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Tschernobyl

Bilder aus der Sperrzone

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Unzählige Male reiste der kanadische Fotograf David McMillan in die verstrahlten Gebiete Tschernobyls. Sein Bildband zeigt nun das Vergehen und Wachsen einer längst vergessenen Geisterstadt

Auch wenn es nach über drei Jahrzehnten recht ruhig um Tschernobyl geworden ist, sind die angrenzenden Gebiete in der Ukraine, in Weißrussland und Russland noch immer von den Folgen des schweren Reaktorunglücks von 1986 betroffen. Weite Regionen sind aufgrund der radioaktiven Strahlung bis heute Teil der 30 Kilometer-Sperrzone – so auch die dem explodierten Reaktor nächstgelegene Stadt Prypjat, einstige Heimat von fast 50.000 Menschen. In den 1970ern wurde sie für die Arbeiterfamilien des Kraftwerks erbaut und galt zu dieser Zeit als einer der schönsten, reichsten und blühendsten Orte der ehemaligen Sowjetunion.

Doch die Atomkraft, ihre damalige Verheißung, wurde ihr zum Verhängnis. Wegen der schlechten Informationsstruktur wurden die meisten Bewohner erst drei Tage nach der nuklearen Explosion aufgeklärt und binnen kürzester Zeit, in nur zweieinhalb Stunden, großflächig evakuiert. Die junge, sowjetische Musterstadt mit ihren Schulen, Freizeitparks, Krankenhäusern und Geschäften blieb, bis auf einige Plünderungen in den Folgejahren, unberührt zurück. Der kanadische Fotograf David McMillan reiste seit 1994 zweiundzwanzig Mal in die Zone nach Prypjat, um den schleichenden Verfall der entvölkerten Stadt fotografisch zu dokumentieren.

Leise bröckelt der Putz von den Wänden auf ein Porträt Lenins, das nunmehr bedeutungslos in den leeren, verwüsteten Raum blickt. Kinderschuhe verwachsen mit der kontaminierten Moosdecke, in einem entstellten Anatomiemodell ist die letzte menschliche Form erkennbar, die unweigerlich an die vielen, schrecklichen Strahlenkrankheiten erinnert. Die Arbeiten McMillans zeigen die menschenleeren, verwitterten Überreste einer Zivilisation und lassen dabei erahnen, wie die unwiederbringlich zerstörte Welt nach einem Atomkrieg aussehen könnte.

Die von Rost, Staub und Schimmel befallenen Räume sind gleichzeitig aber auch Zeugen einer zweiten, unerbittlichen Kraft: Denn dort, wo die Stadt in kontaminierten Ruinen verfällt, bahnt sich die Natur beharrlich ihren Weg durch die zunehmend nachgiebigen Mauerwerke. Pflanzen brechen Beton und Glas und erobern die verlassenen Gemeinden Stück für Stück zurück ­– eine tragisch schöne Dichotomie.

Monopol zeigt eine Auswahl von McMillans Fotografien in der Bildstrecke oben.

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