So wirklich überrascht hat die Nachricht in diesem Herbst dann leider doch nicht: MTV stellt zum Jahresende zwar nicht vollends den Betrieb ein, wohl aber das Ausstrahlen von Musikvideos. Jenes Format, das den Sender einst groß machte und gleichzeitig zum Leitmedium der Gen X und Millennials.
Für Kinder der 1980er und 1990er-Jahre waren Musikvideos das Allergrößte. Sie waren das Tor zur Welt, ein Schimmer der Hoffnung, ein Versprechen aufs Glück, dass mit Musik im Leben mehr geht als das Darben und Dahinvegetieren in der westdeutschen Provinz. Jede neue coole Band wurde zum bedingungslosen Idol. Musikgeschmäcker prägten sich durch MTV aus. Hip-Hop, Metal, Grunge, Britpop, Clubmusik – durch die Clips wurden auch Angebote und Wunschwelten geschaffen, zu welchen Szenen man dazugehören wollte.
Wenn auch rückblickend einige Identifikationsschablonen viel zu kurz und naiv gedacht waren. So erinnere ich mich, wie ich mit 18 das erste Mal in Kalifornien war, um Verwandte zu besuchen. Auf die Frage, was ich denn am liebsten sehen will – Disneyland, Hollywood Hills, Hermosa Beach – antwortete ich: Compton. Die entsetzten offenen Münder und das betretene Schweigen erinnere ich bis heute. Natürlich war ich damals nicht in dem Vorort, auch wenn N.W.A und andere Rap-Stars der Westküste von dort herkamen und dort ihre Videos drehten. Mit der Zeit verstand ich, dass das zu gefährlich gewesen wäre.
Ähnlich war es, als mein Englischlehrer Ideen sammelte, wohin man denn zur Abi-Abschlussfahrt hinfahren könne. Ich schlug Manchester vor: Factory Records, The Haçienda, Joy Division, meinetwegen auch Oasis, das musste doch cool sein. Was zur Hölle ich denn da wolle, fragte er mich mit Stirnfalten tief wie Straßenschäden auf Korfu. Wir fuhren stattdessen auf die korrupte Steueroase Jersey. War aber schön da. Wirklich.
Video Killed the Radio Star
Für Kinder und Jugendliche aus Europa, die mit der soziokulturellen Gemengelage der US-amerikanischen Popkultur nicht direkt was zu tun hatten, war das schwer nachzuvollziehen. So waren Highschools deshalb das Allercoolste, weil sie in Musik- und Skatevideos oft als Kulisse dienten. Wer denkt da schon an Columbine?
Und so gesehen war es auch eine Art Privileg qua Distanz, sich Popkultur wie am Kiosk Saure Gurken und Colakracher von Haribo Stück für Stück zusammenstellen zu können. Jahrelang terrorisierte ich meine Eltern, eine Astra-Satellitenschüssel zu kaufen, nur um MTV gucken zu können – was ich nach erfolgreich penetrant absolvierter Mission auch exzessiv tat.
Musikvideos etablierten sich seit dem ersten MTV-Clip vom 1. August 1981 "Video Killed The Radio Star" zur eigenen Kunstform. Kleiner Einschub: Der Song der Buggles, der die Ära MTV einleitete, war zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre alt. Heute ist das Lied aber unwiderruflich mit dem Start des Musikfernsehens verbunden. Passt auch einfach zu gut ins Storytelling.
Viele große Regisseurinnen und Regisseure begannen ihre Karrieren mit Musikvideos oder ließen es sich nicht nehmen, sich trotz erfolgreicher Karrieren auf das kommerzielle Format der Tonträgerwerbung (weil mehr war und ist es am Ende nicht) einzulassen. Und die Liste ist lang: David Fincher drehte Videos für Madonna ("Vogue") und Aerosmith ("Janie’s Got A Gun"), Spike Lee verfilmte "Fight The Power" von Public Enemy. David Lynch drehte "Wicked Game" von Chris Isaak, Martin Scorsese "Bad" von Michael Jackson. Ridley Scott (Roxy Music, Bryan Ferry), Jonathan Glazer (Radiohead, Jamiroquai), Gus Van Sant (Red Hot Chili Peppers), Sofia Coppola (The White Stripes), Sam Mendes (The Killers), Harmony Korine (Sonic Youth, Rihanna), Spike Jonze, Anton Corbijn und Michel Gondry. Man könnte hier eine ganze Weile weitermachen.
