Der Schweizer Thomas Hirschhorn installiert in Wien eine gnadenlos rote Landschaft

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Derart blutig ist es in der Wiener Secession zuletzt vor 20 Jahren zugegangen. Damals ließ der Schüttkünstler Hermann Nitsch den von Joseph Maria Olbrich erbauten Kunsttempel für seine 20. Malaktion entweihen. Blutrot triefte es von Tüchern, Leinwänden und Hemden herunter. Heute sieht man an derselben Stelle wieder Rot. Thomas Hirschhorn, der Schweizer Bürgerschreck, hat den Hauptsaal des prachtvollen Jugendstilbaus für seine großflächige Installation „Das Auge“ in Beschlag genommen. Da quirlt das Rot, dass es zunächst ein Grausen ist.
 

Mit den für ihn typischen Materialien – Plüsch, Plastik, Schaumstoff – hat der 1957 in Bern geborene Künstler eine begehbare Landschaft collagiert. Sie erinnert an Schlachthäuser und Splatterfilme. Auf einem angedeuteten Laufsteg präsentieren blutende Modepuppen rot verschmierte Pelze, lädierte Spielzeug robben sitzen auf weißen Styroporinseln, roter Farbschaum klebt auf ihren Gesichtern. Rot, so weit das Auge reicht. Und doch: Hirschhorns Wiener Blutbad ist kein Politgekünstel – keine Tierschutzkampagne, keine Agitprop. Der bekennende Beuys-Anhänger nutzt die aus Nachrichten- und Alptraumbildern entliehenen Oberflächen vielmehr, um sie auf ihren ästhetischen Erlebniswert abzuklopfen. „,Das Auge‘ sieht, aber ,Das Auge‘ versteht nicht“, sagt der in Paris lebende Thomas Hirschhorn zu der aus prekären Stoffen gewerkelten Installation, die wie ein Geschwür in der gülden verzierten Secession wuchert. Und: Er wolle lediglich, dass der Besucher diese Arbeit schön finde. Schön ist der rote Materialberg aus Hirnmasse, News-Poesie und Gliedmaßen tatsächlich – und sei es nur erschreckend schön.
 

Thomas Hirschhorn: „Das Auge“, Secession, Wien, 5. Juli bis 4. September

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