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Böhmermann-Ausstellung in Düsseldorf

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In Düsseldorf wagt sich Late-Night-Moderator Jan Böhmermann in ein Ausstellungshaus

Dass das Fernsehformat Late Night Show und Gegenwartskunst in einer besonderen Beziehung zueinander stehen, hatte in den 90ern der Schriftsteller Rainald Goetz festgehalten: "Zugespitzt gesagt, geht es um die simple Frage, ob die Video- und Installationen-Kunst von Frau Pipilotti oder eben nicht doch jede geglückte Ausgabe der Harald Schmidt Show, ihr Konzept und das Ganze dieser Sendung, das wichtigere Kunstwerk der Gegenwart ist", schrieb er in "Abfall für alle".

Als "Documenta für Arme" hat Schmidt selbst seine Show einmal genannt. Auch was beim Schmidt-Schüler Jan Böhmermann und seinem seit 2013 im ZDF und bei ZDFneo ausgestrahlten "Neo Magazin Royale" passiert, hat in guten Momenten etwas von der gesteigerten Gegenwartserfahrung, die Künstler manchmal ermöglichen. Im Gegensatz zu Schmidt spricht Böhmermann allerdings nie über Kunst (Ausnahme: ein Zeichenkurs mit dem Rapper Kollegah) und lädt nie Künstler ein.

Dabei gäbe es so viel rund um die Kunst in einer Late Night Show zu bearbeiten, wie es etwa US-Moderator Stephen Colbert vormachte, bevor er ganz und gar mit Donald Trump beschäftigt war.

Die Ankündigung einer Ausstellung von Jan Böhmermann und seiner Kölner Produktionsfirma Bildundtimfabrik (btf) im Düsseldorfer NRW-Forum ist also einigermaßen überraschend. Aber klar: Genug visuelles Material hat sich in vier Jahren "Neo Magazin Royale" angesammelt. Und auch crazy Ideen, die sich als Grundlage für Konzeptkunst eignen würden: Für den eher unprofessionellen Podcast eines Zuschauers einen hyperprofessionellen Werbespot drehen oder einen Schauspieler bei "Schwiegertochter gesucht" einschleusen und so den menschenverachtenen Grundton dieser Sendung offenlegen - so etwas hätte man vielleicht auch auf der vergangenen Berlin Biennale sehen können. Und viele Mitarbeiter der btf hätten an Kunsthochschulen, vor allem der Kölner KHM, studiert, erklärt NRW-Forum-Chef Alain Bieber.

In der Ausstellung "DEUSCTHLAND" (der Schreibfehler ist gewollt), die laut Ankündigung "mithilfe der bildenden Kunst den Status Quo" zementieren will und der Frage nachgeht "in was für eine zeit & land & welt leben wir überhaupt", wird allerdings kein Material aus der Sendung gezeigt, sondern eigens für die Schau hergestellte, ja, Kunst. Was genau, will Bieber noch nicht sagen.

Das einzige Foto zur Ausstellung zeigt eine Nachstellung einer bekannten Aufnahme am Rande der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen 1992: ein Zaungast in vollgepisster Jogginghose und  WM-Trikot der deutschen Nationalmannschaft beim Hitlergruß. Böhmermann wurde 2015 wegen der unrechtmäßigen Nutzung des vom Fotografen Martin Langer aufgenommen Bildes auf Twitter abgemahnt. Also hat der Satiriker das Foto gemeinsam mit seinem Sidekick William Cohn einfach nachgestellt, und Cohn zeigt statt des Hitlergrußes den Mittelfinger.

Von Urheberrecht bis zur Meinungsfreiheit: Böhmermann mag sich nicht explizit für bildende Kunst interessieren, aber er stellt deren zentrale Fragen, am prominentesten mit der von ihm losgetretenen Staatsaffäre um sein Erdoğan-Schmähgedicht. Wenn am Donnerstagabend "DEUSCTHLAND" eröffnet, dann mit besonderem Polizeischutz. Es geht wie immer um alles!

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