Es war die einzige Reise, die Sabina Grzimek während der deutschen Teilung nach Italien machen durfte: 1986 vertrat sie die DDR auf der Biennale in Venedig. Ohne Bewerbungsverfahren wurden sie und der Dresdner Künstler Wieland Förster ausgewählt. "Ich habe mich wahnsinnig über die Einladung nach Venedig gefreut", erzählt die heute 83-Jährige im Gespräch mit Monopol. "Der bittere Beigeschmack war, dass meine Kinder nicht mitfahren durften." Auch ihre Künstlerfreunde in der DDR konnten sich nicht wirklich mitfreuen: "Für die war das eher ein Wermutstropfen."
Seit 1982 war die DDR auf der Biennale in Venedig vertreten – sogar ein eigener Pavillon war im Gespräch. Doch während die erste offizielle Teilnahme der DDR an der Documenta 6 im Jahr 1977 inzwischen gut erforscht ist, hat sich die Präsenz der DDR in Venedig noch nicht in die deutsche Kunstgeschichte eingeschrieben.
Henrike Naumann, die in diesem Jahr gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon bespielt, recherchierte dazu im Bundesarchiv, einige Dokumente sind im Katalog zum deutschen Pavillon reproduziert. Auch einen der Kuratoren traf Naumann zum Gespräch. "Henrikes Recherchen zur Präsenz der DDR in Venedig gehen zurück bis ins Jahr 2023", erzählt Bakri Bakhit, Verleger und seit Jahren enger Vertrauter von Henrike Naumann. "Sie stehen für ihre Praxis der intensiven, systematischen Recherche, auch wenn sie dazu kein explizites Kunstwerk geplant hat." Was Naumann fand, wirft ein mögliches Licht darauf, was die DDR in Venedig wollte: weniger künstlerische Auseinandersetzung, sondern Sichtbarkeit im deutsch-deutschen Systemvergleich.
Die Frage nach dem Platz
Aus einem der von ihr gesichteten Protokolle geht hervor, dass die DDR bereits 1956 eine gemeinsame Ausstellung ins Spiel brachte. Falls es dazu nicht käme, sollte ihr zumindest Platz im deutschen Pavillon eingeräumt werden. Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler sollte auf beiden Seiten "selbstverantwortlich" erfolgen. Auch die Idee eines eigenen Pavillons ist schon schwarz auf weiß dokumentiert. Da heißt es: "Ob man uns, wenn es nicht zu einer Verständigung kommt, Platz zur Verfügung stellen würde für die Errichtung eines eigenen Pavillons der Deutschen Demokratischen Republik?"
Doppelseite mit Dokumenten aus dem Bundesarchiv, Reproduktion. Veröffentlicht in: Reinhardt, Kathleen / Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.): "Henrike Naumann & Sung Tieu. Ruin. 61. Biennale von Venedig", Berlin 2026
Doch der Pavillon blieb bis 1990 fest in westdeutscher Hand. Seit 1950 bespielte ihn die BRD wieder, ein inoffizieller Beitrag deutscher Künstler war im Jahr 1948 vorausgegangen. Immerhin stellten mit Gerhard Richter, Georg Baselitz oder A. R. Penck während der Teilung darin auch Künstler mit biografischen Wurzeln im Osten aus.
Fünf Ausstellungen der DDR
Im Bundesarchiv ist auch dokumentiert, dass es die Leitung der Venedig-Biennale war, die 1978 versuchte, den sozialistischen Ländern Sichtbarkeit einzuräumen. Von 1982 bis 1990 war die DDR in Venedig vertreten. Die kurze Geschichte der fünf Präsentationen beschrieb der Kunsthistoriker und Kurator Matthias Flügge in einem umfassenden Aufsatz im Jahr 2007 als Beispiel für die Verworrenheit und Konzeptlosigkeit der kulturpolitischen Aktivitäten der DDR auf internationalem Feld. Da der deutsche Pavillon durch die Bundesrepublik belegt war und sich auch im zentralen Pavillon kein Platz fand, wich die DDR in den venezianischen Pavillon aus. In dem Bau am Ende des Geländes fanden auch andere Länderbeiträge etwa aus Polen, Rumänien, Ägypten und Jugoslawien Platz. Der deutsche Pavillon wurde daraufhin mit der zusätzlichen Inschrift "Bundesrepublik Deutschland" versehen – der eingemeißelte Schriftzug "Germania" ist seit 1938 am Portal zu lesen.
