David Hockney (1937-2026)

Was für ein Leben!

David Hockney 2017 während der Enthüllung eines riesigen Gemäldes, das er dem Centre Pompidou in Paris schenkte: "The Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire"
Foto: dpa

David Hockney 2017 während der Enthüllung eines riesigen Gemäldes, das er dem Centre Pompidou in Paris schenkte: "The Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire"

Seine Pool-Bilder machten ihn berühmt, und durch seine beharrliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Malerei und neuer Technologien blieb David Hockney einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart. Jetzt ist der britische Maler im Alter von 88 Jahren gestorben. Wir stellen Höhepunkte seiner Laufbahn vor

David Hockney wird am 9. Juli 1937 in der Industriestadt Bradford im englischen West Yorkshire geboren, sein Vater ist Hobbymaler und Tüftler, beide Eltern ermutigen ihren Sohn, Künstler zu werden.

1959 beginnt Hockney sein Kunststudium am Londoner Royal College of Art und stellt dort Anfang der 1960er-Jahre neben Peter Blake, Allen Jones und R. B. Kitaj in der Akademieschau "Young Contemporaries" aus, die als Initialzündung der britischen Pop-Art-Bewegung gilt. Doch auf das Label will sich Hockney nie festlegen lassen. Seine Zeichnungen und "Love Paintings" dieser Zeit vereinen Abstraktion und Porträt und sind ein klares Bekenntnis zu seiner Homosexualität (deren Ausübung bis 1967 in England strafbar war). "Ich male, was ich will, wann ich will und wo ich will."

1961 reist Hockney erstmals nach New York. Er trifft Andy Warhol, taucht ins Nachtleben ein. Und er besucht das Museum of Modern Art, wo ihm der Kurator William S. Lieberman jeden Druck abkauft, den Hockney ihm zeigt. Zurück in seinem Hotelzimmer, erregt ein TV- Werbespot für Lady-Clairol-Haarfärbemittel seine Aufmerksamkeit: "Stimmt es, dass Blondinen mehr Spaß haben?" Hockney lässt sich sofort sein Haar blondieren, was zusammen mit seiner dick gerahmten Brille und seiner exzentrischen Kleidung zu seinem Marken­zeichen wird. "In dem Moment, in dem man um der Schönheit willen schummelt, weiß man, dass man ein Künstler ist."

Dem verklemmten England entkommt Hockney endgültig 1964, als er nach Los Angeles reist – und sich Hals über Kopf in den sonnendurchfluteten Hedonismus Kaliforniens verliebt. "Innerhalb einer Woche nach meiner Ankunft in dieser seltsamen Großstadt, in der ich keine Menschenseele kannte, hatte ich die Führerscheinprüfung bestanden, ein Auto gekauft, war nach Las Vegas gefahren und hatte etwas Geld gewonnen, hatte mir ein Atelier besorgt und angefangen zu malen – das alles in einer Woche. Und ich dachte: Genau so habe ich es mir vorgestellt."

In Kalifornien macht Hockney zahlreiche neue Erfahrungen, diesseits und jenseits der Leinwand. Er legt sich eine Polaroidkamera zu und gibt die Ölfarben zugunsten von Acrylfarben auf, um flache, anonyme und brillante Oberflächen zu erzielen. Erste Gemälde von blau schimmernden Swimmingpools, züngelnden Rasensprengern und Palmen entstehen, die zu seinen ikonischen Motiven werden, allen voran das legendäre "A Bigger Splash" von 1967. "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" von 1972 zeigt seinen Lebensgefährten Peter Schlesinger (am Endpunkt der fünfjährigen Beziehung), der vom Beckenrand einen unter Wasser schwimmenden Mann betrachtet. Bei einer Auktion von Christie’s ging das Bild im November 2018 für 90 312 500 US-Dollar an einen anonymen Bieter und machte Hockney (vorübergehend) zum teuersten lebenden Künstler.

David Hockney, Portrait of an Artist (Pool with Two Figures), Gemälde, zwei Figuren am Pool.
Foto: David Hockney Foundation

David Hockney "Portrait of an Artist" (1972)

Zeit seines Lebens bleibt Hockney ein Künstlernomade. Sein internationaler Jetset führt ihn nach Marokko, New York, Los Angeles, Südfrankreich, Hawaii, Japan, Australien, Südostasien, Cornwall. Er saugt die Landschaften auf, in denen seine Freunde leben, und das Licht, das seine Künstlerheroen – von Fra Angelico bis zu Cézanne und Picasso, von der Antike über die flämischen Meister bis zur Gegenwart – in ihren Werken eingefangen haben. "Die Welt ist überaus schön, wenn man sie wirklich betrachtet. Doch viele Menschen sehen nur oberflächlich. Sie scannen den Boden vor sich, um zu navigieren, aber sie nehmen die Dinge nicht mit der gebotenen Aufmerksamkeit wahr. Ich hingegen tue dies, und es ist mir schon immer bewusst gewesen."

