Mailänder Designwoche

Diario del Salone – Tag drei

Tagebuch aus Mailand, Tag drei: Nach einem KI-Planungsfiasko lässt sich unsere Autorin treiben – und stößt auf Stäbchen aus Nudelteig und eine Designgalerie, die über Nacht in einem pompösen Palazzo auf sieben Etagen eröffnet wurde

Kleines Drama in Mailand. Ich hatte zu Mittag gegessen. Das erste Mal in dieser Woche. Den Tag etwas ruhiger angehen lassen, drei Termine weniger, auch mal etwas absagen. Es gab Vongole und Tiramisu. Die Laune war gut. Der Plan stand: Als Nächstes zu Deoron, eine sehr zeitgeistige Ausstellung. Halbe Stunde entfernt. Doch als ich an der Adresse ankam, stellte ich fest, dass ich schon mal vor diesem Haus stand. Ich war wieder bei der Ausstellung "Convey" gelandet. Ich hatte mir die falsche Adresse notiert. Die Straße, in die ich wollte, war ganz woanders. Eine weitere halbe Stunde. Ich hatte also nicht nur Zeit beim Essen verloren, sondern auch durch den superblöden Fehler, Straßen falsch zuzuordnen. "Milano vibed nicht dieses Jahr", schrieb die Kollegin. Ich zweifelte trotzdem an mir. An meinem System. Ein paar Tage vorher war ich mir noch super schlau vorgekommen, die über 80 Orte, die ich mir ansehen wollte, mit der KI ordnen zu lassen. Aber rückblickend betrachtet, war es fehleranfällig, zeitaufwändig und nahm auch etwas weg vom Gefühl.

Also Planänderung, freestyle, spontan entscheiden, KI raus aus dem Leben. Hin zu "Chopsticks", einer Ausstellung über ebenjene – so müssen Ausstellungen betitelt sein. Kuratiert hat sie Yoko Choy, eine Designjournalistin aus China. Gezeigt werden Stäbchen von House of Hu oder Aldo Cibic. Und zwar in einer ziemlich schlauen Ausstellungsarchitektur. Unten am Boden, unter den Tabletts, auf denen die Stäbchen liegen, ist eine Spiegelfläche, die die Namen der Designer zeigt, die unter den Tabletts aufgedruckt sind. Wir sehen Stäbchen aus Nudelteig, Stäbchen, deren vorderer Teil gerillt ist, um auch rutschige Nahrung halten zu können. Oder die von Duyi Han, dem jungen Designer und Künstler, der vor ein paar Jahren schon mal bei Alcova gezeigt hat und sich in seiner Arbeit oft mit Neurodiversität auseinandersetzt. Er hat seinen Stäbchen einen Strich verpasst, der nicht nur die kleinen Bewegungen sichtbar macht, die die Nutzung von Stäbchen ermöglichen, sondern der die Anordnung auf dem ebenfalls mit Strichen und Kreisen versehenen Teller zu einer befriedigenden, weil ordnungsschaffenden Tätigkeit werden lässt. Und dann ist da noch die Arbeit von Mario Tsai, der keine Stäbchen an sich designt hat, sondern einen Anspitzer, mit dem man aus Ästen Stäbchen schnitzen kann. Welch eine gute Ausstellung!

 

Foto: Kleine Assemblage aus Zweigen, weißem Quader und orangen Schnüren auf runder, grauer Platte.
Foto: Laura Ewert

In der Ausstellung "Chopsticks" ist ein von Mario Tsai gestalteter Anspitzer zu sehen, mit dem man aus Ästen Stäbchen schnitzen kann


So soll es weiter gehen: also nun zu Dropcity, einer Ausstellungsfläche in Bahnbögen, in der im letzten Jahr eine fantastische Ausstellung zu Gefängnismöbeln und -architektur, mit dem Titel "Prison Times – Spatial Dynamics of Penal Environments", zu sehen war. Es gibt auch eine Publikation dazu, die ich nur empfehlen kann. In diesem Jahr zeigt Dropcity eine Ausstellung zum Weißen Haus, in der unter anderem die Teller der verschiedenen US-Präsidenten zu sehen sind. Auch Konstantin Grcic zeigt hier, und zwar einen Sitz seiner neuen Firma 25kg, den man irgendwo befestigen kann und der somit irgendwas zu Sitzmöbeln macht. Und dann gibt es noch ein paar Materialforschungen. Etwa ein Material aus Walnussschalen, das man im 3D-Drucker formen kann und das biologisch abbaubar ist.

