Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie

Das Evangelium des Maurizio Cattelan

Maurizio Cattelans Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie will aus Kunst ein Gotteshaus für dunkle Zeiten machen. Doch unser Kolumnist sieht vor allem eine überholte Mischung aus Ironie, Skandal und Marktlogik – und fragt, ob der Preis der Nationalgalerie damit nicht seine eigentliche Idee verrät

Früher, als ich noch scharf aussah und es kein Internet gab, ging ich gerne zum Bäcker. Das war in einer Zeit, als in jeder Bäckerei ein Kundenmagazin lag, das wirklich alle lasen: die "Bäckerblume". Und in diesem Blättchen gab es eine Witzseite mit den unwitzigsten, ausgeleierten Witzen der Welt. Lehrer: "Fritzchen, wo liegt denn das Tote Meer?" Fritzchen: "Keine Ahnung, Herr Lehrer, ich wusste gar nicht, dass es krank war!" Jede Woche warteten wir auf die Seite, lasen uns diese völlig humorfreien Witze vor und lachten uns tot. Es war schließlich die Postmoderne, als man solche Sachen liebte: Hüllen, Kopien, Simulakren.

Maurizio Cattelans Kunstwerke baumeln, stehen, sitzen und liegen in der Neuen Nationalgalerie herum wie "Bäckerblumen"-Witze. Dabei soll die Ausstellung mit dem bedeutungsschweren Titel "Night" alles andere als banal sein. Die Idee ist, in Mies van der Rohes ikonischem Glasbau eine Art Kirche für dunkle Zeiten zu schaffen. "Eine Kirche ist eine wunderbare Erfindung", wird Cattelan im Begleitheft zitiert, "weil sie dem Unsichtbaren Gestalt verleiht. Die Neue Nationalgalerie hat bereits etwas Ritualhaftes: ihre Größe, ihre Symmetrie, ihre Stille." Und so stellt er sich das Museum als zeitgenössisches Gotteshaus vor, mit zentralem Kirchenschiff, Seitenschiffen und "einer Abfolge von Präsenzen". Seine Ausstellung handele nicht von Dunkelheit, so Cattelan, sondern von der "Fragilität von Gewissheiten". Und die Nacht, lässt er seine Besucher wissen, ist nur vorübergehend: "Sie trägt die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist."

Diese nuggets of wisdom haben einen Touch von Instagram. Aber es ist ganz erstaunlich, sie aus dem Mund eines der größten Scherzkekse und Marktkünstler der Gegenwart zu hören, dessen bekannteste Werke (goldene Toilette für 10 Millionen, an die Wand geklebte Banane für 6,2 Millionen Dollar) fast Adorno-artig von der Profanität und Warenförmigkeit der Kunst erzählen. Auch in der Pressekonferenz wurde der Effekt dieser Schau öfter mit einem Akt religiöser Offenbarung verglichen. "Die Ausstellung ruft in mir Demut hervor", sagte Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie. "Sie zieht mich aus dieser Demut und aus dieser geschichtlichen Verantwortung nur durch ihre Erhabenheit und ihre Schönheit heraus, dadurch, wie sie sich in dieses Gebäude einschmiegt und in Dialog tritt." Dann zitiert er Gerhard Richter: "Art is the highest form of hope." 

"Ja, Fuck AfD, take me to church", möchte ich zurückrufen. Dass ich das als alte "Bäckerblumen"-Leserin mal sage! Aber let’s go.

So viele mögliche Bedeutungen!

Cattelans Kirche ist eine Deutschlandkirche. Auf dem Dach der Nationalgalerie sitzt seine Skulptur "Never" (2003), ein kleiner Trommler, eine Anspielung auf die Figur des kleinwüchsigen Oskar Matzerath, die Hauptfigur aus der "Blechtrommel" von Günter Grass, der aus Protest gegen die Nazigesellschaft aufhört zu wachsen, schreit und trommelt.

"Never", das heißt natürlich auch "Nie wieder!". In das Kirchenschiff gelangt man durch ein maßstabsverkleinertes Modell des Brandenburger Tors, gefertigt aus Lindenholz. "Purgatory", also Fegefeuer, heißt das Ding, das aussieht wie ein Hybrid aus Gründerzeit-Wohnzimmermöbel und CT-Scanner an den Sicherheitskontrollen auf Flughäfen. Man muss dort tatsächlich sein Ticket vorzeigen, einchecken. Der Titel meint aber auch eine Art christliche Warte- und Reinigungszone, in der die Seelen vor dem Jüngsten Gericht ausharren. Ich denke da zugleich an Leute, die von Ost nach West wollten, oder an Migranten und Geflüchtete, die nicht wissen, ob und wie sie in die Schengen-Staaten hineinkommen. So viele mögliche Bedeutungen in nur einer Arbeit!

