Zum Tod von Timm Ulrichs

Der Prototyp eines Künstlers

Schwarzweiß-Porträt: älterer Mann im Anzug gestikuliert vor großem Auge mit „END“-Tattoo.
Foto: Dirk Meußling

Timm Ulrichs vor seiner Arbeit "The End", 2010, im Kunstverein Hannover, anlässlich seiner Retrospektive zusammen mit dem Sprengel Museum

Timm Ulrichs tätowierte sich, schloss sich in einem ausgehöhlten Findling ein, lief bei Gewitter nackt aufs Feld und wurde ungefähr 300 Mal am Tag von Geistesblitzen getroffen. Nun ist der "Totalkünstler" im Alter von 86 Jahren gestorben

Timm Ulrichs war der Igel, der den Jüngeren, den Hasen, wie im Märchen zurief: "Ick bün al dor!" Machen hieß bei ihm oft: vormachen. Er stellte sich in den 60er-Jahren selbst als Objekt aus, ließ sich tätowieren, nahm sich früh der Laufschrift und der bildgebenden Verfahren der Endoskopie an und spürte in der Serie "Kunst und Leben" Pornofotos auf, bei denen hinter der eigentlichen Aktion ein Kunstwerk hängt. Er hat Spielzeug ins Riesenhafte vergrößert, Assemblagen aus Pattex-Tuben gemacht und damit das Werkzeug zum Gegenstand, einem Betonklotz Antenne und Netzanschluss verpasst als Vorwegnahme von Isa Genzkens berühmtem Weltempfänger und Magnetplatten im Kreis so aneinandergelehnt, dass sie sich durch ihre Abstoßungskräfte selbst halten.

Land-Art, Body-Art, Collage, konkrete Poesie, Lichtarbeiten – der selbsternannte "Totalkünstler" hatte viel Angebot. Während eines Gewitters lief er mit einer sehnsuchtsvoll dem Himmel entgegengestreckten Metallantenne über eine Wiese oder schloss sich stundenlang in einem ausgehöhlten Findling ein. Er hat alles gemacht und alles gegeben.

Aber genützt hat es ihm angeblich nicht: Die großen Erfolge mit internationalen Ausstellungen und unglaublichen Preisen am Kunstmarkt feiern Generationsgenossen wie Georg Baselitz oder Gerhard Richter. Ulrichs registrierte jede ihrer Bewegungen und vergleicht sie mit seiner eigenen Rezeptionsgeschichte: Er durchforstete Zeitungen, Rankings und Künstlerlisten, hatte einen Presseausschnittdienst abonniert, der ihm Artikel zuschickte, in denen sein Name stand. Und beschwerte sich in öffentlichen Auftritten gerne, dass die Welt sich nicht für ihn interessiere.

"Denken Sie immer daran, mich zu vergessen"

Doch auch wenn er tatsächlich außerhalb Deutschlands einem breiten Publikum unbekannt ist, liebten ihn doch viele jüngere Künstler. Er war 1977 auf die Documenta 6 eingeladen, wurde von vielen Museen gesammelt und hatte zahlreiche Publikationen veröffentlicht. Der Kurator Peter Weibel nannte ihn einen "der größten und prototypischsten Künstler des 20. Jahrhunderts".

2020 wurde der gebürtige Berliner, der im Oldenburger Land aufwuchs, von der Akademie der Künste mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt. Sein Lebenswerk sei für nachfolgende Künstlergenerationen bis heute Fundgrube und Inspirationsquelle, hieß es in der Begründung der Jury.

Am Mittwochnachmittag ist Timm Ulrichs im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben, wie der Kunstverein Hannover mitteilte, dessen ältestes Mitglied er war. Bereits 1969 bestellte der Künstler seinen Grabstein mit einem eingravierten Paradoxon: "Timm Ulrichs, *31.3.1940. Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!" Doch das wird gar nicht so einfach.