 

Eine Stahlkonstruktion mit schwarzen Hockerelementen
Foto: Laura Ewert

Praktisch: Den neuen Sitz von Konstantin Grcics Firma 25kg kann man mitnehmen und an Stellen befestigen, die eigentlich gar nicht zum Niederlassen vorgesehen sind


Am Nachmittag hat die Vienna Design Week anlässlich ihres 20-jährigen Jubiläums zusammen mit der österreichischen Designerin Laura Karasinski in eine Eckkneipe geladen, und alle kamen. In der Bar Laura gab es einzelne Objekte zu sehen, zum Beispiel von Marco Dessi (der mit der tollen Leuchte Poldi) oder Christoph Wimmer-Ruelland (der mit den Prepper-Skulpturen). Auch die Swedish Girls – Mira Bergh und Josefin Zachrisson – werden hier gezeigt. Sie waren in den letzten Jahren so ein bisschen die Underground-Stars in Mailand. Hier stehen jetzt ihre zackigen Halterungen, in die man zum Beispiel kleine Sachertorten stecken kann. 
 

Zwei kleine spinnenartige Skulpturen aus Drähten und Bauteilen auf schwarzem Regal vor Holzwand.
Foto: Laura Ewert

In der Bar Laura sind von Mira Bergh und Josefin Zachrisson diese spitzen Halterungen zu sehen


Und weil man auf einer Sachertorte auch keine Designweek überstehen kann, freue ich mich auf die Eröffnung von RH Milan, eine Design-Galerie auf sieben Etagen in einem Palazzo aus dem 19. Jahrhundert, einst bewohnt vom Prinzen von Piombino. Hier kann man jetzt Möbel kaufen, und zur Eröffnung hatten Margot Robbie und Zoe Saldana, Brunello Cucinelli oder Patrizia Sandretto Re Rebaudengo geladen. Es kamen sehr viele amerikanische Menschen in Abendkleidern und mit etwas größeren Lippen, als der liebe Gott sie eigentlich für sie vorgesehen hat, zu Kaviar und Sushi und schauten sich an, wie sie sich ihre Häuser von RH einrichten lassen könnten. Was soll man sagen, Geschmäcker sind verschieden, aber der bei Superreichen beliebte California Look ist schon hart. Der Trend scheint zu großen Skulpturen zu gehen, die römischen Statuen nachempfunden sind. Auch Tierskulpturen sind groß und stehen auf Tischen, das Licht ist gelb, die Polster bräunlich oder beige, und die Kunst sieht alt aus, ist es aber nicht. 

In den Räumen riecht es noch nach Farbe. Ein Mitarbeiter hatte uns erzählt, dass der Palazzo in der Nacht zuvor noch leer gewesen ist. Keine Farbe an den Wänden. Keine Möbel darin. Bis vor wenigen Stunden hätte noch ein riesiger Schutthaufen am Hintereingang gelegen, die Polizei hatte die Straßen abgesperrt, LKWs kamen und fuhren. Faszinierend, was man mit Geld alles machen kann. Realitäten schaffen.
 

Fotografie: Schlafzimmer mit Polsterbett, Kronleuchter, Nachttischlampen, gerahmtes Bild überm Bett.
Foto: Laura Ewert

So oder so ähnlich kann man sich das Schlafzimmer von RH Milano einrichten lassen, wenn man das Geld dafür hat


So wie Gucci, wo ich auch war, ich weiß gar nicht mehr, an welchem Tag. Aber es passt zu den Realitäten. Gucci hatte im letzten Jahr eine tolle Ausstellung erarbeitet, verschiedene Künstler und Kollektive eingeladen, die Lampen oder Drachen zeigten. In diesem Jahr hat der Kreativdirektor Demna handgewobene Wandteppiche gezeigt, die die Geschichte des Haus of Gucci und ihrer Kreativdirektoren nacherzählen und er hat den Hof mit Blumen bepflanzen lassen.  Streichorchester spielten, Springbrunnen plätscherten. Das hatte etwas Friedliches, aber auch etwas durch und durch Horrorhaftes. Denn die Kulisse gab ihre Natürlichkeit nur vor und wurde vor allem zum Content-Hintergrund. In einem anderen Hof war ein Cluster aus schwarzen Verkaufsautomaten aufgestellt, die bedrohlich wirkten, nicht nur im Kontrast zu den Blumen. In ihnen konnte man einen QR-Code scannen, und heraus kam eine Getränkedose. Auf ihr stand dann Fashion Icon oder Drama Queen. Fotos davon fanden sich natürlich tausendfach auf Instagram wieder. Man hatte hier also gar keine Ausstellung gezeigt, sondern nur eine Content-Maschinerie gebaut. 

Auf der Suche nach einer Toilette fand ich mich plötzlich in dunklen Gängen wieder, lief durch leere Räume, fand irgendwann das Klo, aber keinen Lichtschalter. In der Kabine war ein Fenster, es öffnete sich zu einem anliegenden Fußballfeld, im Scheinwerferlicht spielten ein paar Männer Fußball, zum Spaß, kein Training. Sie riefen sich zu, rannten, warfen sich auf den Boden. Rechts von mir war die Gucci-Content-Maschine. Links von mir die echte Welt. Ich schaute den Männern noch etwas zu.