Mario Keine auf der Berlin Fashion Week

Rokoko statt Rave

Zwischen Techno-Ästhetik und rohen Locations wächst die Berliner Fashion Week zur ernstzunehmenden Bühne heran. Besonders ruhig und präzise setzt sich dabei das Label Marke von Mario Keine ab – mit androgyn geschärfter Schneiderei und historischen Zitaten

Über die vereisten Straßen Berlins schlitterten die letzten Tage zahlreiche Menschen in hohen Schuhen und dünnen Strumpfhosen zur nächsten Runway-Location der Berliner Fashion Week. Während die deutsche Modewoche in der Vergangenheit immer wieder in Krisen geriet, belächelt wurde und Häme aus den eigenen Reihen ausgesetzt war, hat sie sich in den vergangenen Jahren zu einem Event gemausert, das nicht nur stetig wächst und zunehmend internationales Aufsehen erregt, sondern vor allem wirklich interessante Mode zu bieten hat.

Berlin als Standort tut dabei sein Übriges. Die Stadt prägt die Fashion Week auch dahingehend, dass sie gerade nicht versucht, allein durch Chicness zu punkten, sondern immer wieder lokale Clubkultur, rohe Locations und Techno- und Streetwear-Einflüsse ausspielt.

Dazwischen sticht das deutsche Label Marke des Designers Mario Keine heraus. Keine studierte Mode- und Modekommunikationsdesign in Düsseldorf und arbeitete für eine Designagentur mit Kunden im Luxussegment, bevor er 2022 Marke gründete. In seinen Entwürfen verbindet er klassische Schneidereikunst mit spielerisch androgynen Schnitten – und zeigt seine Kleidung mittlerweile auch in Showrooms in Paris.

Wie heute viele Labels arbeitet auch Marke aus Gründen der Nachhaltigkeit vor allem mit Deadstock, also mit Restmaterialien (in diesem Fall aus Italien), die nicht eigens für die Kollektionen hergestellt werden. Gefertigt werden die Stücke in Köln und Essen, kommerziellere Produkte in Polen.

Historische Referenzen als Gegenwartsfilter

Über die Inspiration für seine Arbeit erzählt der 33-jährige Keine, dass es ihm um historische Referenzen und eine Reflexion der Vergangenheit gehe, die einen Bezug zur Gegenwart haben. "Daraus entwickelt sich auch stilistisch ein Hybrid aus vergangenen Epochen und dem aktuellen Zeitgeist", sagt er.

In seiner letzten Kollektion, die er im Sommer 2025 in Berlin zeigte und die den Namen "The Summer I Never Had" trug, bezog er sich auf queere Literatur, mit der er sich zu dieser Zeit intensiv beschäftigte. "Ich habe mich dann mit queeren Erzählungen aus der Vergangenheit auseinandergesetzt, vom viktorianischen England bis hin zu queeren Coming-of-Age-Erzählungen der 80er-Jahre in Polen und der 90er-Jahre in Irland, wo zum Beispiel das Buch 'Young Mungo' spielt", erzählt Keine.

Seine aktuelle Kollektion "The Owl" widmet sich, wie er selbst sagt, einem sozialkritischen Konzept. Sie verweist auf die Spannung zwischen Wissen und Desinformation. "Ich habe das Gefühl, dass die Emotion die Ratio immer mehr übertrumpft." Das ist der gedankliche Überbau der Kollektion. Zu sehen sind Elemente aus der Zeit der Aufklärung und des späten Rokoko – zu denen Keine in der Gegenwart Parallelen in Fragen nach Wahrheit, Wissen und Desinformation wahrnimmt.

Präsentiert wurde "The Owl" am Samstagmittag hoch oben im Bürogebäude Die Macherei in Berlin-Kreuzberg. Von allen Seiten verglast, blickte man auf das verschneite Berlin hinab; das Tempodrom liegt direkt gegenüber. Auf dem hellgrauen Sichtbeton des Schauraums sind alte Bücher und vertrocknete Rosen geschichtet, die romantische Nostalgie markieren. Zu klassischer Musik und später zu dem Song "Maybe Not" der österreichischen Sängerin Soap&Skin schreiten die Models zwischen Metallbänken entlang.

Androgyn geschärfte Herrengarderobe

Die gesamte Kollektion ist farblich schlicht gehalten: Die meisten Kleidungsstücke kommen in Schwarz, Weiß oder Grau daher – letztere liegen gerade auch international im Trend. Ein glänzend roter Mantel und eine blaue Jacke mit passender Mütze stechen besonders heraus.

Look aus Mario Keines MARKE-Kollektion, Berlin Fashion Week, 2026
Foto: Andreas Hofrichter

Look aus Mario Keines MARKE-Kollektion, Berlin Fashion Week, 2026

 

"Ich gehe bei meinen Entwürfen von einer klassischen Herrengarderobe aus", sagt Keine. Viele Looks bestehen aus Elementen wie langen Mänteln mit handbezogenen Knöpfen, mit denen er sein Handwerk markiert, oder schlichten Anzughosen, Einreiher-Sakkos und weißen Hemden aus Merinowolle, Kaschmir und Baumwolle.

Gespickt sind sie mit Neuinterpretationen bekannter Kleidungsstücke oder Accessoires: etwa Anzugswesten ohne Knopfleiste, die an eine Mischung aus Pullunder und Schutzweste erinnern, oder Krawatten, die aus weißen Hemdsärmeln bestehen. Viele der Silhouetten bleiben puristisch; durch Pumphosen in Kombination mit Ballonjacken entstehen jedoch auch voluminösere Kombinationen.

Keine spielt zudem mit Details: gepunkteter Tüll, der als Schleier an baskenartigen Mützen über die Gesichter ragt, weiße Schleppen an Hemden oder Ansteckrosen, die eine der Westen ringsherum zieren. Gerade dadurch gewinnen viele der klassischen Herrenlooks androgyne Züge, die aus historischen Zitaten herrühren – und sie zugleich erstaunlich zeitgemäß machen.

Während Männerkleidung in der Modewelt oft weniger interessant oder experimentierfreudig daherkommt als Frauenkleidung, zeigt Keine, was jenseits streng maskulin codierter Entwürfe möglich ist. Marke hat eine klassische, sehr klare und eigenständige Linie, die sich nicht nur durch diese, sondern auch durch vergangene Modeschauen zieht. Gerade durch die reduzierte Kollektion aus 18 Looks, die romantischen Bezüge und die schlichte Präsentation sticht das Label heraus. In Berlin, wo in diesem Jahr wie immer viel Techno zu hören war und Fell um Fell über die Laufstege getragen wurde, tun die Ruhe und Konzentration, die Keines Entwürfe ausstrahlen, besonders gut.