Als Hockney 1968 in das Vereinigte Königreich einreist, beschlagnahmt ein Zollbeamter Ausgaben homoerotischer Magazine in seinem Gepäck. Hockney telefoniert mit der britischen Zollbehörde, überredet den Direktor der Tate Gallery Norman Reid, einen Brief an die Behörde zu schicken, und sichert sich die Aus­sage von Kunsthistoriker und Rundfunksprecher Sir Kenneth Clark, dass er als Zeuge aussagen wird, sollte der Fall vor Gericht kommen. In den US-amerikanischen und britischen Medien wird viel über die Tortur berichtet, und Hockneys Besitz wird schließlich zurückgegeben.

Schwarzweißfoto: Drei Personen im Galeriegespräch vor gerahmten Zeichnungen an der Wand.
Foto: Michel Lipchitz/AP/dpa

Der Maler David Hockney (r) 1974 mit dem britischen Botschafter Edward Tomkins (l) bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Pariser Musée des Arts Décoratifs

Auch stilistisch liebt Hockney die Vielseitigkeit und das Experiment. Auf seine "Californication"-Phase folgen vermehrt Porträts und Stillleben, neben die Malerei tritt ab den 1970er-Jahren die Fotografie, ab 1990 malt er vermehrt draußen in der Landschaft, in bewusster Anlehnung an Vincent van Gogh, und verwendet Computerzeichenprogramme. Als Opernliebhaber gestaltet er zahlreiche Bühnendesigns.

Fotografie: Künstler malt großformatige, mehrteilige Waldlandschaft auf Leinwänden im Wald.
Foto: David Hockney Foundation

David Hockney bei Pleinairmalerei 

2007 legt sich Hockney ein iPhone zu – und tauscht bald schon den Pinsel gegen die neue Technologie ein. Mit der Brushes- und Photoshop-Anwendung malt Hockney in den kommenden Jahren Hunderte von Porträts, Stillleben und Landschaften, schickt sie an seine Freunde auf der ganzen Welt oder nutzt sie als Bilder für großformatige Drucke. "Auf dem iPhone habe ich oft mit meinem Daumen gezeichnet. Ich konnte es in der rechten Hand halten, und mein Daumen konnte jede Ecke des Bildschirms erreichen, da er klein war und der Drehpunkt des Daumens innerhalb des Daumens liegt. In der linken Hand konnte ich dann eine Zigarette halten, um mich zu konzentrieren. Wer hätte gedacht, dass das Telefon das Zeichnen zurückbringen würde?"

Nach über 30 Jahren in Kalifornien kehrt Hockney zu Beginn der Nullerjahre zurück ins britische Yorkshire und macht die Landschaft seiner Kindheit zu den neuen Schauplätzen seiner Kunst. 2018 kauft Hockney für sich und seinen langjährigen Partner Jean-Pierre Gonçalves de Lima ein im 17. Jahrhundert erbautes Landhaus in der Normandie. Hier kann Hockney die Natur und den Jahreszeitenwechsel per iPad in farbkräftige Großdrucke übersetzen. Im März 2020 reagiert Hockney auf den Ausbruch des Coronavirus mit seiner grundoptimistischen iPad-Zeichnung "Do Remember They Can’t Cancel the Spring" (2020).

Empfang in Gemäldegalerie: zwei ältere Männer mit Orden im Gespräch; dicht gehängte Gemälde.
Foto: Aaron Chown/PA Wire/dpa

König Charles III. (l) 2022 im Gespräch mit David Hockney während eines Mittagessens für Mitglieder des Order of Merit im Buckingham Palace

Insgesamt wurde Hockneys Werk in über 400 Solo- und mehr als 500 Gruppenausstellungen gezeigt. 1968 und 1977 nahm er an der Documenta in Kassel teil, 1970 zeigte die Whitechapel Gallery in London die erste seiner zahlreichen Retrospektiven. Im vergangenen Jahr versammelte seine Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris mehr als 400 seiner Werke aus den Jahren 1955 bis 2025, darunter Gemälde, Tusche-, Bleistift- und Kohlezeichnungen, digitale Kunst und immersive Videoinstallationen. 

Jetzt ist David Hockney im Alter von 88 Jahren "friedlich zu Hause" gestorben, wie die Nachrichtenagentur PA mit Berufung auf sein Management mitteilte. "David Hockneys bleibendes Vermächtnis spiegelt seine grundlegende Lebensfreude, seinen herausragenden Sinn für Humor, seine immense Großzügigkeit und seine forschende Neugierde wider", heißt es in dem Statement weiter.

Drohnen-Lichtshow: gezeichnetes Porträt mit Pinsel über Park, Nacht, Publikum im Vordergrund.
Foto: Jon Super/AP/dpa

"Ich ziehe es vor, in Farbe zu leben": Selbstporträt von David Hockney am Himmel über dem britischen Bradford, der Geburtsstadt des Künstlers. Die Drohnenshow präsentierte im Rahmen von "Bradford 2025 – UK City of Culture" digitale Versionen seiner bekanntesten Werke