Verantwortlich für die Präsenz der DDR in Venedig war Hermann Raum, von 1977 bis 1982 Direktor der Staatlichen Galerie Moritzburg in Halle (Saale) sowie langjähriger Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler in der DDR. Für die organisatorische und die technische Abwicklung der Beiträge war das Zentrum für Kunstausstellungen der DDR zuständig, das dem Ministerium für Kultur nachgeordnet war.
Uwe Pfeifer "Feierabend", 1977. Das Bild war Teil der ersten Präsentation der DDR im Jahr 1982 auf der Biennale in Venedig
Zur ersten Präsentation 1982 schickte der Künstlerverband bewusst nicht die großen Namen – keinen Heisig, keinen Tübke, keinen Sitte –, sondern vier Künstlerinnen und Künstler aus der jüngeren Generation: Sighard Gille, Heidrun Hegewald, Uwe Pfeifer und Volker Stelzmann. Vor allem Pfeifer und Stelzmann zählten zu den kritischen Geistern, die sich mit Missständen im Osten befassten. Pfeifers "Feierabend" von 1977 – dicht gedrängt stehende Menschen in einer Unterführung, ohne Blickkontakt, ohne Verbindung, nur einer ballt hinter dem Rücken die Faust – hatte auf der VIII. Kunstausstellung für Aufruhr gesorgt. Der "Rheinische Merkur" wertete solche Kunst als "pessimistisch in selbstkritischer Nabelschau verharrend". In der DDR wurde über den ersten Auftritt in Venedig nur eine knappe Meldung über die staatliche Nachrichtenagentur verbreitet.
Grimmige Malerei
Auch zwei Jahre später schwiegen die DDR-Medien. Dafür sprach ein britischer Kritiker umso deutlicher: "Mit viel grimmiger Malerei voller Wildheit, Gewalttätigkeit und schmerzvollem Protest über die Unmenschlichkeit ist der ostdeutsche Pavillon wahrscheinlich der am härtesten zuschlagende." Im Zentrum stand Fritz Cremers Bronze "Gekreuzigter" – umgeben von Werken von Volker Stelzmann, Wolfgang Peuker, Harald Metzkes, Werner Tübke, Willi Sitte, Bernhard Heisig und Arno Rink. Der "Rheinische Merkur" spottete, ein uninformierter Besucher könnte den Pavillon für eine Vertretung des Vatikans halten. Christliche Bildwelten, Kreuzabnahmen, Ikarus, Judith und Holofernes waren – wie Matthias Flügge es später formulierte – "ikonografische Nischen, um sich mit unerträglichen Phänomenen ihrer Gegenwart auseinanderzusetzen".
Werke von Sabina Grzimek im Arsenale auf der Kunstbiennale in Venedig 1986 im Rahmen der offiziellen Präsentation der DDR
Für den Beitrag 1986 hatten Christa Kühne und Hermann Raum eine umfangreiche Skulpturenschau geplant – doch kurz vor Drucklegung des Katalogs teilte die Biennale-Leitung mit, dass die DDR den venezianischen Pavillon räumen und ins Arsenale wechseln solle, mit deutlich weniger Fläche. Auch lehnte der künstlerische Leiter der Biennale ab, Plastiken im Außenraum zu zeigen. Eine Reihe von Bildhauern wurde daraufhin wieder ausgeladen. Christa Kühne entschied sich schließlich für Sabina Grzimek und Wieland Förster. Beide gehörten, so Flügge, zu jenen Künstlern, deren Werk in der DDR lange Zeit umstritten war, weil es nicht die Erwartungen der offiziellen Anschauung an das "sozialistische Menschenbild" erfüllte.
Sabina Grzimek "Ostsee, 1981", 1981
Als die Skulpturen eintrafen, beschnitt die Biennale-Leitung die Ausstellungsfläche noch einmal. So verzeichnet der damalige Katalog unter "German Democratic Republic" neun Bronzen und 14 Arbeiten auf Papier von Sabina Grzimek, darunter Leihgaben aus Magdeburg, Karl-Marx-Stadt und Ost-Berlin. Ausgestellt waren jedoch nur sechs Blätter und drei Skulpturen.
