"Mittwoch aus Licht" an der Deutschen Oper

Ziemlich cool, dieser Stockhausen

Helikopter sind gerade der größte Flex der Performancekunst, doch schon der Komponist Karlheinz Stockhausen nutzte die Fluggeräte als Klangkörper. An der Deutschen Oper in Berlin kommt sein "Mittwoch aus Licht" überraschend frisch daher

Wer sich mit Neuer Musik nicht so gut auskennt, den Komponisten Karlheinz Stockhausen (1928–2007) nur dem weltberühmten Namen nach kennt und eher Knarzgeräusche aus modularen Synthesizern im Westdeutschen Rundfunk zu Köln sowie sehr ernste Dissonanzen mit seiner Musik verbindet (und allenfalls schon mal das rheinische Tresennarrativ gehört hat, Stockhausen sei die Inspiration zur Gruppe Kraftwerk oder gar ein Vorläufer von Techno), dem sei ein Besuch in der Deutschen Oper in Berlin empfohlen.

Unter der neuen Intendanz von Aviel Cahn gibt es dort die Eröffnungspremiere "Mittwoch aus Licht". Das sind mit zwei Pausen gut vier Stunden aus Stockhausens siebenteiligem Opernzyklus "Licht". Das in Deutschland erstmals szenisch aufgeführte Werk (der SWR hatte es 2003 nur fürs Radio produziert) zeigt immer wieder das Gegenteil aller Stockhausen-Klischees. Es ist lustig, spektakulär, kindsköpfig. Und die Regie von Susanne Kennedy und Markus Selg rahmt Stockhausen als coole, fast anti-expressionistische Kunst der Rituale. 

Das Resultat schimmert so doppelt: Zum einen wird der heilige Karlheinz sanft vom Sockel heruntergeführt und in seiner vielleicht ebenso wahren Gestalt gezeigt: als rheinischer Lebemann und Spielkind. Zum anderen schaffen die rituellen Rahmungen der Regie doch wieder eine installative Situation, die alles Persönliche überschreitet und eine nicht näher definierte Transzendenz in der Kunst sucht.

Wenn der Dirigent falsch geparkt hat

Man könnte also sagen, dass Spaß und Ernst einander so sehr durchdringen, wie es die großen Themen bei Stockhausen immer schon getan haben: das Gute und das Böse, die Geschlechter, Krieg und Frieden. Und ganz schön viel Science-Fiction à la "Star Wars" und "Star Trek", also "Krieg der Sterne" oder "Raumschiff Enterprise". Und da wird es manchmal eben auch lustig, so wie im ersten Teil, dem "Welt-Parlament", und dem letzten, "Michaelion". 

Es tagt ein kosmisches Parlament, so etwas wie der galaktische Senat in "Star Wars". Verhandelt wird die Liebe und ob sie über das Böse siegen könne. Der Chordirigent Jeremy Bines ist der Präsident, sein Auto wird ausgerufen, weil falsch geparkt. Die Koloratursopranistin Rachel Pinevska vertritt ihn so lange. 

Stockhausen ist sich nicht zu schade, ihrer Stimme ein paar kurze Klischeewitze in die Komposition zu schreiben, die haarscharf an der "Königin der Nacht" aus der "Zauberflöte" vorbeischrammen. Und als es im Libretto heißt, Liebe sei Vergebung und eine Antwort darauf "Nicht immer!" mahnt, schreckt der Chor in futuristischen Kult-Roben samt Kopfhauben auf: "Ach so!" Manchmal ist die Sprache aber auch unverständlich. Auch das kennen wir aus der Linguistik-Abteilung von "Star Wars". Stichwort: Klingonisch.

Scherzkekshaftigkeit mit Schauwert

Diese Scherzkekshaftigkeit mit schönem Schauwert kann sich die Produktion deshalb erlauben, weil sie zwei starke Partnerinnen hat. Zunächst natürlich: die Musik. Wie der Chor hier die Vielstimmigkeit des Weltparlaments beim Wort oder vielmehr bei den Noten nimmt, ist atemberaubend anzuhören. 

Da gibt es Mikrotonales, also zwischen den Kirchentonarten Herumgleitendes, es gibt herrliche erweiterte Akkorde, die manchmal auch auf der einen Seite der Bühne zart freistehen; zum Beispiel bei den Männern, während die Frauen auf der anderen Seite pausieren, und umgekehrt. Schwer zu singen, superschön anzuhören. Und a cappella, ohne Orchesterbegleitung (außer der Elektronik, die wohl vom Band kommt).

Die zweite Partnerin des Stockhausen-Humors ist die seltsam einzigartige Regiehandschrift von Susanne Kennedy sowie die Bühne und die Videos von Markus Selg. Ungewohnt im deutschen Regietheater ist, dass das Team lieber immersive Räume schafft, als besonders sichtbar mit einer Regiepranke das Werk zu kneten und so als Co-Genie in Erscheinung treten zu wollen.

