Im Herbst wird ein Vierteljahrhundert seit der Eröffnung der Neuen Galerie vergangen sein, dem "Museum for German and Austrian Art", wie sie offiziell heißt. Seit 25 Jahren also bringt das Privatmuseum des Milliardärs Ronald S. Lauder Kunst aus dem deutschsprachigen Raum den New Yorkern nahe. Das noble Stadthaus an der Ecke von 86. Straße und Fifth Avenue ist längst zum festen Ziel von Kunstbeflissenen aus aller Welt geworden. Das wird es bleiben, künftig allerdings unter dem geänderten Label "The Met Ronald S. Lauder Neue Galerie".
Neu ist nicht, dass der Sammler und Museumsgründer sich nunmehr selbst nennen lässt – seinen Namen hat er seit längerem über dem der Neuen Galerie anfügen lassen, was in den ersten Jahren nicht der Fall war. Neu und entscheidend ist der Zusatz "Met". Denn das Metropolitan Museum of Art, unweit an der Fifth Avenue gelegen, wird künftig die Neue Galerie "als eine Art Außenstelle betreiben", wie Met-Generaldirektor Max Hollein salopp erklärte.
Keine Frage, der 82-jährige Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, ordnet die Zukunft, in der er nicht mehr selbst die Geschicke seines Museums wird bestimmen können. Auch seine Museumsleiterin von Anbeginn an, die alterslose Renée Price, wird noch den Übergang in die Hände des Met moderieren, dann aber dem Ende ihrer Tätigkeit entgegensehen. Tatsächlich soll die Neue Galerie 2028 vollständig mit dem Met vereinigt werden, wie Price auf der Website des Museums bekanntgab, und bis dahin "unabhängig betrieben werden". Will heißen: Danach bestimmt das Met unter Hollein, wo's langgeht.
Grundrenovierung steht an
Die Verhandlungen über den "Merger", wie die Vereinigung mit dem Met im besten Business-Sprech genannt wird, dürften vor nicht allzu langer Zeit aufgenommen worden sein. Denn die Grundrenovierung des 1914 als Industriellen-Wohnsitz erbauten Hauses – übrigens von den Architekten der berühmten New York Public Library – war bereits zuvor beschlossene Sache. Wer das seinerzeit von der New Yorker Society-Architektin Annabelle Selldorf dezent zum Museum ertüchtigte Haus renovieren wird, verrät Price in ihrem Statement nicht, aber es wäre verwunderlich, sollte ein anderes als das damalige Architekturbüro das in 25 Jahren von über zwei Millionen Besuchern aufgesuchte, nach wie vor als Privathaus erkennbare Museum auffrischen.
Mit der Sammlung, die Ronald Lauder insbesondere seit Beginn der Bekanntschaft mit dem Galeristen Serge Sabarsky im Jahr 1967 aufgebaut hat, stößt das Met nachdrücklich in den Bereich der Kunst des 20. Jahrhunderts vor. Der 1996 verstorbene Sabarsky war ein Händler und Kenner der Wiener Moderne um Klimt und Schiele, und Lauder wurde sein bester Kunde – und Vertrauter bei dem Plan, ein eigenes Museum für die österreichische und deutsche Moderne zu errichten. Denn Lauder sammelte ebenso Werke von Wassily Kandinsky und später Max Beckmann, die heute gleichfalls zu den Eckpfeilern der Sammlung zählen.
Von Sabarsky übernahm Lauder schließlich auch Renée Price als Gründungsdirektorin seines Museums, das im November 2001, nur zwei Monate nach den Terroranschlägen vom 11. September, eröffnete und als Zeichen der Hoffnung verstanden wurde. Die "New York Times" feierte es als "superb" und rief in Erinnerung, dass die meisten Kunstmuseen der Stadt sich privater Initiativen verdankten.
Kirchher-Ankauf aus dem Berliner Brücke-Museum
Renée Price betont in dem monumentalen Katalog der Eröffnungsausstellung "die besonders enge geistige Verwandtschaft (…) mit dem kulturellen Milieu Mitteleuropas der Jahrhundertwende". Sie nennt "die Erforschung der Beziehungen zwischen amerikanischer und deutscher beziehungsweise österreichischer Kultur im (...) vergangenen Jahrhundert (…) eine wichtige wissenschaftliche Aufgabe, der weiterhin beträchtliche Bemühungen gewidmet werden müssen". Dazu hat die Neue Galerie mit ihren zahlreichen Ausstellungen seither ganz entscheidend beigetragen.