Im Kirchenschiff dann, fast erwartbar, "Him" (2001): der betende Mini-Hitler, der vor einer wie gekreuzigt aufgehängten Figur eines Mädchens kniet. Dessen Körper ist in Sperrholzkonstruktionen eingezwängt, wie in Folterwerkzeuge oder Fesselungen in einer Psychiatrie. Dieses unterschwellige Gefühl von historischem oder individuellem Trauma, Foucault'schem "Überwachen und Strafen", durchzieht die gesamte Ausstellung. An der Fensterfront dann "Charlie don’t surf" (1997). Da sitzt Charlie, oder Klein Fritzchen, der Witzbold, mit Bleistiften an die Schulbank genagelt. Nicht weit davon entfernt ein Feuerlöscher, gefüllt mit menschlicher Asche: Holocaust und 9/11 aus der Sprühdose.

"Novocento" heißt ein ausgestopftes Pferd, das regungslos von der Decke baumelt – eine Anspielung auf den gleichnamigen Bertolucci-Film von 1976, der im Deutschen "1900" heißt und am Beispiel von zwei Freunden (Robert De Niro und Gérard Depardieu) den Aufstieg des italienischen Faschismus erzählt. Zugleich ist es ein Sinnbild für ein von Kolonialismus, zwei Weltkriegen, dem Holocaust und der Gewalt der Moderne erschöpftes Jahrhundert. Genauso wie Silikon- und Polyesterharzfiguren sind auch Tierpräparate ein großes Thema. "Pentecost", also Pfingsten, heißt eine riesige Arbeit von 2002. Ein ausgestopfter Esel, der vor einen mit zu schweren Lasten beladenen Karren gespannt wurde, wird von dem zu großen Gewicht mitsamt Geschirr in die Höhe gedrückt und hängt da wie auf merkwürdiger Himmelfahrt. Zu Pfingsten fährt der Heilige Geist vom Himmel auf die Jünger Jesu nieder; der erschöpfte, halbtote Working-Class-Esel ist da schon mal näher dran.

Symbiose aus Kommerz, Kritik und Skandal 

Oh Mann. Das ist voller Zitate und Verweise, aber nicht gerade hoffnungsvoll. Das Evangelium von Cattelan ist reiner Kulturpessimismus, gespickt mit neunmalkluger postmoderner Hard-Boiled-Ironie. Das war mal supertoll in den 1990ern und frühen 2000ern. Damals glaubten noch alle an Francis Fukuyamas "Ende der Geschichte". Der US-Politikwissenschaftler vertrat die These, dass sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und des Ostblocks bald die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall durchsetzen würden. Auch nach den Anschlägen vom 11. September ging das mit Internet und Start-up-Kultur so weiter.

In dieser Ära wurden in Galerien und Museen, auch unter dem Einfluss der Debatten um Aids, Gender, Body Politics und Institutionskritik, tonnenweise Kunstharz, Silikon und Tierpräparate verbraucht. Industrielle und handwerkliche Techniken wurden eingesetzt, um zu schocken, "zum Nachdenken anzuregen". Man denke an Robert Gobers aus den Wänden wachsende Körperteile, Jeff Koons’ Cicciolina-Oberammergau-Schnitzereien, Ron Muecks hyperrealistische Menschenskulpturen, Damien Hirsts Schafe und Haie, die superunterhaltsamen, filmreifen Inszenierungen von Pierre Huyghe und Philippe Parreno.

Ob nun "Abject Art" oder "Relational Arts": Das war die Zeit, in der Traumata und Tabus in Produkte oder Events verpackt wurden, in der sich Künstler und Künstlerinnen brandeten und sich benahmen wie Unternehmer, Entertainer, Marketing-Experten. Auch in der Kunst begann man, nicht nur physische Produkte, sondern Bedeutungen, Identitäten und Lebensgefühle zu verkaufen. Maurizio Cattelan steht in dieser Tradition. Seine Skulpturen, wie der betende Kinder-Hitler oder der 1999 im Stil des Hyperrealismus lebensgroß nachgebildete Papst Johannes Paul II., der von einem Meteoriten niedergestreckt auf einem roten Teppich liegt, sind ikonisch geworden. Zurecht. Diese Symbiose aus Kommerz, Kritik und Skandal war damals zeitgemäß, sie schockte wirklich.

Niemand wird hier Hoffnung finden

Heute hat sich alles geändert. Niemand regt sich noch über Hitler auf, im Gegenteil. Kein Mensch braucht Puppen oder Zitate, wir haben Memes, von morgens bis abends. Diese ganze philosophische, ironische Entertainment-"Bäckerblumen"-Kultur ist eigentlich tot. 

Natürlich stehen wieder alle Schlange, um sich zu amüsieren oder aufzuregen, um sich zu bestätigen, dass Kunst doch ein komischer Vogel ist. Selbst die Grünen werben in Berlin mit Plakaten, die einen voll gemüllten Parkmülleimer mit dem Slogan "Ist das Kunst? Oder wer macht’s weg?" zeigen. 

