Zum Tod von David Hockney

Der Maler, der die Welt heller sah

David Hockney machte das genaue Hinsehen zum Prinzip seiner Kunst und verband Farbe, Erinnerung und Begehren zu unverwechselbaren Bildern. Nun ist der britische Maler im Alter von 88 Jahren gestorben

David Hockney ist tot. Man mag es kaum glauben. Bei öffentlichen Auftritten saß er zuletzt im Rollstuhl, gehandicapt und doch von jugendlicher Ausstrahlung. So wie er die Welt mit seinen blauen Kinderaugen betrachtete, leuchtete die Welt aus Hockneys Bildern auch heraus. Der große britische Grafiker, Bühnenbildner, Fotograf und vor allem Maler hatte keine Scheu vor der Farbe.

Allerdings: Ein Regenbogen strahlt am schönsten vor düsteren Wolken. Hockney malte nicht "schön" um der Schönheit willen. "Everyone does look", sagte er vor vielen Jahren in einem Fernsehinterview. Alle schauen irgendwie auf die Welt. "Es ist nur die Frage", ergänzte der Künstler, "wie genau man hinschauen will, nicht wahr?" Hinschauen kann wehtun. Hockneys Farben auch.

Wer einmal sein Gemälde "Doll Boy" in der Hamburger Kunsthalle betrachtet hat, ahnt die Schmerzen seiner frühen Jahre. Hockney malte das Bild als Student im Winter 1960/61 als verschlüsselte Liebeserklärung an den Sänger Cliff Richard. Der "Puppenjunge" auf dem Bild steht gebeugt unter einer roten, abstrakten Struktur, auf seinem weißen Kleid steht das Wort "Queen" geschrieben, ein abwertender Begriff für schwule Männer. Homosexualität wurde in den frühen 1960ern in England immer noch strafrechtlich verfolgt. "Doll Boy" erzählt von heimlichem Begehren und vielleicht auch Aufbegehren, aber noch ist der gesellschaftliche Druck schwer erträglich.

Aufmüpfig von Anfang an

Am 9. Juli 1937 wurde David Hockney in der Industriestadt im englischen West Yorkshire geboren; Hockney beschrieb sie als "grau und schwarz", fand aber auch "eine Magie in ihr, wenn ich genauer hinschaue". Das Hinschauen hatte das fünfte Kind von Kenneth und Laura Hockney vom Vater geerbt, der selbst Hobbymaler war und seinen Sohn förderte, indem er ihm den privaten Malunterricht finanzierte.

Mit Anfang 20 begann Hockney sein Kunststudium am Londoner Royal College of Art und stellte dort 1962 neben Peter Blake, Allen Jones und R. B. Kitaj in der Akademie-Schau "Young Contemporaries" aus, die mehr oder weniger einmal im Jahr stattfand, aber in jenem Jahr als Frühblüher der britischen Pop-Art doch etwas Besonderes war. Trotzdem, Hockney war immer zu vielseitig, um sich gänzlich in die Pop-Schublade pressen zu lassen.

Aufmüpfig war er sowieso. Statt eines geforderten weiblichen Akts malte er zur Abschlussprüfung einen Bodybuilder aus einem "Physique"-Magazin ab – auch das ein klares Bekenntnis zu seiner Homosexualität – und schrieb rotzfrech die Zeile "life painting for a diploma" bis ans Gemächt des Modells heran, als wollten die Buchstaben unter dessen Tanga-Slip kriechen. Sein Diplom sollte er zunächst nicht bekommen, weil der Absolvent noch andere – theoretische – Prüfungen verweigerte: Hockney wollte allein für seine künstlerischen Leistungen ausgezeichnet werden. Schließlich knickten die Professoren vor ihrem hochtalentierten Schüler ein – und änderten auch gleich die College-Vorschriften. Revolution!

