Dramatisch ausgedrückt könnte man sagen, Mailand hat ein Problem. Denn der schönste Ort für Design befindet sich 27 Minuten entfernt vom Bahnhof Milano Centrale. Solange braucht der Zug nach Piacenza in der Emilia-Romagna. Und dort steht die unfassbar schöne und beeindruckend große Kirche Sant’Agostino, in der die Galeristin Enrica De Micheli seit Ende 2018 ihre Schätze zeigt. So hat sie mit Volumnia eine Pilgerstätte für Designliebhaber geschaffen, die nicht nur zum Mailänder Salone del Mobile besucht wird. Zu verdanken ist das De Micheli, die in der massiven Renaissance-Kirche nur vorsichtig renovieren ließ – sodass Licht, Platz, Säulen und gedeckte Farben nur ganz leise protzen und den Blick zurückwerfen auf Umrisse, Volumina und die Balance dazwischen.
De Micheli ist eine sanfte Frau mit großem Nachdruck, mit dem sie seit 20 Jahren nach Antiquitäten und Designobjekten sucht. Als Galeristin vermag sie die seltensten Stücke der großen italienischen Gestalter zu finden. Sie ist auf Märkten, bekommt Anrufe, kauft beherzt die gesamte Ausstattung eines Hotels, das von Vico Magistretti gestaltet wurde. Und so entdeckt man in ihrem Bestand, aus dem vor allem Sammler und Architekten schöpfen: ein Sideboard, das Gio Ponti in den 30ern für eine italienische Familie entwarf, Schränke von Vico Magistretti aus den 70ern, einen Coffee Table von Franco Albini aus den 50ern. Volumnia ist also so etwas wie ein Süßigkeitenladen oder Porno für Fans von italienischem Mid Century Design.
Während der Altar der Kirche im Victoria and Albert Museum zu sehen ist und das Mobiliar der Sakristei im Louvre steht, füllt De Micheli die Räume nun mit Möbeln, Leuchten, Skulpturen und zeitgenössischen Keramikarbeiten wie denen von Monica Castiglioni, der Tochter der Designlegende Achille Castiglioni. Während der Mailänder Design Week 2019 wurde Volumnia mit einer Schau von Gabriella Crespi eröffnet. Seitdem gab es Ausstellungen zu Franco Albini und Michele De Lucchi. Und Ende März eröffnete dort mit "Un’ora di luce" die erste Soloschau von Davide Groppi – dem Lichtdesigner und langjährigen Freund von De Micheli, der in Piacenza aufgewachsen ist und dort bis heute mit seiner Firma ansässig ist, die er gemeinsam mit seinem Bruder betreibt.
Ausstellungsansicht, "Davide Groppi. Un’ora di luce", Kirche Sant'Agostino, Piacenza 2026
Groppi ist ein leiser Mann, ein Tüftler, der so poetisch über seine Arbeit spricht, wie es nur Italiener können. Er stand bereits beim Ausbau der Kirche mit seiner Expertise zur Seite, die mit ihren 3 000 Quadratmetern Fläche 50 Jahre leer stand, bis die Nutzung öffentlich ausgeschrieben wurde. Nachdem De Michelis Konzept sich gegen ein Literatur- und ein Eventkonzept durchgesetzt hatte, schlug Groppi zum Beispiel vor, die Statuen punktuell zu beleuchten. Genauer gesagt, die oberen Bereiche der Statuen, wo einst die Köpfe waren, bevor sie von Napoleons Armee abgeschlagen wurden, die einst in dieser Kirche kampierte. Groppi schafft es so, die merkwürdig brutalen Steinwunden zu etwas Schönem zu machen.
Einer, der im Labor Lampen erfindet
Groppi spielt mit Licht, wie kaum jemand sonst. Angefangen hat alles hier in Piacenza, in der Werkstatt seines Vaters, mit dessen Werkzeugen er als Kind hantierte. Mit 22 Jahren fing Davide Groppi an, erste Lampen zu bauen, nutzte dafür oft vorhandene Gegenstände, etwa einen Trichter als Lampenschirm. Auch sie, seine erste Lampe, ist hier ausgestellt. Genauso wie "Vera", ein neuer Entwurf, der mit der Illusion von Hologrammen spielt und auf dem Salone im April vorgestellt wird.
