Goldener-Bär-Regisseur Çatak

Der Raum der Kunstfreiheit wird enger

Ilker Çatak, Regisseur des Films "Gelbe Briefe", mit dem Goldenen Bären für den Besten Film der Berlinale
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Ilker Çatak, Regisseur des Films "Gelbe Briefe", mit dem Goldenen Bären für den Besten Film der Berlinale

Verhaftungen, Konzertabsagen, Zensur: Die türkische Kulturszene gerät erneut massiv unter Druck. İlker Çataks Berlinale-Film wird so zur Warnung – auch für Deutschland

"In Istanbul gibt es keine normalen Zeiten. Wir sind immer in einer Krise. Man sollte das nicht normalisieren. Aber dieser Zustand hat ein tiefes Gespür für Widerständigkeit geschaffen." Was Levent Özmen, Direktor der Istanbuler Blue-Chip-Galerie Dirimart, kürzlich zu Protokoll gab, klang gelassen. Tatsächlich frappiert es aber immer wieder, wie beharrlich die türkische Kunst- und Kulturszene selbst unter widrigsten Umständen ihre Mission pflegt.

Angesichts der jüngsten Verhaftungswelle verstärkt sich allerdings der Eindruck, dass das zwiespältige Diktum, gute Kunst gedeihe am besten im Treibhaus der politischen Repression, auch am Bosporus an ein Ende kommt. Ein türkischer Journalist der Deutsche Welle wurde verhaftet. Die irische Rockband God Is An Astronaut sah sich nach der kurzfristigen Absage eines Konzerts auf regierungsnahen Social-Media-Kanälen einer Welle von Satanismus-Vorwürfen ausgesetzt. Und ein Konzert des brasilianischen Countertenors Bruno de Sá mit dem Turkish Presidential Orchestra im Istanbuler Konzertzentrum Zorlu Center wurde kurzfristig abgesagt – weil der Sänger angeblich "too gay" wirkte.

Mit einem Spezialgesetz will Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan die zahlreichen neuen, kostenfreien Museen, Kunsträume und Bibliotheken kassieren, die der inhaftierte Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu in der Millionenstadt hatte eröffnen lassen.

Abbau der Kunstfreiheit macht nicht an der türkischen Grenze halt

Natürlich ist Ilker Çataks auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Film "Gelbe Briefe", der nächste Woche in den deutschen Kinos anläuft, eine Metapher für die sich derzeit gefährlich zuziehende Schlinge um die letzten Reste von Kunst- und Meinungsfreiheit im Reich des grimmigen Präsidenten. Selbst wenn sich der Plot um das Schicksal des regimekritischen Künstlerpaars Derya und Aziz, das von einer Sekunde auf die andere durch politischen Druck seine Jobs im türkischen Staatstheater und an der Universität verliert, an dem "Friedensappell der Akademiker" 2016 orientiert. Damals verloren mehr als 3000 türkische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Stellen, nachdem sie öffentlich ein Ende der Militäroperationen gegen die kurdische Bevölkerung im Südosten des Landes gefordert hatten.

Der Feldzug gegen kritische Kulturschaffende hat den Humus der Intellektualität seitdem in der Türkei Schritt für Schritt iausgedörrt. Die Drohung von Zensur und Haft liegt wie ein Mehltau über der Szene. Immer mehr Künstlerinnen, Künstler und Intellektuelle verlassen das Land.

Zu den bitteren Erkenntnissen der Berlinale, 1951 mitten im Kalten Krieg als Leuchtfeuer des freien Westens gegründet, gehört in diesem Jahr ausgerechnet die Einsicht, dass der vorsätzliche Abbau der Kunstfreiheit, wie ihn İlker Çatak beschreibt, nicht an der türkischen Grenze haltmacht.

Kunst und Kultur wird zum "shrinking space"

Mit dem Kunstgriff, in seinem Film Berlin als Kulisse für Ankara dienen und Hamburg Istanbul "spielen" zu lassen, wollte Çatak eigentlich nur vermeiden, als ein durch hiesige Kunstfreiheit privilegierter deutscher Regisseur über ein Land zu urteilen, in dem er nicht lebt und das dieses Privileg nicht mehr genießt. Der dramaturgische Kniff erwies sich plötzlich als prophetisch. Denn die fiktionale Überlagerung verleiht seiner bedrohlichen Geschichte eine universelle Dimension. Sie beschreibt, was Künstlerinnen, Künstler und Intellektuelle überall auf der Welt erwarten könnte, wo Kunst und Kultur zum "shrinking space" werden – womöglich auch in Berlin, dem Sehnsuchtsort vieler Intellektueller innerhalb und außerhalb der Türkei.

Deutschland ist nicht das Land am Bosporus, und es ist auch nicht das Ungarn von Viktor Orbán. Die international renommierte Filmkuratorin Tricia Tuttle würde, sollte sie tatsächlich als Berlinale-Chefin entlassen werden, nicht vor dem Nichts stehen – anders als das Künstlerpaar in İlker Çataks Film. Auch der Menschenrechtsaktivist und Filmemacher Abdallah Alkhatib, dessen Berlinale-Rede Empörung auslöste, müsste nicht mit einem Berufsverbot rechnen und Taxi fahren, um zu überleben.

Wenn der Staat künftig durch solche Sanktionen indirekt bestimmt, welche politischen Statements oder Bilder auf einem Festival erlaubt sind und welche nicht, schafft das auch in Deutschland eine Stufe auf der Treppe in Richtung Autoritarismus.

"Was passieren kann, wenn wir nicht tierisch aufpassen"

Die Freiheit des Denkens werde auf eine Weise eingeschränkt, die niemandem gefallen könne, erklärte am Mittwochabend der "Süddeutsche Zeitung"-Journalist Ronen Steinke, selbst Jurist, bei einem Screening von "Gelbe Briefe". Gezeigt wurde der Film von den Menschen- und Pressefreiheits-NGOs Amnesty International und Reporter ohne Grenzen in einem Berliner Kino.

Für İlker Çatak zeigt sein Film, wie er bei der anschließenden Diskussion mit spürbarer Wut betonte, "was passieren kann, wenn wir nicht tierisch aufpassen". Ob die deutsche Kulturszene dieselbe Resilienz gegenüber staatlichem Druck entwickelt, die Levent Özmen für die Türkei beschreibt, wird sie nun beweisen müssen.