Werke von Wieland Förster im Arsenale auf der Kunstbiennale in Venedig 1986 im Rahmen der offiziellen Präsentation der DDR
Der Künstlerverband der DDR übernahm ihre Reisekosten, mit dem Transport der Werke hatte sie nichts zu tun. Die einander gegenüberliegenden Kojen der beiden Künstler waren wie kleinere Galerieausstellungen inszeniert. In Venedig konnte Grzimek damals alle Beiträge anschauen, auch Sigmar Polkes Präsentation im deutschen Pavillon: "Ich war froh, dass ich mich nicht mit diesem deutschen Pavillon auseinandersetzen musste", erinnert sie sich. "Ich war ein Teil der Ausstellung im Arsenale, wie andere Länder auch." Begegnet sei man ihr mit großem Interesse und Freundlichkeit. Die Reise nach Italien verband sie mit Stopps in Mailand, Florenz und Rom, wo sie 1942 in der Villa Massimo geboren wurde.
Unmut über die Lage in Venedig
Auch Willi Sitte, der Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR, reiste damals nach Rom und Venedig. Er war nicht begeistert von der Präsentation der DDR zwischen den Beiträgen von Peru, Kolumbien und San Marino. Am 11. Juli 1986 schrieb er an Erich Honecker, die DDR könne es sich nicht leisten, dort zu verschwinden – nicht, während die Bundesrepublik in ihrem eigenen Pavillon aktive Kulturpolitik betreibe: "Wir dürfen diese Situation nicht weiter hinnehmen." Fast alle sozialistischen Länder hätten die Möglichkeit, ihre Beiträge in Pavillons auszustellen. Man habe die Absicht, etwas Entscheidendes für die Verbesserung und Sicherung der Ausstellungsbedingungen in Venedig zu tun. Nicht weniger als einen eigenen Pavillon auf der Biennale in Venedig wünschte sich Sitte. Immerhin konnte man 1988 in den venezianischen Pavillon zurückkehren.
Von Dresden nach Venedig: Gudrun Brünes "Modellpuppe" (1987) war 1988 auf der Biennale in Venedig zu sehen
Ein Jahr vor Maueröffnung wählte Kommissar Peter Pachnicke ausschließlich Malerei von 33 Künstlerinnen und Künstlern, die zuvor in der X. Kunstausstellung der DDR im Dresdner Albertinum zu sehen gewesen waren – mit Gudrun Brüne, Angela Hampel, Heidrun Hegewald und Doris Ziegler waren vier weibliche Positionen vertreten. Und zum ersten Mal wurde in Venedig nicht-figurative Kunst ausgestellt, so von Eberhard Göschel. In seinem Beitrag für die "Zeitschrift Bildende Kunst" erläuterte der Kommissar, es gehe um eine vorsichtige Öffnung.
Für die 44. Biennale im Jahr 1990 waren ursprünglich Szenografen vorgesehen – doch nach dem 9. November 1989 wurde aus dem Beitrag der DDR in den Giardini die "letzte Manifestation der Kunst der DDR" (Matthias Flügge). Günter Rieger vom Zentrum für Kunstausstellungen, der gemeinsam mit Hermann Raum die Kommissarrolle übernahm, lud mit Hubertus Giebe und Walter Libuda zwei Maler der mittleren Generation ein, die bereits im Ausland ausgestellt hatten. Zudem war es gelungen, von der Münchner Hypo-Kulturstiftung und anderen Sponsoren finanzielle Unterstützung zu bekommen. Erstmals seit 1984 gab es wieder eigene Kataloge.
Links: "Kunstforum" Band 109 mit einem Coverfoto des Eingangs vom DDR-Pavillon, 1990. Rechts: Grafik des deutschen Pavillons in Venedig, 2026
Die Präsentation der DDR schaffte es im Herbst 1990 sogar aufs Cover der Ausgabe des "Kunstforum International" – im Vordergrund stand hier weniger die Kunst als die Außenfassade mit dem dreifarbigen Graffiti "D.D.R." und der vorm Pavillon positionierte Blumenkübel. Genau dieses Graffito inspirierte nun das grafische Konzept des aktuellen deutschen Pavillons: Für Typografie und Farbe des Titels "Ruin" griff der Grafiker Dan Solbach auf den Schriftzug zurück, der damals die Fassade zierte.
Nach der Wende
Seit 1990 haben nur zwei in der DDR geborene Künstler den deutschen Pavillon bespielt: Thomas Scheibitz (2005) und Olaf Nicolai (2015) Mit Robert Lippok war 2024 zwar ein weiterer in der DDR geborener Künstler Teil des deutschen Beitrags, seine Arbeit war jedoch auf der Insel La Certosa zu sehen. Mit der Ungarin Franciska Zólyom gab es 2019 zumindest eine Kuratorin, die mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig seit vielen Jahren eine wichtige ostdeutsche Institution leitet. Hans Haacke hatte 1993 den Boden des Pavillons aufreißen lassen und erklärt, das ließe sich durchaus als Trümmerfeld des Ost-West-Verhältnisses lesen. Passend dazu hängte er eine überdimensionale Nachbildung einer D-Mark mit dem Münzdatum 1990 an den Haken über dem Eingang, an dem einmal der Adler mit Hakenkreuz geprangt hatte.
