Corona-Krise

Das Ende der Blockbuster-Shows

Besucherin Cora Grasshoff betrachtet mit Mundschutz in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus das Bild "Blaues Pferd 1, 1911" des Künstlers Franz Marc. Das Museum ist seit dem 12. Mai wieder geöffnet und hatte an diesem Tag 126 Besucher
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Besucherin Cora Grasshoff betrachtet in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München das Bild "Blaues Pferd 1" von Franz Marc. Das Museum ist seit dem 12. Mai wieder geöffnet und hatte an diesem Tag 126 Besucher

Gerade vermeldeten viele Museen noch Rekordbesucherzahlen für 2019, da wurde der Ausstellungsbetrieb komplett eingefroren. Auch nach dem Corona-Lockdown hat die Blockbuster-Schau als Maß aller Dinge vorerst ausgedient. Was kommt stattdessen?

2019 lief es für viele Museen richtig gut. Unfassbare 9,6 Millionen Menschen aus aller Welt kamen etwa in den Louvre, so viele wie nie zuvor. Das Pariser Museum setzte seine Erfolgswelle Anfang dieses Jahres fort mit einem Besucherrekord von 1,1 Millionen Menschen allein für die Leonardo-da-Vinci-Ausstellung. Auch das Frankfurter Städel Museum vermeldete noch Mitte Februar, dass die Ausstellung "Making van Gogh" die meistbesuchte Sonderschau in der Geschichte des Hauses war. Das Madrider Prado verzeichnet im Jubiläumsjahr 2019 einen Besucherrekord, alle durchgefeierten Bauhaus-Institutionen ohnehin. Auch kleine Häuser jenseits der Zentren schickten noch Anfang des Jahres stolz ihre Rekordergebnisse herum. Museumsbesuche waren erfreulicherweise ein Volksvergnügen geworden.

Dann kam Mitte März der Corona-Lockdown, und die Museen gehörten zu den ersten Einrichtungen, die schließen mussten. Es war ein Schock! Der Stillstand bedeutete nicht nur Einnahmeverluste durch wegbrechende Eintrittsgelder bei fortlaufenden Fixkosten, sondern auch ein abruptes Ende der Logik, nach der Besucherzahlen die verlässlichste Größe für Erfolg sind.

Hektisch stürzten sich die Angestellten in die Produktion digitaler Inhalte: Die Kuratorin wurde zur Podcasterin, der Museumsdirektor zum Live-Moderator auf Instagram. In vielen dieser improvisierten Produktionen konnte man deutlich spüren, wie sehr die Mitarbeiter*innen ihr plötzlich abhanden gekommenes Publikum vermissten. Museen sind die öffentlichen Orte überhaupt: von einem aufgeklärten und selbstbewussten Bürgertum dem Adel entrissene oder selbst geschaffene Räume und Sammlungen zur Reflexion der eigenen Geschichte und Situation. Wenn solche Einrichtungen ihre Öffentlichkeit verlieren, verlieren sie ihre Legitimation.

Die Besucherzahl kann nicht alles sein

Jetzt eröffnen die Museen wieder vorsichtig. Niemand durchschneidet ein Band, es werden keine Reden gehalten und niemand stößt darauf an. Und doch geht es um alles. Schon zeigen sich die ersten Institutionen enttäuscht, dass Besucher*innen ausbleiben, obwohl man doch bereits wegen wegen des eingebrochenen Tourismus und der Hygienemaßnahmen, die nur eine gewisse Anzahl von Menschen auf einer Ausstellungsfläche erlauben, Einbußen in Kauf nehmen muss.

Es steht zu befürchten, dass sich daran so schnell auch nichts ändern wird. Massen, die sich an Meisterwerken vorbeischieben, das gehört erst einmal der Geschichte an. Die Frage ist da: Welche Kenngröße haben die Museen, um ihren Erfolg zu messen. 

Der Direktor des Lenbachhauses in München, Matthias Mühling, hat kürzlich auf einer Tagung einen Vortrag über Blockbuster gehalten. Die Besucherzahl sei ohnehin nie alles gewesen, gibt er jetzt zu bedenken. "Wichtig ist doch auch, welche Menschen kommen, warum kommen sie, wie lange verweilen sie, welche Bücher kaufen sie im Shop – all solche Fragen." Natürlich gebe es auch die durch Marketing künstlich zu Blockbustern aufgeblähte Schauen, aber Mühlings Ideal ist es, ein Programm zu machen, das populär und klug ist. Für ihn ist Bertholt Brechts Dreigroschen-Oper das perfekte Beispiel für einen gelungen Blockbuster: wenn Frank Sinatra in Las Vegas die Moritat von Mackie Messer singe und damit unterhaltsam die Widersprüche des Kapitalismus thematisiere.

"Die Leute stehen doch so gerne in der Schlange", so Mühling. "Man will doch immer teilen, was man erlebt." Wer jetzt von der Chancen für Kontemplation in leeren Museen schwärmt, lasse diese soziale Komponente außer acht. Deshalb müssen in der Zeit der Kontaktbeschränkungen Wege der Kommunikation gefunden werden, etwa im Digitalen.

Museum als ein Ort des Anderen

Mühling wendet sich völlig zu Recht gegen eine elitistische Idee von Museum. In Smash-Hits, Blockbustern, kanonischen Werken verdichtet sich Diskurs: Wenn viele Menschen eine Sache intellektuell und emotional bearbeiten, kann eine produktive Spannung entstehen. Doch in Coronazeiten ist das Museum auch als ein Ort des Anderen gefragt, in dem Widerständigkeit geprobt und erlebt und ausgehalten wird, und eine Politik, die diesen Aspekt als Aufgabe des Museums versteht.

In den vergangenen Jahren stellten Kunsthistoriker*innen selbst den kunstgeschichtlichen Kanon wie lange nicht mehr in Frage. Die Blockbuster-Show mit Meisterwerken eines meist männlichen "Genies" wirkte da wie ein seltsames Überbleibsel – auch wenn die Menschen weiter davor Schlange standen. 

Für uns Besucher*innen kommt jetzt erstmal eine Zeit, in der ganz neue Erfahrungen vor der Kunst möglich sind. Wir sollten es genießen. Das Gedränge wird früh genug wieder losgehen.