Designer Stefan Sagmeister im Interview // Advertorial

"Ich fühle mich glücklich, wenn ich arbeite"

Der österreichische Grafikdesigner Stefan Sagmeister über die Kunst des Kreativseins und warum seine Arbeit ihn so glücklich macht

Kann ein Designprodukt jemanden glücklicher machen?
Aktuell leben mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Alles, was diesen Teil der Menschheit umgibt, wurde gestaltet bzw. entworfen – von den Kontaktlinsen, über die Kleidung, die Stühle, die Räume, die Häuser, die Straßen, die Parks, bis hin zur Stadt selbst. Diese designte Umgebung spielt für den Stadtbewohner eine ebenso wichtige Rolle wie die Natur für den Einheimischen im Regenwald. Produkte können gut oder schlecht gestaltet sein. Auf jeden Fall beeinflussen sie die Wahrnehmung. Es gibt natürlich eine Vielzahl von Produkten, die unser Leben erleichtern. Wir neigen allerdings dazu, sie erst dann bewusst wahrzunehmen, wenn sie nicht funktionieren. Man kann in einem Flugzeug sitzen und dabei völlig die Tatsache ignorieren, um was für eine unglaubliche Konstruktion es sich dabei handelt. Wir nehmen es erst dann wahr, wenn es abstürzt.

Welchen Ratschlag würden Sie Menschen geben, die nach mehr Glück im Alltag suchen?
1.) Wenn Sie morgens Ihr E-Mail-Postfach öffnen, suchen Sie sich eine E-Mail raus, auf die Sie mit einem besonderen Dank oder Lob antworten.

2.) Treiben Sie Sport. 

3.) Schrauben Sie Ihre Erwartungen herunter und legen Sie Überraschung und Freude an den Tag, wenn – wider Erwarten – etwas gut geht.

Sie sagten einmal, dass ein Sabbatical die Kreativität enorm wiederbelebt. Doch nicht jeder kann sich eine einjährige Auszeit nehmen. Können Sie weitere Methoden empfehlen, um die Kreativität zu fördern und die Leidenschaft fürs Design neu zu entfachen?
Ich denke, es geht nicht so sehr um die Länge der Auszeit. Entscheidend ist die Hingabe und Bereitschaft, ein Stück Lebenszeit einer Tätigkeit zu widmen, die einen wirklich interessiert. Jeder Designer, dessen Arbeit ich schätze, folgt diesem Prinzip auf die eine oder andere Weise – spät nachmittags, einmal in der Woche oder an ein paar Tagen im Monat. Ich habe bereits nahezu jede mögliche Variante bei kleinen und großen Unternehmen beobachtet.

Kann Kunst dabei helfen uns besser kennenzulernen?
Als Kreativschaffender sehe ich die Arbeiten unseres Studios als Designwerke. Ich persönlich lege nicht viel Wert auf Definitionen. Die Welt da draußen jedoch schon, deshalb macht es Sinn, sie nicht außer Acht zu lassen. Donald Judd sagte einmal: "Design muss funktionieren, Kunst nicht." Kunst kann einfach nur "sein", sie braucht keine Funktion.Und ja, ich bin der Meinung, dass viele Künstler Welten erschaffen, die etwas darüber aussagen, wer sie sind. Gute Kunst ermöglicht uns einen Einblick in diese Welt, die Möglichkeit, sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Auch Design kann das – sowohl für ihren Schöpfer als auch für den Betrachter. In jedem Fall hatte es einen großen Einfluss auf die Entwicklung meiner Persönlichkeit. Während ich an dem "Bold Voices"-Film gearbeitet habe, fand ich einige wichtige Dinge über mich heraus, zum Beispiel, dass ich kein besonders dankbarer Mensch bin. Ich habe versucht, das Gefühl der Dankbarkeit in mein Leben zu integrieren, und glaube, ich bin ein bisschen besser darin geworden. Aber ich muss kontinuierlich daran erinnert werden. Manchmal löst eine freundliche Geste tiefe Dankbarkeit in mir aus, ein anderes Mal empfinde ich meine glückliche Gesamtsituation wiederum als selbstverständlich.

