Ach, ich war ein bisschen traurig an diesem Tag. Zu viele perfekt produzierte Firmenauftritte hatte ich am Tag zuvor gesehen. Autohersteller ließen junge Leute um ein neues Produkt tanzen, Muskelmodels betätigten sich auf dem Reformer vor Menschen, die Ferrari tranken, ich schlich mich auf eine Veranstaltung eines Küchenmaschinenherstellers, der seine Gäste gerade mit Reisebussen ins Hotel brachte und ihnen zum Abschied noch Essig in die Hand drückte. Die Ausstellung Capsule Plaza war immer schon etwas unangenehm gewerblich und wurde in diesem Jahr vollkommen von einem großen Möbelkaufhaus gekauft.
Ich ließ mir alles über die neue Uhr von Marc Newson für Ressence erklären und habe immer noch nicht ganz verstanden, wie diese Uhr ihre Zeiger bewegt. Das US-Studio Ananas Ananas, deren Essensinstallationen mit Edelstahlobjekten auf Instagram immer super aussehen, legten im neu eröffneten Hotel Casa Laveni Marzipanpflaumen und echte Erdbeeren auf eine Metalldecke und machten mir deutlich, dass vieles, was im Internet funktioniert, im echten Leben nicht zwingend gut ist. Kurzum, die Masse an übersteuerter Perfektion hatte mir das Blut aus dem Körper gedrückt, ich brauchte Erdung.
Also fuhr ich raus zu einem alten Militärgefängnis, in dem die Ausstellung Alcova stattfindet. Ich war jetzt ein paar Jahre nicht bei Alcova gewesen, die mittlerweile nach Miami expandiert sind und mir manchmal zu viele niedliche Arbeiten zeigen. Aber dieses Gebäude mit seinen abblätternden Wandfarben und seinen kleinen Räumen, seiner Marienstatue im Gang und den Bäumen im Garten versprach Naherholung. Der früher in Berlin und jetzt in Mailand lebende Däne Frederik Fialin stellt aus, und die Berliner Obscure Objects auch, und oft findet man hier Interessantes aus Japan oder China.
In diesem Jahr freue ich mich vor allem über die Arbeiten von Hap Ceramics. Maxi Hoffmann lebt in Berlin, zeigt das erste Mal bei Alcova in Mailand und macht grobporige Keramik-Sidetables, Lampenschirme, die mit starker weiblicher Hand zusammengehalten scheinen, Sitze, die so wirken, als habe der himmlische Wind Farbe und Form über sie geweht.
Die Berliner Designerin Maxi Hoffmann zeigt mit Hap Ceramics bei Alcova skulpturale Objekte, die zwischen Funktion und expressiver Form changieren
In einem anderen Gebäude hat der Österreicher Christoph Wimmer-Ruelland einen Raum bezogen. Ich habe seine Arbeiten im letzten Jahr in Eindhoven entdeckt und ich mag sie, weil sie so einen Endzeit-Spielzeug-Charakter haben. Er fügt für seine Objekte mehrere Gegenstände zusammen. Saucieren, Haken, Plastikformen werden gebunden, nicht geklebt oder verschraubt. Er bezieht sich dabei auf die Prepper-Kultur, also auf Menschen – meist Männer – mit großem Misstrauen gegenüber Institutionen, die sich als Selbstversorger auf den Katastrophenfall vorbereiten. Und irgendwie war danach meine Laune besser.
So fuhr ich mit dem Leihrad, für das ich schon wieder viel zu viel Geld ausgebe in dieser Woche, zum Showroom von Serafini, dem Marmorverarbeiter aus Vicenza. Dort zeigen Budde aus Köln neue Möbel. Ich bin Fan, weil die Entwürfe vom gelernten Architekten Johannes Budde für mich sind wie joggen – sie räumen meinen Kopf auf. Nicht nur habe ich den Waschtisch mit herausnehmbaren Lamellen endlich in echt gesehen, ein Möbel, das mich zu Tränen rührt. Nun wurden auch drei Tische vorgestellt, die einen ähnlich skulpturalen und parallelen Steckcharakter haben. Fühlt es sich beim Betrachten nicht so an, als würde das Gehirn gekämmt?
Budde präsentiert im Showroom des Marmorverarbeiters Serafini in Vicenza neue Möbel von Johannes Budde zeigt – darunter ein skulpturaler Waschtisch und drei Tische mit modularem Steckprinzip
Die Ausstellung Convey musste in diesem Jahr umziehen, nun ist sie in einem Haus auf mehreren Etagen, und auch die hat sich im Großen und Ganzen gelohnt. Zum Beispiel wegen dieses Stuhles, den einige vielleicht als funny abtun würden. Gemacht vom Designkollektiv Sudden Object aus Rotterdam, die aus weggeworfenen Objekten neue machen. "Reparieren durch Collage" nennen sie ihre Praxis, und so wird diese Lehne eines Brasseriestuhls aus den 1950er-Jahren mit einem gebogenen Aluminiumstreifen zum Stuhl. Habe mich nicht draufgesetzt. Aber anhand dieses Objekts kann man Kindern recht gut Design erklären, finde ich.
Die Ausstellung "Convey" ist umgezogen und zeigt unter anderem einen Stuhl des Rotterdamer Kollektivs Sudden Object, das mit recycelten Fundstücken arbeitet
Am Nachmittag hosten die beiden schlauen, schönen und freundlichen Menschen vom "The Thing Magazine" – Nina Sieverding und Anton Rahlwes – eine Ausstellung von Pro Helvetia. Den Titel habe ich vergessen, ich schrieb gestern drüber, Ausstellungstitel sollte man weglassen. Es geht jedenfalls um Schweizer Design. Unter anderem präsentiert sich hier IIode, das ist eine neue Glühbirnenfirma. Die LED-Birne wird hauptsächlich aus recycelten Materialien hergestellt, lässt sich nicht nur in Lichtintensität und -temperatur einstellen, sondern kann auch auseinandergebaut werden. Zur Wartung und zum Recycling. Das ist doch sehr gut.
In einer Ausstellung von Pro Helvetia präsentiert IIode eine zerlegbare LED-Birne aus recycelten Materialien
Anschließend ist die Laune so gut, dass man auch wieder zu den großen Firmen gehen kann, die so nett mit Champagner locken. Bottega Veneta zum Beispiel. Das Modehaus unter Kreativdirektorin Louise Trotter hat für eine Installation mit dem koreanischen Künstler Kwangho Lee zusammengearbeitet. Der hat nicht nur Lederstreifen zu Objekten verwoben, in denen man sich gerne verstecken würde, wenn man Endzeit-Ängste bekommt, wie ein Prepper. Es stehen auch Stühle in dem Laden, die aussehen, als hätte man einen Monochair in Ketten gelegt; diese Ketten haben aber eine Oberfläche wie so Lakritzbonbons, die mit silberner Lasur überzogen worden sind. Man möchte sie ablecken.
Zum Ablecken schön: Bei Bottega Veneta arbeitet Kreativdirektorin Louise Trotter mit Kwangho Lee zusammen, unter anderem für Stühle mit kettenartigen, lakritzglänzenden Oberflächen