DDR-Künstlerbücher in Cottbus

Eine Ausstellung zum Mitnehmen

Kleinste Auflagen, lose Blätter, handgemachte Grafiken: In der DDR wurde das Künstlerbuch zum mobilen Ausstellungsraum. Eine Schau in Cottbus zeigt jetzt, wie die Künstler ihre Arbeiten unter widrigen Bedingungen verbreiteten

Man muss sich das bewusst vor Augen führen: kein Computer oder Handy zu Hause. Drucker natürlich auch nicht. Kein Copyshop an der Ecke, um ein Poster zu kopieren. Keine sozialen Medien, um seine Meinung kundzutun. Offiziell ein Buch zu publizieren ist meist unmöglich, und ähnlich sieht es beim Ausstellen aus. Künstler und Künstlerinnen können nicht einfach in einen leeren Raum ein paar Bilder hängen. Dieser absolute Mangel an öffentlicher Wirksamkeit ist für viele Künstlerinnen und Intellektuelle der DDR Normalzustand – und es ist eine Beschränkung, die in unserem heutigen medialen Ökosystem kaum vorstellbar ist. 

Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst zeigt derzeit in Cottbus einen bislang wenig beleuchteten Teil der künstlerischen Produktion in der DDR, nämlich eine riesige Sammlung von inoffiziellen oder halboffiziellen Künstlerbüchern: "Die Tage waren gezählt. Künstlerbücher und -zeitschriften mit Originalgrafik und Fotografie aus der späten DDR und Ostdeutschland". Und im Zentrum aller ausgestellten Arbeiten steht unausgesprochen genau diese Frage: Wie können wir die Themen bearbeiten, die uns unter den Nägeln brennen? Wie können wir abweichende künstlerische Positionen formulieren und unsere Arbeiten zirkulieren lassen?

Das Künstlerbuch, das als Medium wie geschaffen ist für eine direkte Zwiesprache zwischen Künstlerin und Betrachter, bot sich hierfür besonders an. Es bietet die Möglichkeit, eine portable Ausstellung zu schaffen, die man unauffällig transportieren und weitergeben kann, berichtet Ulrike Kremeier im Gespräch. Sie ist Direktorin des Museums und hat die Ausstellung kuratiert. Meist erschienen die Werke in winzigen Auflagen (häufig deutlich unter 100 Exemplaren), und sie waren auch oft nicht gebunden, damit man die enthaltenen Grafiken oder Fotografien schadlos auseinandernehmen und an die Wand hängen konnte.

Man feiert das gemeinsame Schaffen

Was in der enormen Vielfalt der Arbeiten zuallererst auffällt: Was hier gefeiert wird, ist das gemeinsame Schaffen. Fast auf jedem Objektschild steht mehr als ein Name, oft mehrere. Hier ist kein einsames Genie am Werk, sondern weitreichende künstlerische Netzwerke, die gemeinsam arbeiten und sich intensiv austauschen.

Eine Entdeckung für die Rezensentin war die Gruppe Clara Mosch. Anders als der Name nahelegt, handelt es sich nicht um eine Künstlerin, sondern einen Zusammenschluss von fünf Künstlerinnen und Künstlern, die sich 1977 in Karl-Marx-Stadt zusammenfanden. Sie betrieben eine halb-unabhängige Galerie und machten auch dadurch von sich reden, dass sie sogenannte "Pleinairs" durchführte. Jeweils zehn Tage nahm man sich Zeit, um – meist im Freien – neuen künstlerischen Impulsen wie Aktionen und Performances nachzugehen. 

Ein solches Pleinair fand 1977 in Leussow (Mecklenburg-Vorpommern) statt. Dabei schufen die Mitglieder im Wald Installationen aus toten Hölzern, um auf Umweltschäden aufmerksam zu machen. Die Skulpturen wurden anschließend verbrannt, ihre Asche in Reagenzgläsern gesammelt und gemeinsam mit dokumentarischen Schwarz-Weiß-Fotos der Happenings im sogenannten "Leussow-Koffer" gesammelt – eines der zentralen Werke im ersten Ausstellungssaal, das sich mit den Themen Natur, Umweltschutz und Visionen der Stadt befasst. 

Gegen die Enge und Apathie des Systems

Projekte von fast epischen Ausmaßen waren die periodisch erscheinenden Künstlerzeitschriften "Schaden" (17 Ausgaben ab 1984) und "Anschlag" (zehn Ausgaben ab 1984). Sie erschienen im Eigenverlag; der "Schaden" mit lediglich 35 Exemplaren. Die Zeitschrift enthielt literarische und theoretische Texte (die mit Durchschrift auf der Schreibmaschine vervielfältigt wurden), gelegentlich auch mal Noten oder andere Materialien, und vor allem Fotografien und Grafik. Die Cover der siebzehn Ausgaben waren jeweils originale Zeichnungen, etwa mit Farbkreiden gezeichnet – und auch hier ist jedem Blatt die Frage eingeschrieben: Wie können wir gegen die Enge und Apathie des Systems angehen, inhaltlich und ästhetisch? Es ist fast bedauerlich, dass man als Besuchende die Ausgaben nicht durchblättern kann, denn selbst die wenigen Ausschnitte, die in den Vitrinen zu besichtigen sind, versprühen starke Energie. 