Alles will als Ritual auf der Bühne erscheinen

Die Bühnenrückwand ist ein Screen, vor dem eine symmetrische kultische Figur steht, wie sich ein Videospiel vielleicht Stonehenge vorstellt. Wenn das Parlament tagt, sieht man viele Videoloops, die Strukturen im Sand zeigen, die sich laufend verändern, später abgelöst von Bildern im Hochgebirge oder auch mal von Feuer. Alles signalisiert: Leere, Weite, aber auch Tod und Werden, die Wiedergeburt, die so viele Religionen mit der Wüste assoziieren. 

Ganz stumm sind die fünf Performerinnen, die Kennedy sehr zurückhaltend choreografiert: Mal sind sie Spalier für den Chor oder die Auftretenden, meistens stellen sie eine Symmetrie her, immer vollführen sie mit Armen und Händen synchrone Gesten, immer wieder auch die Raute. Ihr Ausdruck ist betont zurückgenommen. Nichts soll beschleunigt werden wie sonst oft im Theater, nichts performativ verjuxt, aber alles will als Ritual auf der Bühne erscheinen. Als würde man den ins Offene strebenden Klängen von Stockhausen eine strenge Ordnung gegenüberstellen.

An diesem Prinzip, welches die unordentliche Überschreitung, ja die Transzendenz, einhegt oder so erst ermöglicht, ändert sich im Verlauf wenig. Wenn nach der Ästhetik der Weltenkollektive im zweiten Teil, der Szene der "Orchester-Finalisten", individuelle Instrumente des famosen Orchesters Le Balcon Einzelauftritte vor elektronischer Klangkulisse haben – die Oboe, das Fagott, die Posaune, die Geige und alle anderen –, machen sie das so cool, dass man denkt, sie würden improvisieren. Der junge Dirigent und Stockhausen-Spezialist Maxime Pascal tritt nicht auf der Bühne in Erscheinung. Seine Arbeit findet auf den Proben statt.

Hubschrauber, der große Flex der Performancekunst

Der Knaller und sicher berühmteste Teil des ganzen "Licht"-Zyklus ist das Helikopter-Streichquartett. Hier kann man erahnen, warum das Werk nicht so einfach aufzuführen ist. Vier der Luftfahrzeuge steigen auf, mit je einer Musikerin drin, wie es ein Quartett verlangt. Hubschrauber sind ja gegenwärtig der große Flex in der Performancekunst. Florentina Holzinger lässt sie aus Holz bauen und riesig im Bühnenraum baumeln, auf dass die Darstellerinnen Sex damit haben. Und im Film "Eternity" von Susanne Regina Meures, einer Gletscher-Phantasie mit Holzinger und Co., sieht es sogar so aus, als würde die Extrem-Künstlerin das Ding selbst ins Eis hochfliegen. Ob es so ist, ließ Holzinger jedoch ironisch offen. 

Bei Stockhausen gibt es keine Zweifel: Entweder vier echte Hubschrauber oder gar nix. Allerdings nicht in oder auf der Deutschen Oper in Berlin-Charlottenburg, sondern auf einem Flughafen in Schönhagen südlich von Berlin, wo dieser Teil aufgezeichnet (und damals live in die Oper übertragen) wurde. 

Dieses Video auf multiplen Bildschirmen ist die spektakuläre halbe Stunde dieser Aufführung: Alle vier Streicher tremolieren harte Achtel und doppeln damit ungefähr den Beat der Rotorblätter. Maschinen als Instrumente waren schon bei Stockhausen nichts Neues, diese Geräusche begleiten die musikalische Moderne von Luigi Russolo bis Pierre Schaeffer. Aber der Zusammenklang in Echtzeit macht es aus. Schon fast altmodisch: Wie sich die Klänge gegenseitig illustrieren. Sie sind sich so nahe wie die Posaune und die Bilder der Elefanten, die im zweiten Teil nah aufeinanderliegen.

Ein Hauch von Jonathan Meese

Im letzten Teil, dem "Michaelion", tagt erneut das Weltparlament, man braucht einen neuen Präsidenten. Nun wird es doch noch etwas theaterhaft. Die kosmischen Sprachen der Delegierten drücken noch mal auf alle Tuben, ziehen viele linguistische wie musikalische Register und machen kleine Witze mit überraschenden Intervallsprüngen. Problem: Gewählt wird ein "Kakamel", im Wüstentier stecken vier Sängerbeine. So weit, so Kindergeburtstag mit avancierter Harmonik. Aber da drin steckt ein Luzikamel, also doch wieder eine Art Teufel. Die Verballhornungen erinnern an Dada, die rot blinkende Schrift und das Herumreiten auf dem Teufelswort auch an Jonathan Meese, einen weiteren Dada-Wiedergänger der deutschen Kunstgalaxie

Die scheinbar tiefenentspannte Susanne Kennedy macht den Eindruck, als würde sie die Kinder einfach mal ein bisschen spielen lassen. Bis sie müde werden und die letzten Klänge, wieder vom Band, in den endlosen Weiten verpuffen. Ob die Versöhnung des Guten mit dem Diabolischen das eigentliche Wunder dieses Werks darstellt? Oder die Überraschung, wie unverkrampft die Ästhetik von Stockhausen und die installativen Vorlieben von Kennedy und Selg einander die Hand reichen? Mit solchen Gedanken tritt man leicht kunstbetüdelt auf die Bismarckstraße, wo sich Taxifahrer anschreien wie eh und je.