Noch heute hat er ein Labor, in dem er selbst Prototypen baut, die manchmal auch zu Lampen werden. Seine Arbeit handele immer von der Suche nach Schönheit und Wahrheit. Inspirationen findet er bei Mies van der Rohe oder Caravaggio, er arbeitet mit Readymades, streift durch Baumärkte oder erkundet lokale Architektur. Auch die Mathematik hat es dem Designer, der gleichermaßen Erfinder ist, angetan. "Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was du dir ausdenkst und dem, was du realisierst. Das in der Mitte finde ich sehr faszinierend", sagt Groppi und nennt als weitere Einflüsse die Künstler René Magritte und Fausto Melotti. Besonders wichtig war für ihn allerdings der deutsche Designer Ingo Maurer, der erst Vorbild und dann Freund geworden ist.
Ausstellungsansicht, "Davide Groppi. Un’ora di luce", Kirche Sant'Agostino, Piacenza 2026
Die Essenz der Gegenwart mit einem Blick in die Zukunft wolle Groppi hier in seiner Ausstellung zeigen, die von Marco Sammicheli kuratiert wurde, dem Kurator für Design, Mode und Kunsthandwerk an der Triennale Milano und Direktor des Museo del Design Italiano. Dafür wurde das Innere der Kirche mit hohen Wänden in mehrere Räume unterteilt, in denen er die Arbeiten zeigt – Utopien, wie er sie nennt.
In der Ausstellung möchte er Zeit und Licht verbinden, sagt er, denn beides lasse sich kaum in Worte fassen. Lampen seien sein Alphabet, um Geschichten zu schreiben. Etwa bei "Quasi Luce", wo er mit blauem und rotem Licht und dessen Quellen arbeitet. James Turrell sei hier natürlich Inspiration gewesen, sagt er. Immer wieder arbeitet er mit Papier, etwa für "Luna", einen Lichtball von zwei Metern Durchmesser aus japanischem Papier, der im Eingang der Ausstellung hängt. Das mag er, weil Papier das Licht filtert und einfach anzuwenden ist. Für eine andere Arbeit – "Questa non è una Lampadina" – nutzt er eine Glühbirne und setzt einen Lichtkegel um sie, den diese Birne selbst gar nicht erzeugen kann. Die Lampe "Anima" leuchtet unter einem Meteorit. In anderen Räumen spielt er mit Blättern und Wind, mit direktem, indirektem und diffusem Licht sowie mit Schatten und Spiegeln. Groppi scherzt mit Licht, aber auf eine ernste Weise.
Anti-Lampe
Technik und ihre präzise Nutzung, etwa von LEDs, sind dabei essenziell, steht allerdings nie im Vordergrund, so wie oft auch die Leuchten verschwinden und nur das Licht bleibt. Wie etwa bei "Nulla", diesem Entwurf, der 2010 so etwas wie der Durchbruch für Groppi war und für den er den Compasso d’Oro, den wichtigsten italienischen Designpreis, gewann – den er übrigens gleich mehrfach bekam. "Nulla" ist ein Licht, dessen Aufhängung und Fassung in der Decke verschwinden; sichtbar bleibt nur ein Punkt in der Decke. Es ist eine geniale Anti-Lampe.
Fragt man den Kurator Marco Sammicheli nach der Bedeutung Davide Groppis, sagt er, dieser habe viele Rollen. Er sei Unternehmer, Erfinder, Industriedesigner, Zauberer und Künstler: "Er verwandelt Licht in Raum. Sein Licht ist nie Dekoration, es ist nicht einschüchternd." Sein Design erfülle nicht nur eine Funktion, sondern spende Trost, und das sei etwas, das Davide Groppi sehr am Herzen liege. Oder was man auch sagen könnte: Groppis Licht ist niemals dramatisch.