Es war die präsenteste Erinnerung an die Documenta Fifteen: Das bunt bemalte ehemalige Kaufhaus an der Kasseler Treppenstraße, in dem sich 2022 einer der beliebtesten Anlaufpunkte der Weltkunstschau befand. Das sogenannte Ruruhaus war einerseits Ausstellungsstandort, aber auch Willkommenszentrum mit Ticketschaltern, einem Buchladen und einem Café zum Pause machen. Auch die Documenta-Kuratoren des indonesischen Kollektivs hatten Büros und Meetingräume in dem Gebäude.
Nach der Documenta wurde das Ruruhaus zum Corona-Impfzentrum, steht aber seit mehreren Jahren leer. Nur die orange-grün-lila-gelbe Fassade mit ineinander verschlungenen Händen erinnerte an den Sommer 2022 und war ein Farbklecks in der sonst eher gedeckten Kasseler Innenstadt. Nun wurde das Wandbild, das der Verein Kolorcubes im Auftrag von Ruangrupa gemalt hatte, jedoch überstrichen. Das Ruruhaus ist wieder weiß, offiziell aus Denkmalschutzgründen, denn das gesamte 50er-Jahre-Bauensemble um die Treppenstraße ist als bewahrenswert eingestuft. Zukünftig soll das Ex-Ruruhaus ein Kulturort werden, ein Architektenwettbewerb ist ausgerufen.
Trotzdem hat die Übermalung der Documenta-Graffiti für viel Kritik gesorgt. Wie die "Hessische Niedersächsische Allgemeine" (HNA) berichtet, bezeichnete die Initiative Stand with Documenta die Aktion als "Armutszeugnis". In der Gruppe haben sich Künstlerinnen und Unterstützer der Ausstellung zusammengeschlossen, um sich für die Unabhängigkeit der Documenta von politischer Einflussnahme einzusetzen; dabei sind auch drei ehemalige Kasseler Oberbürgermeister. Lokale Abgeordnete der SPD übten laut HNA ebenfalls harsche Kritik. Man sei "fassungslos", dass die Entscheidung ohne Einbeziehung der politischen Gremien in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" getroffen und umgesetzt worden sei. Die Linke warf der Stadtverwaltung vor, sie wolle offenbar jede Erinnerung an die wegen des Antisemitismus-Skandals kontroverse Documenta Fifteen auslöschen.
Bleiben und Verschwinden einer Documenta
Um den Verbleib von Documenta-Werken in Kassel gibt es immer wieder Streit. 2018 hatte die Stadt das "Fremdlinge und Flüchtlinge Monument" des Künstlers Olu Oguibe ebenfalls unerwartet abgebaut. Für den Obelisken mit einem Jesus-Zitat, eines der Hauptwerke der Documenta 14, fand sich später ein neuer Standort. Es ist jedoch auch nicht ungewöhnlich, dass Spuren einer Documenta ganz aus dem Stadtbild verschwinden. Die nächste Ausgabe (D16) beginnt in fast genau einem Jahr. Ob man dann das Logo ihrer Vorgängerin prominent in der Nähe des Fridericianums haben will, lässt sich infrage stellen.
Ganz unsichtbar ist die Documenta Fifteen jedoch nicht. In unmittelbarer Nähe des Ruruhauses gibt es ein großes Wandbild, das der Kasseler Verein Kolorcubes zusammen mit dem Kollektiv Britto Arts Trust aus Bangladesch gemalt hat. Darauf sind Helden aus den jeweiligen Heimatländern der Künstler zu sehen, unter anderem der Rapper Torch, der Komiker Heinz Erhardt und die Schauspielerin Shabana. Dieses Kunstwerk soll nach aktuellem Stand erhalten werden.