Bekannt wurde das Museum hierzulande nicht zuletzt durch den spektakulären Ankauf des aus dem Berliner Brücke-Museum an die Erben der jüdischen Vorbesitzer restituierten Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner, "Berliner Straßenszene" von 1913, das Lauder 2006 für 38 Millionen Dollar ersteigerte. Im selben Jahr hatte er bereits Gustav Klimts goldglänzendes Gemälde "Adele Bloch-Bauer I" von den Erben der Porträtierten für den damaligen Rekordpreis von (unbestätigten) 135 Millionen Dollar erworben, und noch einige Jahre zuvor Max Beckmanns "Selbstbildnis mit Horn" von 1938 aus dem Besitz des Beckmann-Freundes Stephan Lackner für 45 Millionen Dollar. Dass Lauder daneben Hauptwerke von Kandinsky, Georg Grosz, Otto Dix, Christian Schad oder Lyonel Feininger erwerben konnte, geriet beinahe in den Hintergrund.
Zudem besitzt das Museum eine erstrangige Sammlung von kunsthandwerklichen Arbeiten der "Wiener Werkstätte" aus der Zeit nach 1900. Lauder, der von deutschen Museen immer wieder energisch die Restitution des von den Nazis enteigneten jüdischen Kunstbesitzes forderte, geriet selbst in die Situation, 2016 ein Gemälde mit fragwürdiger Provenienz zurückgeben zu müssen, den "(Gelben) Akt" von Karl Schmidt-Rottluff von 1914. Lauder erwarb das Bild umgehend von den Erben des Sammlers Alfred Hess zurück – denselben übrigens, an die Kirchners "Straßenszene" restituiert worden war.
Neuer Anlauf nach gescheitertem "Met Breuer"-Versuch
Mit der Neuen Galerie und ihrer Sammlung macht das Metropolitan Museum einen enormen Schritt zur Vervollständigung seiner Sammlung der Klassischen Moderne und des 20. Jahrhunderts, die bislang ganz stark auf die französische Kunst ausgerichtet ist, wie sie von den US-amerikanischen Sammlern stets bevorzugt wurde. Ein erster Versuch, sich auch räumlich über das kaum noch erweiterbare Stammhaus auf der Central Park-Seite der Fifth Avenue hinaus zu vergrößern, wurde 2016 mit der Anmietung des ehemaligen, 1966 eröffneten Whitney Museums an der Madison Avenue unternommen. Die Idee dazu stammte von Ronald Lauders Bruder Leonard, gleichfalls ein bedeutender Sammler der Klassischen Moderne.
Das vom Bauhäusler Marcel Breuer entworfene Gebäude erwies sich nach anfänglichem Erfolg unter dem Namen "Met Breuer" jedoch nicht als der erhoffte Besuchermagnet und überdies als kostspielig, sodass sich das Met auf Wunsch seines 2018 berufenen Direktors, des mittlerweile 56-jährigen Max Hollein 2020 zurückzog und den Pachtvertrag vorzeitig auflöste. Mittlerweile wurde das Gebäude vom Auktionshaus Sotheby's für (unbestätigte) 100 Millionen Dollar erworben und durch Herzog und De Meuron zum Firmensitz umgerüstet.
Es ist eine besondere Pointe, dass die erste Auktion im Breuer-Haus den Weltrekordpreis von 236 Millionen Dollar für ein Klimt-Gemälde erbrachte – ausgerechnet aus dem Besitz von Leonard Lauder. Der ältere – und 2025 im Alter von 92 Jahren verstorbene – der beiden Lauder-Brüder und gemeinsamen Erben des 1946 gegründeten Kosmetikunternehmens Estée Lauder sammelte vorwiegend französischen Kubismus. 2014 schenkte er dem Metropolitan Museum nicht weniger als 78 Werke des Kubismus, darunter allein 33 von Picasso, die er über fast vier Jahrzehnte hinweg erworben hatte, mit einem seinerzeit auf 1,1 Milliarden Dollar geschätzten Marktwert.
Neue Galerie sicherer Publikumsmagnet
Ronald Lauder hingegen ist seit Jahrzehnten dem Museum of Modern Art (MoMA) verbunden, seit er im Alter von 32 Jahren zum jüngsten Trustee des Museums avancierte. Später amtierte er viele Jahre lang als Vorsitzender des Stiftungsrates (Board of Trustees), dem er bis heute als einer von 56 finanzkräftigen Trustees angehört, versehen mit dem Titel eines "Ehrenvorsitzenden". Aber auch das der US-Kunst gewidmete Whitney Museum, das wie das MoMA von Privatsammlern gegründet wurde, hat von den Lauder-Brüdern substanzielle Zuwendungen erhalten.
Mit der Neuen Galerie in Sichtweite des Stammhauses hat das Met einen gesicherten Publikumsmagneten, noch dazu mit einer Sammlung, die weit mehr Platz beansprucht, als in den einstigen Wohnräumen der Stadtvilla gezeigt werden können. Insofern darf man gespannt sein, was die am 27. Mai schließende Neue Galerie bei Wiedereröffnung im November dieses Jahres in ihrer "25th Anniversary Exhibition" zeigen wird. Der ein oder andere Hochkaräter von Kandinsky oder Beckmann ist noch auf dem Markt, und eine Überraschung durch Ronald Lauder ist sicher nicht ausgeschlossen.