"A Bigger Splash" in den kalifornischen Pool

Nach seinem Abschluss ging Hockney ausgiebig auf Reisen und probierte sich als Kunstprofessor aus. Nach einer ausverkauften Soloausstellung in der New Yorker Kasmin’s Gallery 1963 entschied er sich jedoch für eine Karriere als Vollzeitkünstler. Trotzdem absolvierte er noch seine Lehraufträge, zum Beispiel 1969 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Ein Jahr zuvor hatte Hockney an der Documenta teilgenommen, auch 1977 war er mit Werken in der Weltkunstschau in Kassel vertreten.

1964 ließ er sich in Kalifornien nieder, sein Lebensmittelpunkt für die kommenden drei Jahrzehnte, dort entstand eine Reihe seiner berühmtesten Gemälde. Hockney, der bis zuletzt der reinen Abstraktion kritisch gegenüberstand, malte im Los Angeles der 1960er und 1970er Schwimmer und Taucher in blauschimmernden Pools. Manchmal auch nur ein Becken, ein Sprungbrett und einen Spritzer wie im legendären "A Bigger Splash" von 1976. "Mir ist klar", kommentierte Hockney später, "dass ein Platscher im wirklichen Leben niemals so gesehen werden kann; es passiert zu schnell. Und das fand ich amüsant, als habe ich es sehr, sehr langsam gemalt."

Exquisit an den Pool-Bildern sind auch die leuchtenden bis ätzenden Farben: Hockney benutzte Acryltuben, die damals gerade erst auf dem Markt waren. Das "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" von 1972 zeigt seinen Lebensgefährten Peter Schlesinger (am Endpunkt der fünfjährigen Beziehung), der vom Beckenrand einen unter Wasser schwimmenden Mann betrachtet. Bei einer Christie's-Auktion ging das Bild im November 2018 für sage und schreibe 90.312.500 US-Dollar an einen anonymen Bieter. Damit schnappte Hockney Jeff Koons den Titel des teuersten lebenden Künstlers weg, bevor Koons mit dem für 91,1 Millionen Dollar verkauften "Rabbit" dann wieder die Nase vorn hatte.

Frühlingsgefühle forever

Doch was die breite Palette an Methoden und Materialien angeht, konnte ihm kaum jemand das Wasser reichen: Hockney hat Schwimmbecken nicht nur gemalt, sondern – wie den Tropicana-Pool des Hollywood Roosevelt Hotels – auch mit Unterwasser-Design bemalt, hat diverse Opernproduktionen ausgestattet, bedeutende fotografische Werke geschaffen und in seinen späten Jahren den Pinsel mit dem iPad ausgetauscht. Mit dieser Technik, die Programmierer für den Künstler optimierten, erkundete Hockney die Landschaft und den Jahreszeitenwechsel um sein Anwesen in der französischen Normandie und schuf Bilder für farbkräftige Großdrucke.

Nach über 30 Jahren in Kalifornien lebte Hockney in den vergangenen Jahren überwiegend in der Normandie. Mit seinem langjährigen Assistenten und Partner Jean-Pierre Goncalves de Lima bewohnte er ein Landhaus. Das "Siebenzwergehaus", wie Hockney es nannte, verewigte er auch auf einem für ihn typisch farbkräftigen Gemälde.

Seine bisher größte Ausstellung, in der Pariser Fondation Louis Vuitton, eröffnete Hockney Anfang April 2025 noch persönlich. "Do Remember They Can’t Cancel the Spring", lautete der Ausstellungstitel – übernommen von einer iPad-Zeichnung aus dem Jahr 2020. Aus dem Zitat spricht (noch) die Verärgerung des alten Mannes über die Beschränkungen in der Covid-Krise. Inzwischen, angesichts düsterer Zeiten, passt der Spruch noch viel besser. Frühlingsgefühle forever. Auch wenn die Eiszeit naht. Am Donnerstag ist David Hockney in seiner Londoner Wohnung gestorben. Und lebt jetzt wohl irgendwo über dem Regenbogen.