Einen roten Samtvorhang gibt es nicht. Stattdessen wird man aber beim Eintritt in die Galerie von einem ähnlich markanten Blickfang begrüßt: Auf einer Leinwand blitzt immer wieder ein weiß geschminktes Mädchen auf, das sich im Aufzählreim durch die Buchstaben von A bis Z quält – bis es mit schmerzverzerrtem Gesicht Blut spuckt.
Wem das merkwürdig vorkommt, liegt genau richtig: Willkommen in der Welt von David Lynch! Den meisten ist der vor einem Jahr verstorbene US-Amerikaner vor allem als Regisseur ein Begriff, der mit legendären Titeln wie "Blue Velvet" oder "Twin Peaks" Filmgeschichte schrieb. Tatsächlich aber war seine erste Liebe die Malerei – und sie blieb es auch bis zuletzt.
In Berlin zeigt Pace nun erstmals seit Lynchs Tod Auszüge aus dessen multimedialem Werk. Dieses reicht vom frühen Kurzfilm "The Alphabet" über Berliner Fotografien bis hin zu Malereien und Skulpturen der vergangenen Jahre. Was sie eint, ist jener siechende Surrealismus, der seinen Nachnamen im Englischen (– ähnlich wie "kafkaesk" im Deutschen –) zu einem Adjektiv für eine ganz bestimmte Stimmung hat werden lassen: etwas Unheimliches, das im Dunklen hinter der Fassade des adretten Alltagslebens lauert.
David Lynch "Untitled (Berlin)", 1999
Der Kontrast zwischen heiler Oberfläche und tiefen Abgründen durchzieht Lynchs gesamtes Leben. Als junger Pfadfinder aus Montana entwickelte er früh eine tiefe Bewunderung für Natur und Schönheit. Eine entscheidende Wendung kam nach dem desillusionierenden Aufenthalt an der Kunsthochschule in Boston. Lynch reiste nach Europa, wollte Oskar Kokoschka treffen – verpasste ihn jedoch und brach die Reise ab.
Stattdessen zog er nach Philadelphia. Die marode Atmosphäre der Stadt wurde, so Lynch selbst, zu seiner größten Inspiration und führte ihn schließlich von der Malerei zum bewegten Bild. "Aber David hat die Kunst nie aufgegeben", sagt die langjährige Weggefährtin Sabrina Sutherland, die als Produzentin eng mit ihm zusammenarbeitete. "Kurz vor seinem Tod begann er, tragbare Staffeleien überallhin mitzunehmen und weiterzumalen."
Einige dieser späten Arbeiten sind nun im Obergeschoss der Galerie zu sehen. Etwa "Tree at Night" von 2019, das einen dick aufgetragenen Frauenakt zeigt, der aus einer Art Kokon entschwindet und leuchtend in die Nacht gleitet. Oder ein Bild zweier unförmiger Arme, die von einem ockerfarbenen Wirbel beträufelt werden. "Blue Balls" nennt sich das Werk – im Deutschen auch als Kavaliersschmerzen bekannt.
David Lynch "Tree At Night", 2019
Auch der Rest der gut zwei Dutzend Werke bewegt sich irgendwo zwischen Collage, Mystik und dunklem Humor. Die Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen vor allem verfallene Industrieszenen, die Lynch bei einem Berlin-Besuch im Jahr 1999 eingefangen hat. Laut Ausstellungskurator Oliver Shultz schöpfte er aus diesen düsteren Motiven jedoch vor allem Freude, ja sogar etwas Erlösendes. "Er war schon immer von Geistern und Heimsuchungen fasziniert", sagt Shultz.
Den Boden ließ der Kurator mit braunem Teppich auslegen – eine Anspielung auf Lynchs Kurzfilm "Rabbits", in dem eine Miniatur-Hasenfamilie sich ominöse one-liner zuspielt. Eine ähnliche Atmosphäre entfalten auch viele seiner Bilder bei Pace. Oft sind sie gespickt mit Botschaften, die nichts Gutes erahnen lassen. Seinen Filmen am nächsten kommen wahrscheinlich drei skelettartige Lampenkonstruktionen, die in ihrer Formensprache gut in die Black Lodge aus "Twin Peaks" passen würden.
Insgesamt bleibt die Ausstellung mit ihrem kleinen Umfang überschaubar. Doch Interessierten dürfte sie Einblicke in einen bislang eher weniger beachteten Teil von Lynchs Werk geben. Berlin ist dabei nur die erste Station: Die Schau bildet den Auftakt für eine größere Retrospektive, die Pace im Herbst in seiner Heimatstadt Los Angeles zeigen wird.