 

Welcher Aspekt Ihrer Arbeit macht Sie am glücklichsten?
Ich habe dazu tatsächlich eine eigene Liste:

1.) Das freie Nachdenken über Ideen und Inhalte – mit einer Deadline, die noch fern liegt.

2.) Das Reisen an schöne Orte.

3.) Die Nutzung unterschiedlicher Werkzeuge und Techniken.

4.) Die Arbeit an Projekten, die mir wichtig sind.

5.) Das Zurückbekommen gut gemachter Dinge von Druckern, Programmierern oder Handwerkern.

6.) Feedback von Menschen, die unsere Arbeiten sehen.

7.) Ein Projekt zu entwerfen, das mir teilweise ganz neu und teilweise vertraut vorkommt.

8.) Ohne Unterbrechung an einem Projekt zu arbeiten.

Denken Sie, Glück ist wichtig, um kreativ sein zu können? Oder zeigt uns stattdessen das "traurige Leben" mancher Künstler, dass auch Unglück Kreativität fördern kann?
Ich persönlich bin viel kreativer, wenn es mir gut geht. Dann können auch andere mehr mit mir anfangen. Wenn es mir schlecht geht, kreiere ich nichts. Manchmal kann ich rückblickend ein Werk erschaffen, das sich mit einer Zeit beschäftigt, in der es mir nicht gut ging. Während ich noch mittendrin stecke, ist meine Produktivität und Kreativität jedoch auf dem Tiefpunkt.

Wie entstehen Ihre Ideen? Sind Sie wirklich glücklich bei der Arbeit? Und wenn ja, können Sie das Gefühl beschreiben?
Die Ideen kommen von überall, aber hoffentlich nicht von anderen Grafikdesignern. Alles Mögliche kann mich inspirieren – eine lange Zugfahrt, ein Renaissance-Gemälde, ein Musikstück, ein frisch bezogenes Hotelzimmer. Es ist interessant, das alles in die Welt des Designs zu übertragen. Und ja, ich kann wahrhaft glücklich sein, während ich arbeite. Insbesondere wenn ich mich in einer Aufgabe verlieren kann. Wenn ich mich ganz vertiefe und mein Bestes gebe, dann treten meine anderen Gedanken in den Hintergrund und ich verliere das Zeitgefühl. Der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi nennt diesen Zustand "Flow". Viele Menschen verschaffen sich dieses Gefühl mit Computerspielen. Die unterschiedlichen Schwierigkeitslevel sorgen dafür, dass der Spieler sich anstrengt und an die Grenzen seiner Möglichkeiten gelangt.

Welcher Moment war bis jetzt der glücklichste Ihres Arbeitslebens?
Hier kommt ein kleiner Auszug aus meinem Tagebuch über einen glücklichen Moment während meiner Arbeit. Als ich das erste Mal Mick Jagger traf (während wir das Cover von Bridges to Babylon entworfen haben), fragte ich ihn nach seinen persönlichen Lieblingscovern der Stones. Ohne zu zögern, sagte er: Exile on Main Street, Sticky Fingers und Some Girls. Ich antwortete: "Die Zusammenarbeit sollte uns leicht fallen. Ich hätte die Frage genauso beantwortet, nur die Reihenfolge wäre anders: Sticky Fingers, Some Girls und Exile on Main Street." Charlie Watts drehte sich zu Jagger um und fragte in einem gesenkten Tonfall: "Was ist nochmal auf dem Cover von Sticky Fingers?" Und Mick antwortete: "Oh, du weißt schon Charlie, es ist das mit dem Reißverschluss, das eine, das Andy Warhol gemacht hat." Das waren gute Zeiten.

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