MTV-Praktikum eines Wannabe-Poptheoretikers
Ende 2004 machte ich ein Praktikum bei MTV in Berlin. Kurz zuvor wurde der Konkurrent Viva geschluckt, was bei den Kölner Fernsehsender allgemein weniger gut ankam. Auch weil hinter der Übernahme das große US-Medienunternehmen Viacom steckte und man schon ahnte, dass die Tage des unabhängigen deutschen Musikfernsehens gezählt gewesen sind. Ich arbeitete für sechs Monate bei der Abteilung Research, was für einen angehenden Wannabe-Poptheoretiker spannend klang, im Alltag aber hauptsächlich aus Excel-Tabellen und Auswertungen von Fernsehquoten bestand. Ich wurde positiv enttäuscht.
Zum einen stellte ich fest, dass MTV auch nur ein Unternehmen wie viele andere war und vor allem durch Verkauf von Werbung existieren konnte. Zu der Zeit befand sich das Musikfernsehen schon in einer handfesten Krise. Es war die unsägliche Zeit der Klingeltonwerbung, die niemand wollte, aber letztlich die Gehälter von vielen sicherte.
Es waren nicht visionäre Musikvideos wie die von Hype Williams oder Chris Cunningham, die Quoten brachten, sondern Pseudo-Reality-Formate wie "Cribs" und vor allem "Pimp My Ride" mit Xzibit, das alle anderen Sendungen überschattete. Das Dilemma zeichnete sich damals schon ab und dieser "Erfolgsweg" dauert bis heute an. MTV wird ab 2026 ausschließlich auf Shows wie "Teen Mom" und "Ridiculousness" setzen.
MTV wird schon lange durch nonlineare Medien ersetzt
Andererseits konnte ich durch meinen damaligen Chef mein erstes eigenes redaktionelles Format entwickeln, eine Art monatlicher Trendnewsletter, das ich einige Jahre mit einem kleinen Team betreuen durfte und ohne das ich heute nicht als Redakteur und Journalist tätig wäre. Waren Rapper wie Snoop Dogg in der Stadt, musste die Redaktion aufbrechen, um dutzende Chicken-Eimer von KFC für die riesigen Entourages zu besorgen. Einmal traf ich sogar David Hasselhoff, den Helden meiner "Knight Rider"-Kindheit. Das Foto hüte ich bis heute auf meiner Festplatte.
Die Relevanz von Musikfernsehen wurde damals also schon in Frage gestellt. Mit MySpace und später Facebook, Twitter und YouTube deutete sich die Zeit der sozialen Medien an. Man sollte fairerweise aber nicht vergessen, dass das Musikfernsehen aus der Zeit auch eine große Talentschmiede gewesen ist. Joko und Klaas, Heike Makatsch, Matthias Opdenhövel, Palina Rojinski, Jessica Schwarz, Christian Ulmen, Nora Tschirner, Enie van de Meiklokjes – viele Gesichter prägen die hiesige Fernseh- und Filmwelt bis heute.
Und Musikvideos sind weiterhin wichtig, wenn auch ein zentraler Container wie MTV schon lange durch nonlineare Medien ersetzt wurde. Den heute weltweiten Erfolg von K-Pop hätte es ohne Psys aberwitziges "Gangnam Style" auf YouTube von 2011 nie gegeben. Drakes "Hotline Bling" brachte 2016 die Kunst von James Turrell einer sonst kunstfernen Klientel näher. Aber auch der Künstler selbst freute sich über seine neue Popularität.
Was wird das letzte Video auf MTV sein?
Musikvideos können auch heute noch Meisterwerke sein, nur als großes Gesprächsthema taugen sie im seltensten Fall, was aber auch am extrem segmentierten Musik und Medienkonsum dieser Tage liegt. Es sprechen am Montag auch immer weniger Menschen über den Tatort vom Vorabend.
Allerdings bringt es wenig, kulturpessimistisch auf die Gegenwart zu treten – früher war vieles toll, aber nicht unbedingt besser, nur weil es limitiert vorlag. Die exorbitanten Budgets wie damals bei John Landis’ Verfilmung von Michael Jacksons "Black or White" wird es allerdings wirklich nicht mehr geben. Aber große Kunst entsteht nicht immer gezwungenermaßen erst dann, wenn Geld keine Rolle spielt. Das zeigen genug gegenwärtige Hollywood-Blockbuster mit dreistelligen Millionenetats.
Bleibt die Frage, was das letzte Video sein wird, das MTV kurz vor Neujahr spielt, wenn nach über 44 Jahren eine Ära tatsächlich zu Ende geht. "The End" von The Doors? "Thank You For the Music" von ABBA? "Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei"? Es macht Spaß, in Gedanken Wetten abzuschließen. Wirklich gucken werden die letzte MTV-Sendung wohl aber die allerwenigsten.