Geplantes Museum of Selfies

Die Hölle ist Millennial Pink

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In Los Angeles eröffnet am 1. April für zwei Monate das Museum of Selfies. Muss das sein? Ein Kommentar

Die Antwort klingt plausibel. Brauchen Selfies tatsächlich ein eigenes Museum? Die Antwort wird in der Rubrik häufig gestellte Fragen auf der Website des Museums of Selfies gegeben. Und sie klingt deshalb so plausibel, weil man genau weiß, wie sie lautet: Jeden Tag werden mehr als eine Million Selfies in den Sozialen Medien geteilt. Das deutet also eine gewisse Relevanz des Themas schon an. Deshalb, egal, wie man das Phänomen Selfie beurteilt, ob man es nun großartig oder total überflüssig findet, ein Museum ist es wert.

Am 1. April eröffnet das Museum of Selfies. Zu gerne würde man jetzt rufen: "Ha, Aprilscherz!" Nur leider geht das nicht, weil schon Eintrittskarten gekauft werden können. Für 25 Dollar die Karte. Für einen Museumsbesuch in Los Angeles. Für einen Zeitraum von zwei Monaten.

Seit 21. November 2017 bespielt das Museum bereits einen Instagram-Account: @themuseumofselfies. Der im Übrigen nicht zu verwechseln ist mit dem @museumofselfies, das es schon seit November 2014 gibt. Hierbei handelt es sich um kein Museum, sondern um eine Spielerei, die die sozialen Medien hervorgebracht haben. Auf dem dazugehörigen Tumblr erklärt Olivia Muus, die Kuratorin, so nennt sie sich, wie es zu dem Projekt kam: Ins Museum gegangen, Foto zum Spaß gemacht, festgestellt, dass es Gemälden noch einmal eine andere Bedeutung gibt, wenn es so aussieht, als würden die Dargestellten Selfies machen. Unter dem Hashtag #museumofselfies können Bilder eingereicht werden. Das funktioniert nur so semi-gut. Bisher gibt es 730 Beiträge.

By @glorialondon #museumofselfies meets T-Rex

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Beim Museum of Selfies, dem geplanten Museum, muss man sich keine Gedanken um den Erfolg machen. Das wiederum nämlich ist nicht zu verwechseln mit dem Museum of Ice Cream. Auch ein Museum of Selfies, nur anders. Mit Eis, bunten Wänden, am liebsten Millennial Pink, mit bunten Streuseln, bunten Luftballons und allem, das nach wahnsinnig guter Laune und am allerbesten auf Instagram aussieht. 327.000 Follower auf Instagram, "SF  – Sold out", also San Francisco – ausverkauft, das steht in der Profilbeschreibung. Kurz gescrollt: Die Hölle ist Millennial Pink. Und hört auf den Namen Museum of Ice Cream. Das ultimative Erlebnis also für Menschen, die immer auf der Suche nach dem passenden Hintergrund für das nächste Selfie sind und wissen, dass man dafür einiges auf sich nehmen muss. Schlange stehen zum Beispiel. Und für Fashionblogger, die nur zum Coachella-Festival reisen, um ein Selfie mit Blumenkranz im Haar vor diesem Riesenrad zu machen. Ein Streuselbad klingt dagegen nach einer willkommenen Abwechslung.

Das Museum of Selfies verspricht das Disneyland für selfie addicts zu werden. Auf der Website wird angekündigt, dass Besucher den Ursprung des Selfies durch die Linse der Kunst, Geschichte, Technologie und Kultur erkunden können, während sie coole Selfies in interaktiven Installationen machen (können). Wann nochmal waren Selfies cool? Streuselbad ahoi. Vielleicht werden auch irgendwo Blumenkränze herumliegen. Vielleicht sieht eine interaktive Installation eine detailgetreue Coachella-Selfie-Station vor. Vielleicht wird aber auch alles ganz anders.

Mit dem Bildungsauftrag derweil scheint man es offenbar, wie es sich für ein Museum gehört, zumindest ein bisschen ernst zu nehmen. Nach dem Besuch, so das Versprechen, wird man Selfies mit anderen Augen sehen. Nur wie? Das Museum of Selfies verspricht die Geschichte dieses Kulturphänomens zu teilen. Auf Instagram ist schon abzusehen, wohin die kulturelle Entdeckungsreise geht: Ein Selfie ist, was ein Gesicht hat. Warum hat Andy Warhol sein erstes Selbstporträt eigentlich nicht Selfie genannt?

 

Tommy Honton, einer der Gründer des Museums, hat "Mashable" erzählt, dass die Besucher überrascht sein sollen und lachen und natürlich Fotos, Fotos, Fotos machen sollen, weil sie gar nicht anders können. Er spricht auch an, dass sich die Auseinandersetzung mit Kunst durch die Sozialen Medien in den letzten Jahren grundlegend geändert hat. Künstler machen instagrammige Kunst, Museen und Galerien zeigen instagrammige Ausstellungen und Museen basteln häufig on top noch Selfie-Stationen, die an Attraktionen auf dem Jahrmarkt erinnern, damit die Besucher Fotos in den Sozialen Medien teilen. Das ist okay. Nur nennt man dann vielleicht ein Museum, das gar kein Museum ist, einfach nicht Museum. Der Kamerahersteller Olympus bietet seit Jahren immer mal wieder für einen begrenzten Zeitraum die Möglichkeit, auf dem Olympus Photography Playground interaktive Installationen durch eigenes Fotografieren zu erkunden. So wie sich die Ankündigung des Museum of Selfies liest, wird es sich genau darum handeln: um einen Selfie-Playground.

Was auch schön wäre: Stell Dir vor, es gibt ein Museum für Selfies, und nur Kim Kardashian geht hin.

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