Klar gibt es hier sicher noch Skandale: Der Feuerlöscher mit Menschenasche wird’s schon richten. Doch bei all der Instagram-Tauglichkeit, den Titelblättern, der Marke Cattelan, die immer nur im Superlativ agieren kann, bewegt diese Show wohl kaum jemanden. Niemand wird hier wirklich Hoffnung finden.

Die braune Scheiße fließt schon durch die Straßen

Der Gullydeckel, den Cattelan zu Beginn der Ausstellung mit dem Titel "Scar" installiert hat und der wohl die verdrängte, verletzte Vergangenheit der ehemaligen Reichshauptstadt meint, die in den Rohren und Katakomben unter der Stadt vor sich hin blubbert, ist ein gutes Beispiel für die Weltfremdheit dieser Inszenierung. Der Deckel ist schon längst hochgegangen, die braune Scheiße fließt ja in Strömen durch die Straßen und in die Institutionen. Und gerade in dieser Situation psychologisiert und mystifiziert diese Show alles, was eigentlich politisch ist. 

Sie tut so, als ob sie in die Tiefe der deutschen Psyche oder des Kunstsystems vordringe, aber sie steht unter diesem Fluch aus den 1990er-Jahren, in denen alles ein glattes, sexy Ding sein musste: Surrealismus, Kunstblut und Silikon. Eine Ware, die "hochpolitische" Themen angeht, aber nichts Systemisches benennt, sondern alles zu einer persönlichen Angelegenheit verklärt. Klar muss Kunst keine Antworten geben. Aber zumindest sollten die Fragen stimmen.

Cattelan erzählt von und für sich, wir sind eher die "People", wie die 1900 ausgestopften Tauben wahrscheinlich in Anspielung auf Bertolucci heißen, die das Gebälk des Van-der-Rohe-Tempels belagern: Zaungäste, Durchreisende, Masse. Der eigentliche Skandal an dieser Ausstellung ist die Kaltblütigkeit, mit der der Preis der Nationalgalerie umgewidmet wurde. Eigentlich war er mal als Förderung für junge Kunst konzipiert worden. Seit 2000 wurden in Deutschland lebende Künstler und Künstlerinnen unter 40 Jahren ausgezeichnet, darunter Leute wie Monica Bonvicini oder Elmgreen & Dragset, die da schon superbekannt waren, heute aber globale Stars sind. Es ist verständlich, dass nach dem Herumgeeiere und den performativen Künstlerprotesten der letzten Jahre ein neues Format gesucht werden sollte. Ich finde es auch völlig legitim, ikonische Künstler und Künstlerinnen auszuzeichnen, auch wenn die das eigentlich nicht mehr brauchen.

Cattelan findet keine Resonanz in Ateliers und Kunsthochschulen

Aber das sollten dann bitte auch Leute sein, die für die Kunst bedeutsam sind, nicht nur für den Markt oder Besucherzahlen. Cattelan spielt bei jüngeren Generationen, anders als etwa Marlene Dumas, kaum eine Rolle. Dumas wird von der Gen Z wirklich geliebt, Cattelan vielleicht von Sammlern und Institutionen, aber nicht von zukünftigen Künstlern und Künstlerinnen. Er findet keine Resonanz in Ateliers und Kunsthochschulen, nicht im Diskurs. Schon die Berlin-Biennale "Of Mice and Men", die er 2006 mit Ali Subotnik und Massimiliano Gioni kuratierte, war durchaus umstritten. Sie war ein ziemlicher Erfolg, verwandelte aber die Auguststraße in eine Art kommerzialisierte Geisterbahn durch die belastete Nazivergangenheit der Stadt.

Die Preisträger-Ausstellung "Night" ist in ihren Bezügen zum Faschismus und zur aktuellen politischen Situation ähnlich zwiespältig – eigentlich eine Ohrfeige für alle, die angesichts des Rechtsrucks und der prekären Lage von Kunst und Kultur in Berlin auf Impulse von der Neuen Nationalgalerie gewartet hatten. Stattdessen setzt man hier unverdrossen auf die Idee, dass Kunst sich ganz darwinistisch selbst durch ihren kommerziellen Erfolg retten soll; um die Reste können sich die Tauben kloppen.

Das ähnelt eher einem Echo aus den Zeiten, als in Berlin noch der Bär und die Sammler steppten, als man noch so tun konnte, als wäre man in der etablierten Kunstwelt sicher vor den Katastrophen der Globalisierung. Heute wirkt diese Idee schlichtweg ignorant. Die Kirche von Cattelan ist eine Echokammer, der Gottesdienst ohne wahren Glauben, die Heilung frei erfunden. Man hätte am Eingang eher die berühmte Inschrift über dem Tor zur Hölle in Dantes "Göttlicher Komödie" installieren sollen: "Lasst alle Hoffnung fahren."

Insta-Wertung: 4/10