensemble aus Pavillons – oder einem zusammengesetzten Pavillon – entschieden, wie es Düttmann ja auch getan hatte. Und für alle drei ist der Ausblick in die Landschaft Teil des Entwurfs.

Frank Barkow und Regine Leibinger, deren größtes Projekt der fast fertige Hotelturm des Estrel Tower im Süden Neuköllns ist, wollen ein Untergeschoss halb eingraben, für die geforderten Funktionsräume, an denen es im Altbau mangelt. Darüber liegt die Ausstellungsfläche samt Bibliothek in durchgehenden Räumen von leicht gestaffelter Höhe, belichtet durch Sheddächer. 

Architekturvisualisierung: Heller Saal mit Oberlichtern, Gemälden und Naturinstallation, Besucher.
Rendering: Barkow Leibinger

Der erste Preis im Wettbewerb zum Brücke-Museum geht an das Berliner Büro Barkow Leibinger

Die zweitplatzierten Heneghan Peng haben mit dem im vergangenen November eröffneten Grand Egyptian Museum in Kairo-Gizeh einen Riesenbau verwirklicht, konzipiert für mehr als 30.000 Besucher täglich; aber auch mit dem Palestinian Museum in Bir Zeit nördlich von Jerusalem einen flach hingestreckten Bau in karger Landschaft. Für Berliner von Interesse ist, dass sie bereits 2023 den Wettbewerb für den Umbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gewonnen haben. Die Arbeiten haben endlich begonnen, dabei soll die Turmruine geöffnet werden, so dass Regen und Schnee hineinfallen können, während für die Besucher eine neue Wegeführung vorgesehen ist.

Architekturfoto: Niedrige Museumspavillons im Kiefernwald, Holz- und Glasfassaden, Pflasterweg.
Rendering: Heneghan Peng Architects

Entwurf von Heneghan Peng Architects

Die drittplatzierten Bächlemeid Architekten Stadtplaner besitzen zwar eine Berliner Adresse, haben bislang aber vorwiegend im Südwesten der Bundesrepublik gebaut, Wohnhäuser, Kitas, Feuerwachen, dazu ein Stadttheater im bayerischen Landshut.

Niedrige Flachbauten mit großen Fenstern im Kiefernwald; zentraler Hof, Weg vorn, Menschen.
Rendering: Bächlemeid Architekten Stadtplaner

Entwurf von Bächlemeid Architekten Stadtplaner

Das Brücke-Museum bekommt nun endlich dringend benötigte Flächen, so dass nicht mehr wie bislang die Sammlung für Sonderausstellungen komplett beiseite geräumt werden muss. Zudem sind Funktionsräume für die Mitarbeiter, für Verwaltung und Museumspädagogik im Programm, etwas, das es 1967 schlicht noch nicht gab, als der jahrzehntelang erfahrene Museumsmann Leopold Reidemeister – Freund der Brücke-Mitgründer und großzügigen Stifter Schmidt-Rottluff und Erich Heckel – das Museum als Ein-Mann-Betrieb führte. Na, als Zwei-Mann-Betrieb – denn immerhin war im Ursprungsbau eine Hausmeisterwohnung inbegriffen. 

Irgendjemand musste schließlich nach Feierabend das metallene Tor in der Betonmauer schließen, durch das die Besucher noch heute hereingehen wie zum Besuch eines Privathauses mit Garten. Diese Einstimmung auf die Brücke-Kunst bleibt auch künftig erhalten. Knapp 26 Millionen Euro für den Erweiterungsbau sind ins Investitionsprogramm des Landes Berlin eingestellt, abzurufen über die kommenden Jahre.

Der Ursprungsbau hat einen Bruchteil gekostet; wie viel, ist nie offiziell genannt worden, es waren großenteils private Mittel. "Es müsste jeder Besucher für eine Weile dort froh werden", schrieb der dankbare Schmidt-Rottluff dem Architekten Düttmann nach der Eröffnung im September 1967. Das steht als stilles Leitmotiv auch über dem Erweiterungsbau.