Erst vor zwei Jahren blitzte dann wieder der Osten durch: Als Geste der Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen verlegte Ersan Mondtag abgenutztes Fischgrätparkett aus einem Eisenbahner-Clubhaus im brandenburgischen Kirchmöser im Pavillon. Und in seiner begehbaren Wohnungs-Installation zum Thema Gastarbeit standen auch Christa Wolf und Lyrik aus der DDR im Regal.
Als vor einem Jahr bekannt wurde, dass Kuratorin Kathleen Reinhardt den Pavillon mit Henrike Naumann und Sung Tieu realisieren würde, war die Freude bei vielen groß: "Endlich ostdeutsch!" titelte die taz. Erstmals haben nun drei Frauen mit Ost-Biografien ihre Perspektiven zusammengebracht: Reinhardt wurde in den 1980er-Jahren in Thüringen geboren, zog als Kind nach Bayern und gehört zu den 30 Prozent, die die ehemalige DDR verlassen haben. Sung Tieu wurde 1987 in Vietnam geboren, emigrierte 1992 mit ihrer Mutter nach Deutschland, wo ihr Vater bereits seit ihrer Geburt als vietnamesischer Vertragsarbeiter in der DDR-Stahlindustrie tätig war und zu den rund 70 000 Menschen gehörte, die den Arbeitskräftemangel ausgleichen sollten. Nun hat sie den deutschen Pavillon zum Plattenbau überformt und bringt die Geschichte vietnamesischer Vertragsarbeit in der DDR ins Bewusstsein.
Sung Tieu "Human Dignity Shall Be Inviolable", 2026
Henrike Naumann wurde 1984 in Zwickau (DDR) geboren und erlebte, wie sich Schulfreunde in den Baseballschlägerjahren radikalisierten. In ihrem posthum veröffentlichten Konzeptpapier zum Pavillon schreibt sie: "Ostdeutschland wird als Teil des Ostblocks markiert, und der DDR-Pavillon übernimmt symbolisch den BRD-Pavillon." Naumann, so schreibt sie weiter über sich in der dritten Person, verorte sich bewusst in einem alternativen kunsthistorischen Referenzsystem, für das man die Namen Hans Ticha und Gabriele Stötzer gehört haben sollte – und mit Hans Haacke und Joseph Beuys allein nicht weiterkommt. "Ostdeutsche Kunstgeschichte verschmilzt mit westdeutscher Möbelgeschichte. Sozialistischer Realismus kollidiert mit Formalismus und Abstraktion und lässt ein gigantisches Kunstwerk zurück."
Henrike Naumann "Die Innere Front", 2026
Die deutsche Teilung ist im Pavillon derzeit symbolisch durch 20 Stühle präsent: sauber in der Mitte durchtrennt, an gegenüberliegenden Wänden angebracht, bilden sie eine Zeitlinie deutscher Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Darunter begegnen sich Ost und West: Ein großer Reliefrahmen – inspiriert von erzgebirgischen Dioramen traditioneller Bauernstuben – zeigt ein graues Jugendzimmer im Stil des Neuen Deutschen Designs aus den 1980ern – Geschichte wird verflacht und verzerrt.
Gegenüber hängt die Nachbildung eines sozialistischen Wandbildes. Naumann nannte es: "Nachkrieg I – Ostdeutsche Kunstgeschichte". Es zitiert "Die Mechanisierung der Landwirtschaft", das Naumanns Großvater, der Künstler Karl Heinz Jakob, 1960 für den Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt geschaffen hatte. Das elf Meter lange und fast vier Meter hohe Werk ist seit 2002 im Gebäude der Industrie- und Handelskammer Chemnitz von einer Trockenbauwand verdeckt. 2024 performte Naumann das Bild bei der Eröffnung der Pochen-Biennale in Chemnitz mit einer Linedance-Gruppe und Streetdancern. "Mein Lebensziel ist es, es eines Tages wieder freizulegen", sagte sie damals. Auf dunklem Furnierholz sind die Figuren nun aus gepolsterten Stoffen, Schuhen und Lederhandtaschen nachempfunden und erinnern stellvertretend an die Kunst aus der DDR, die in diesem Pavillon noch nie zu sehen war.