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Kriegsfotografinnen

Weiblicher Blick, männliche Gewalt

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Warum Frauen vielleicht die besseren Kriegsreporter sind: Der Kunstpalast in Düsseldorf zeigt "Fotografinnen an der Front"

Seit Robert Capa 1936 im spanischen Bürgerkrieg einen Soldaten genau in dem Augenblick fotografierte, als dieser von einer Kugel getroffen zu Boden geworfen wurde, ist Kriegsfotografie aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr wegzudenken. Heute diskutiert man darüber, ob das Todes-Foto echt ist oder nicht eher gestellt wurde. Doch spielt diese Frage nur eine untergeordnete Rolle, schließlich wird Glaubwürdigkeit anders verbürgt: Der Fotograf muss ganz nah dran gewesen sein, Nähe ist das entscheidende Kriterium der Kriegsfotografie.

Jetzt zeigt eine umfassende Düsseldorfer Ausstellung Fotografinnen an der Front diese Nähe in allen Spielarten. Um diese Nähe herzustellen, war es teils sogar von Vorteil, weiblichen Geschlechts zu sein, daran erinnert die Amerikanerin Susan Meiselas: Weil sie eine Frau war, nahm man sie nie so ganz ernst. Die Kriegs-Männer fanden, dass kaum Gefahr von ihr ausgeht. Und wenn die weiße Amerikanerin in Nicaragua unbedingt zum Gefecht mitfahren will, na dann, bitte! 

Ganz unmittelbar erlebt man in Düsseldorf Furchtlosigkeit, aber auch Neugier und Stil der acht gezeigten Fotografinnen, deren Bilder eine Zeitspanne von 1936 bis 2011 abdecken und ganz unterschiedliche Schauplätze vereinen, so den Zweiten Weltkrieg, die nicaraguanische Revolution von 1978/79 oder den Irakkrieg. 

Gerda Taro, die Frau des Magnum-Gottes Capa, fotografiert 1936 am Strand von Barcelona eine Milizionärin. Die Eleganz der Pose im Gegenlicht wirkt sofort: Diese und andere Kämpferinnen werden zum gefragten Pressemotiv.

Lee Miller, damals eine echte Nazi-Hasserin, rast mit den Alliierten über Frankreich nach Deutschland und hält die wie schlafend daliegende, womöglich vom Roten-Kreuz-Dienst ermüdete Bürgermeistertochter im Bild fest – doch die schläft gar nicht, sie hat sich umgebracht, um nicht dem Feind in die Hände zu fallen.

Catherine Leroy gelingt etwas Außergewöhnliches: Sie fotografiert 1967 in Vietnam einen blutjungen, über einem gefallenen Kameraden kollabierenden Sanitäter. Leroy, selbst nicht viel älter als er, hält ein Leben lang Kontakt. In der Ausstellung kann man auch noch ein Porträt des Versehrten von 2005 sehen.

Françoise Demulder macht 1991 die heroische Aufnahme eines Partisanen in Äthiopien. Panzer, Qualm, Maschinengewehr, rebellischer Blick: Noch näher geht nicht.

Von einer ihrer vielen Reisen in die Westsahara bringt Christine Spengler das Porträt der "Nouenna" mit: Sie kämpft jahrelang mit der sozialistischen Volksfront für die Unabhängigkeit der Region.

Susan Meiselas, in den 1970ern in Nicaragua unterwegs, polarisiert mit farbigen Katastrophen-Fotos. Tatsächlich wirkt die Farbe extrem stark, denn die Menschen, die sich dort gerade so bunt an einem Bus aufreihen, werden gleich durchsucht, müssen die Hände heben. Dennoch strahlt das Bild Fröhlichkeit aus.

Carolyn Cole gelingt im Irakkrieg 2003 ein Bild, zu dem sich jeder in Beziehung setzen kann: Sie zeigt, wie das durch Einschüsse versehrte Konterfei des Saddam Hussein 2003 übermalt wird. Ihre Digitalfotografie ist übrigens auch schon für das Online-Geschäft gedacht.

Anja Niedringhaus hat ein Jahr später als Cole und ebendort die wortlosen Blickachsen einer amerikanischen Razzia bezeugt. Im Vordergrund die adrenalinsatten Augen des Soldaten, im Hinterrund unschuldige Kinderaugen, Pyjamas, Kopftücher. 

Von den Kuratorinnen Anne-Marie Beckmann und Felicity Korn leicht und doch präzise komponiert, legt die Ausstellung Wert darauf, das man auch den ästhetischen Aspekt des Genres erkennt. Anja Niedringhaus – sie wurde 2014 in Afghanistan erschossen – hat sich beispielsweise entschieden, ihre Digitalfotografie, die in den Medien in Farbe gezeigt wurde, auch für den S/W-Ausdruck vorzusehen. Und so werden die Bilder in Düsseldorf ausgestellt. Das erzeugt übrigens keinen Retro-Effekt, sondern wirkt ikonisch, zielt auf Ewigkeit. Der Krieg gilt uns vielleicht nicht mehr als Vater aller Dinge, aber er ist immer da und zwingt uns stets von Neuem, ihn anzuschauen.

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