Viele Künstlerbücher enthielten fotografische Arbeiten. Hier verfolgen viele Künstler und vor allem auch Künstlerinnen experimentelle Ansätze, wie etwa die technischen Prozesse der Fotografie zu thematisieren oder die Motive in Collagen weiter zu verfremden. Heike Stephan zeigte in der zwölften Ausgabe des "Schaden" eine recht poetische Folge von Schwarz-Weiß-Fotos mit dem Titel "Galgenhügel. Trigonometrischer Punkt", die Dokumentation eines Happenings. Eine in Tücher gehüllte Figur streckt sehr weite Flügel aus – ein poetisches Sinnbild für den Wunsch zu fliegen oder gar zu fliehen.

An anderer Stelle der Ausstellung feiern bildgewaltige Comics eine überbordende Erzähllust und verhandeln dabei gleich Lebensentwürfe mit, wie etwa Detlef Opitz und Klaus Killisch in ihrem herzhaften Untergrund-Comic "Jeder Jeden und Retour" (1988/1989). Der Untertitel "Verwirrt im goldenen (goldigen) Westen" deutet schon die sexuellen und sonstigen Freiheiten an, die die Protagonisten individuell in West-Berlin austesten. In dem Künstlerbuch "Wirre Köpfe" (1987) des Leipziger Künstlers Klaus Elle dagegen begleiten die expressiven Siebdrucke die Beschreibung mentaler innerer Zustände. Auf einem Blatt heißt es: "Ich schreie nach meiner Disziplin, nach Ordnung im Durcheinander meiner Gefühle". 

Die dunkle Seite der Geschichte

Ein ganzer Ausstellungssaal ist einem ganz und gar unwahrscheinlichen Projekt gewidmet. Das riesige Künstlerbuch "Unaulutu" erschien 1986 im Reclam Verlag Leipzig (mit finanzieller Unterstützung der West-Berliner Galerie Brusberg) und ist enorm umfangreich. Initiiert wurde es von den Künstlern Olaf Wegewitz und Frieder Heinze (die kurz zuvor an dem nur halb-legalen, aber gut besuchten Ersten Leipziger Herbstsalon teilgenommen hatten). Es befasst sich mit der Kultur des indigenen Volks der Karajá in Brasilien und enthält zahlreiche Originalgrafiken sowie "Spielelemente" aus Holz, Körner oder Palmwedel. Für die Ausstellung wurde ein Exemplar komplett demontiert, um alle Blätter zeigen zu können. 

Ein großer Saal der Ausstellung präsentiert schließlich spätere abstrakte Arbeiten, darunter eine Grafikserie der Brüder Ronald und Robert Lippok, die auch als Musiker in Erscheinung getreten sind, sowie das Buch "Mein Labyrinth" mit 13 Siebdrucken, das Carsten Nicolai 1990/91 im Alter von 25 Jahren schuf. Zwei Installationen dominieren diesen Saal, darunter das radikale "Blutbuch" (1990) von Micha Brendel. Ein Notizbuch, das über und über mit dem Blut des Künstlers besudelt ist, liegt in einem beleuchteten Brutkasten aus Glas und kann durch Grifflöcher mit Handschuhen angefasst werden. (Ja, das ist irgendwie creepy).

Die Vielfalt der ausgestellten Positionen ist nicht leicht über einen Kamm zu scheren. Aber wenn ein Gesamteindruck bleibt, dann der: Die DDR-Gesellschaft war nicht immer scharf gezogener Gegensatz von "offiziell" hier und "Untergrund" da. Es existierten Zwischenräume und Graustufen; Menschen, die sich mal mehr und mal weniger gegen Beschränkungen wehrten; Funktionsträger, die mal mehr und mal weniger gewähren ließen. Fast alle beteiligten Künstlerkreise waren flächendeckend durch IMs der Stasi durchsetzt, wie etwa der auch in der Ausstellung prominent vertretene Sascha Anderson. Doch im Verlauf der 1980er-Jahre wurde das politische System zunehmend poröser, und die Künstler nahmen jeden verfügbaren Spielraum sofort ein.

Und noch eine Beobachtung zieht sich durch: Die Künstlerinnen und Künstler waren in ihrem Denken nicht allein auf den eigenen Vorgarten beschränkt. "Es ging ja nicht immer nur darum, dass es um die DDR oder gegen die DDR ging, wir waren ja nicht nur DDR-zentriert. Uns haben auch allgemeine Aussagen und Themen interessiert, die in der ganzen Welt eine Rolle gespielt haben", wird etwa Olaf Wegewitz in einer der Hörstationen zitiert. Die Vielfalt der Künstlerbücher in der Cottbuser Ausstellung zeichnet jedenfalls ein sehr detailliertes Bild der künstlerischen Impulse wie auch der Themen, die sich abseits der offiziellen Kunstforen der DDR in den Küchen und Ateliers der Kunstschaffenden manifestierten.