Nachruf auf Martin Parr

Der große Fotograf der kleinen Leute

Der Brite Martin Parr war der Spion in einer mit Plunder vollgestellten Welt und perfektionierte die Kunst, Dokumentarfotografie auf Camp-Ästhetik loszulassen. Nun ist der ehemalige Magnum-Präsident, Sammler, Lehrer und Herausgeber gestorben

Er war der große Fotograf der kleinen Leute, der fiese Spion am Tisch halbseidener Eliten, im Hintergrund immer eine Fototapete oder ein Fenster, oder etwas, das so aussah. Nie hätte man leben wollen in der Welt, die Martin Parr belauschte, voll von dummen Symbolen, gefrorenen Riten, tolldreisten Waren und missglückten Versuchen der Verständigung. Kaum zu erklären, wieso in solch klaustrophobischen Settings und peinlichen Situationen dennoch Platz blieb für den Fotografen, und zwar auf Mitteldistanz. 

Die überbordenden, bunten Bilder Parrs waren, zumindest auf den zweiten Blick, außerordentlich gut gebaut. Sie gaben sich nur minimal schöner als die Sache selbst. Dieses bisschen schöner war zynisch getönt. Aber vielleicht war sein Werk auch nur ein besonders krudes Beispiel eines publizistischen Humanismus, der an die Grenzen seiner Empirie gestoßen war. Parr baute einfach an – ins Unwahrscheinliche.

Ein Pastell: Gegenlicht, 17 Figuren, viel menschliches Fleisch. Sommer, irgendeine Art von Lust oder Bewegung in der vorderen Reihe; die Wartenden dahinter gefangen in ihren passiven Rollen. Letztlich nicht mehr als der Sturm auf einen Holztisch mit Halb-Gallonen-Behältern von Ketchup, Worcestersauce und Senf. Eine zivilisierte Herde entfesselter Konsumenten. Eine Fotografie von Martin Parr, aufgenommen in New Brighton um 1990, dem vermüllten Badeort der Proletarier und Kleinbürger von Liverpool.

Ein parfümierte Stinkefinger an seine Lehrer

Geboren und aufgewachsen im südlich von London gelegenen Epsom in Surrey, war Martin Parr, so seine Chronistin und Exegetin Val Williams, "wie viele suburbane Kinder der 50er- und 60er-Jahre ein Außenseiter, ohne Zugehörigkeit, ohne Anbindung und nahezu ohne Vorlieben". Das änderte sich mit seinem Eintritt in die Polytechnische Hochschule von Manchester 1970. Er war 18 Jahre alt. 

Wie auch in Deutschland stand man unter dem Bann der US-amerikanischen Dokumentarfotografie der 30er-Jahre. Dort anknüpfend, blieb man beim Schwarz-Weiß - es symbolisierte den Ernst der Sache -, fotografierte rar werdende Zünfte, das Gelsenkirchener Barock der Wohnzimmer, und jagte auf Volksfesten nach überzeitlichen Porträts.

Allerdings zeigte Parr zum Abschluss seinen umsichtigen Lehrern den Stinkefinger. Er baute ein Environment mit Rosentapeten in den Flur der Hochschule, zwängte seine preziösen schwarz-weißen Fotografien in pseudomoderne Glitzerrahmen von Woolworth und besprühte die unbehagliche Installation mit billigem Parfüm.

Die globalisierte Welt gelangweilter Touristen

Parrs wohl erfolgreichstes Buch, "Boring Postcards", zuerst erschienen im Jahr 2000, handelte nicht von seinen eigenen Fotos. Es waren gesammelte Motivkarten eher unbekannter englischer Mittelstädte. Die Ödnis gewerblicher Gebrauchsbilder offenbarte er so im Nachhinein als Antrieb oder Herausforderung: fotografische Farbe als Abklatsch einer zugleich bestens bestellten wie nicht wahrgenommenen Welt - die er in seinem eigenen Werk als globalisierte "small world" gelangweilter, betriebsblinder Touristen elaborierte. 

Was die Intensität betraf, half er mit dem Blitzlicht nach. Seine Neugier war ganz klar befeuert von gewählt schlechtem Geschmack; dem Phänomen, das Susan Sontag als camp bezeichnet hatte. Wie Parr diesen Kitsch in Dokumentation verwandelte, war die halbe Miete.

