Wer tief genug gräbt, findet nur sich selbst. Generationen von Künstlerinnen und Künstler haben aus unterschiedlichen Gründen die Erde aufgewühlt – um immer wieder auf die Grundlagen des Lebens zu stoßen: Die Auseinandersetzung mit Lehm, Ton, Sand und Steinen ist eine Reflexion über die Beziehung des Menschen zur Natur, zu Heimat und Herkunft, aber auch übers Sterben, den Tod und Erneuerung. Sie ermöglicht außerdem eine unmittelbare, sinnliche Erfahrung: Boden ist ein künstlerisches Material, das riechen und feucht sein kann, voller Mikroorganismen, Mineralien, Fauna.
Delcy Morelos' monumentale Installation "Madre" durftet nach Zimt und Nelken. Es ist das Erste, was man von ihr wahrnimmt, noch bevor man die Kleihueshalle im Hamburger Bahnhof in Berlin betritt. Die kolumbianische Künstlerin präsentiert diesen Wall aus Ton, Erde, Stroh, Heu, Gewürzen, Buchweizen, Chiasamen und Honig mitten im neutralen weißen Museumsraum – wo er sich erstaunlich gut einfügt. Denn dieses Kunstwerk ist kein urwüchsiger Fremdkörper, es wirkt nicht wie das gewaltsame Eindringen der Elemente in eine hyperkünstliche, zivilisatorische Umgebung. Auch wenn Grashalme aus dem Substrat sprießen, Wurzeln herabhängen und kleine Klumpen abbröckeln: "Madre" ist eindeutig gestaltet und menschengemacht: ein Block aus natürlichen Materialien, ein Stück Architektur, der eine Struktur aus Holz und Metall zugrunde liegt.
Drei spitz zulaufende Zugänge erlauben größere Nähe zum Erdwerk. Zwischen Wand und "Madre" ist außerdem ein Tunnel entstanden, der ins schwarze Nichts führt, aber den man nicht betreten darf (es wäre ohnehin nur geduckt oder gar kriechend möglich). Diese Abwesenheit von Material hat sogar einen eigenen Titel: "Profundis". Delcy Morelos' Installation ist also Berg und Tunnel, Baukörper und Zwischenraum, Präsenz und Leere, in produktionstechnischer und konservatorischer Hinsicht eine Meisterleistung. Und eine Antwort auf andere Werke in der Halle.
Dialog mit Beuys
"Madre" soll nämlich im Dialog mit Skulpturen und Environments von Joseph Beuys stehen, die parallel in der Dauerausstellung zu sehen sind. Beuys, der erdige Schamane, der spirituelle Kojote. Der deutsche Künstler und die Kolumbianerin teilen ein Faible für lebendige Materie als Material und für Kosmologien. Doch Morelos' Ansatz ist vor allem von der Auseinandersetzung mit dem indigenen und kolonialen Erbe Lateinamerikas geprägt. Und mit ihrer Kindheit.
Delcy Morelos wurde 1967 im kolumbianischen Tierralta geboren, wo sie bei ihrer Großmutter aufwuchs, einer Nachfahrin der Emberá. Diese sind ein indigenes Volk, das sowohl in Kolumbien als auch in Panama beheimatet ist. Ihre Großmutter baute fast alles, was sie aßen, selbst an. Laut "New York Times" habe die Familie zeitweise in einer Lehmhütte gelebt, die täglich befeuchtet werden musste, damit sie nicht zu staubig wurde. Morelos lernte in dieser Zeit, ihre eigene Kleidung zu weben und Puppen aus einfachen Materialien herzustellen.
Die Großmutter habe ihr nicht nur praktische Fähigkeiten, sondern auch die Bedeutung von Spiritualität, Respekt vor der Natur und die Rolle des Menschen im Kreislauf des Lebens vermittelt. Diese Werte sind zentral für ihr künstlerisches Werk – und wehen einen auch aus der Erdfestung in Berlin an.
"Erde ist niemals neutral"
"Madre" – das ist Pachamama. In den Kulturen der südamerikanischen Anden bezeichnet der Begriff (wörtlich "Mutter Erde") die personifizierte Erdgöttin. Sie verkörpert Fruchtbarkeit, Schutz und die enge Beziehung zwischen Mensch und Natur und ist bis heute ein zentrales Symbol für einen respektvollen Umgang mit der Umwelt. In Ecuador wurde 2008 in der Verfassung festgelegt, dass die Natur – als Pachamama bezeichnet – eigene Rechte hat, etwa auf Schutz, Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen und Strukturen. In Bolivien wurden die Belange der Pachamama ein Jahr später nicht nur in der Verfassung festgehalten, sondern durch das 2012 verabschiedete "Rahmengesetz der Mutter Erde und ganzheitlicher Entwicklung zum guten Leben" rechtskräftig verankert.
