Denkmalstreit in Berlin

In Freiheit ohne Einheit

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Dass mit einem Menschen alles in Ordnung ist, merkt man manchmal erst, wenn etwas nicht funktioniert: an Macken, Tics und gelegentlichen Totalausfällen. Und so ähnlich ist das auch mit Deutschland: Solange hierzulande über Geschichte, Nationalsymbole und politische Semantik diskutiert wird, bis alles diesen wunderbaren Dreh ins Irreale bekommt, muss man sich keine Sorgen machen.

Der Bundestag konnte es nur auf ein Scheitern angelegt haben, als er Ende letzten Jahres die Auslobung eines offenen Wettbewerbs beschloss, der ein "Denkmal für Freiheit und Einheit als nationales Symbol in der Mitte der deutschen Hauptstadt", auf dem Schlossplatz, zum Ziel hat. Dass in der Ausschreibung zu viele offene Fragen stecken, hätte man schon an der Aufgabenstellung ablesen können. Wessen Freiheit? Welche Einheit? Und hatte Berlins Bürgermeister nicht gerade über die Leere in der Mitte Berlins geklagt? Was könnte ein nationales Symbol in all dieser zugigen Leere stützen?

Nun gab es also den ersten, unvermeidlichen Eklat: Die hochkarätig besetzte Jury, der unter anderem Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz, Udo Kittelmann, Leiter der Nationalgalerien, oder der Künstler Olaf Nicolai angehört, gab bekannt, dass sie aus den 532 eingegangenen Entwürfen keine zwanzig Kandidaten herausfiltern wolle, die in eine nächste Runde kommen. Es protestieren darauf Architektenkammern und andere Berufsverbände. Die Sache ist nun endgültig verfahren und weckt Erinnerungen an frühere Diskussionen, etwa um das Holocaustdenkmal.

Es hilft, denkt man sich das Mahnmal als ein Stück materiearme Konzeptkunst. Dann haben die 532 Architekten, engagierten Bürger, Spaßvögel und renommierten Künstler wie Michael Sailstorfer, David Zink Yi oder RothStauffenberg, deren Entwürfe nun in Berlin ausgestellt sind, schon jetzt mit ihren Ideen einen soliden Sockel für das Denkmal erschaffen. Ihre Einreichungen zeigen nämlich, auf welch vielfältige Weise in diesem Land Erinnerung und nationale Identität verhandelt werden kann – in Freiheit, ohne Einheit. Als Mahnmal mahnen mal abstrakte Kolosse aus Stahl, Beton und Rost, mal peinliche, pathetische Allegorien aus Figurengruppen, mal sind die Beiträge platt spaßig, mal ironisch über fünf Ecken. Und nicht wenige Entwürfe sind direkt und klug und ernst, so dass man sie auch ohne weiteres realisieren könnte.

Nun stockt aber dieser schöne Wettbewerb, und wie es weitergeht, ist vorerst ungewiss. Solange bleibt uns die Ausstellung der Entwürfe. Und falls wir uns an die Euphorie der Mauerfalltage erinnern wollen, gehen wir zur East Side Gallery, dem über ein Kilometer langen Mauerstreifen, der gerade saniert wird . Sie ist voller Malerei, die zwar richtig furchtbar ist, aber einen Taumel dokumentiert, den heutige Entwürfe nicht mehr einholen können.
 




Berliner Kronprinzenpalais, bis 31. Mai

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