Seine Anfänge als Profi hatte er in Hebden Bridge, einem Weberstädtchen zwischen Liverpool und Leeds. Er schnappte sich dort ein in Backstein gemauertes Haus, zusammen mit einem Maler und einer Töpferin, und installierte im Flur eine permanente, immer wechselnde Auswahl eigener Fotografien.

Fotohistorisch ein produktiver Nerd, aber historisch weitgehend naiv

Besucher kamen viele. Bevor er sich von Magazinen verschleißen ließ, probierte er es lieber hier und dort mit der Lehre. Er baute sich ein britisch-irisches Fotonetzwerk auf, machte fast jedes Jahr ein Büchlein oder ein Buch, wurde in Agnès B.s Galerie du Jour in Paris ausgestellt und stand 1994 bei Magnum vor der Tür. Gegen erheblichen Widerstand wurde der Fotograf, "der sich über andere Menschen lustig macht", gewählt. Von 2014 bis 2017 war er Präsident dieser Bildagentur, der elitärsten überhaupt. Seine Wirkung auf die Welt der Fotografie war erheblich. Parr etablierte sich und seinen griffigen Namen in ihr als eigenständiges Medium. 

Sein erstes Fotobuch war Robert Franks "The Americans" gewesen, logisch, aber dann kamen 12.000 andere Bände dazu. Dieser bibliophile Schatz wurde von Parr und einem Textautor namens Gerry Badger zu einer Geschichte des Fotobuchs heruntergebrochen, teils chronologisch organisiert, teils nach Themen. 

Drei großformatige Schinken, voller verführerischer Faksimiles ikonischer Titel- und Doppelseiten, erschienen als "The Photobook: A History" bei Phaidon zwischen 2004 und 2014. Gefeiert wurden die Klassiker dieser Gattung, deren unauffällige Vorläufer - plus jede Menge fotografischer Monografien, die niemals zuvor in der Mediengeschichte eine Rolle gespielt hatten. Jedenfalls nicht "die Grenzen von der Wissenschaft zur Kunst überschreitend", wie Parr in seinem Vorwort zum ersten Band notierte; ausgerechnet am Beispiel der "Patienten"-Porträts eines deutschen SA-Arztes, publiziert 1934. Parr war fotohistorisch ein produktiver Nerd, aber historisch weitgehend naiv.

Die eingeschränkte Wahrnehmung eines älteren weißen Mannes?

Schon mit der Publikation des ersten Bandes wurden Fotobücher durch ihn und Badger über den engsten Kreis hinaus zu Sammlerobjekten, befeuert durch die neuen Online-Plattformen. Eine internationale Welle weiterer Publikationen über Publikationen war die Folge.

Seinen literarischen Schatz veräußerte Parr für 3,2 Millionen Pfund (wie zuletzt durchsickerte) an die Tate Gallery, um seiner 2014 gegründeten Stiftung in seiner Wahlheimat Bristol drei Jahre später ein Haus einzurichten. Hier wendete sich sein Schicksal. Er wurde plötzlich dafür angegriffen, nicht "woke" genug zu sein. Parr knickte ein und verwies auf seine angeblich eingeschränkte Wahrnehmung als älterer weißer Mann. 

Sein fotografisches Werk jedenfalls steht für einen offenen, schonungslosen, ja rabiaten Blick auf die unerfüllten Wünsche von Menschen in einer mit Plunder und Surrogaten zugestellten - westlichen - Welt. Was Leute möglicherweise gegen ihn aufgebracht hat, war eine Art Schubumkehr von Ästhetischem und Gesellschaftlichem in seiner Fotografie und in seiner Art, sie zu präsentieren: die Rückführung von Dokumentarischem in camp.

Der wahrscheinlich berühmteste beobachtende Fotograf unserer Zeit

Das war die andere Hälfte der Miete; also seiner Lebensleistung. Genau dort knüpft die laufende Ausstellung "Grand Hotel Parr" im Neuen Museum Nürnberg an, eine schrille, zirkusartige Präsentation seiner (eigenen) Fotobücher- und -broschüren, fast 300 an der Zahl. 

Parrs Wikipedia-Eintrag verzeichnet eine Krebsdiagnose im Mai 2021. Auch der "Guardian" berichtete davon. Am vergangenen Sonnabend ist Martin Parr, der wahrscheinlich berühmteste beobachtende Fotograf unserer Zeit, in Bristol gestorben.