Wenn lateinamerikanische Künstlerinnen wie Ana Mendieta, Tania Bruguera oder eben Morelos mit Schlamm, Boden und Grund arbeiten, dann sind diese Materialien weit mehr als nur ästhetische Elemente – sie spiegeln zentrale Aspekte der Identität, Kosmologie und Geschichte des Kontinents wider. Für Morelos "ist Erde niemals neutral", wie es im Wandtext zur Ausstellung heißt. "Sie trägt Spuren von Kampf und Überleben, verbindet Vergangenheit mit Gegenwart, Trauer mit Erneuerung."
Das Problem ist nur: In der Präsenz von "Madre" lassen sich Konflikte schnell vergessen. Mit dem Geruch von Nelken, Honig und Zimt in der Nase denkt es sich nicht gut über geschichtliche und gegenwärtige Gewalt in Kolumbien nach, der die Künstlerin selbst ausgesetzt war und die doch stark mit Erde und Boden verknüpft sind. Stattdessen referiert das Werk auf ein überhistorisches, im engeren Sinne unpolitisches Wesen, eben auf die Erdmutter, die jede materialistische Wirklichkeitsauffassung vergessen lässt.
Indigenes Wissen als bloßes Gegenmodell zur Moderne?
In den vergangenen Jahren haben wir auf Biennalen, Museen und Kunstmessen viele Werke gesehen, die auf indigenes Wissen verweisen – und damit an dessen systematische Abwertung durch die Kolonialisierung erinnern. Dieser "epistemischen Gewalt", wie die Unterdrückung außereuropäischer Perspektiven im dekolonialen Diskurs heißt, etwas entgegenzusetzen, ist tatsächlich wichtig. Doch warnten lateinamerikanische Theoretiker wie Aníbal Quijano und Walter Mignolo auch vor einer kulturalistischen Verengung. Wenn indigenes Wissen als bloßes Gegenmodell zur Moderne idealisiert wird, werden komplexe historische und soziale Realitäten übersehen.
Nun wirkt Kunst schnell überfrachtet, wenn sie alles auf einmal erzählen will. Doch auffällig ist, wie oft man einem Ansatz begegnet, in denen jeglicher Widerspruch weggeatmet wird. Offenbar wird eine bestimmte – klischeebehaftete? – Vorstellung von Lateinamerika von europäischen Institutionen und Galerien gleichermaßen geschätzt. Darin geht es nicht um aktuelle drängende Probleme des Kontinents – etwa um Femizide, Drogenkartelle, Extraktion, Korruption, Rechtsruck, soziale Ungleichheit, das Erbe der Diktaturen –, sondern um eine vage Einheit mit der Natur.
Der spürt beispielsweise auch die DAAD-Stipendiatin María José Arjona, ebenfalls Kolumbianerin, in ihrer aktuellen Ausstellung in der Berliner Galerie Barbara Thumm nach. "Sediments: Sono-Choreo-Geo-Graphic Attunements" fächert in Zeichnungen, Texten, Fotografien, Tonaufnahmen und Videos Beziehungen zwischen Körpern, Umgebungen und akustischen Ökosystemen auf – inklusive Meditationsanleitungen. "Stell dich in die Nähe des Bodens. Verlagere dein Gewicht - erst nach links, dann nach rechts … Verweile. Du wirst jetzt zu der Oberfläche, die andere hält. Sediment ist nicht passiv. Es hört mit Gewicht zu."
Wie tief willst du graben?
Bodenhaftung in unsicheren Zeiten ist sicher nicht das Schlechteste. Doch manchmal drängt sich der Verdacht auf, dass Kunst aus dem "globalen Süden" im globalen Norden gerade dann erfolgreich ist, wenn sie auf einen harmonischen Urzustand referiert, in dem koloniales Unrecht nie stattgefunden hat und materielle Machtverhältnisse ausgeblendet werden. Man kann sich einfach von "Madre"/Pachamama" umarmen lassen und ein "stilles, verkörpertes Wissen in sich aufnehmen", wie es der Wandtext im Hamburger Bahnhof empfiehlt. Doch reicht das?
Andererseits: Was hat Joseph Beuys mit seiner Kunst aus Filz und Basalt, Eisen und Erde seinem Publikum Anderes nahegelegt? Die furchtbaren Verwerfungen der jüngeren europäischen Geschichte und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind in den gebrochenen Monumenten der "Straßenbahnhaltestelle" oder des "Ende des 20. Jahrhunderts" in der Kleihueshalle nicht explizit benannt, aber dennoch präsent. Zuletzt kommt es immer auf die Betrachtenden an: Wie tief willst du graben? Was willst du finden?