Die Kunstbiennale von Venedig ist eröffnet. Bevor es die eine oder den anderen in die Lagunenstadt treibt, haben wir zum Vorglühen ein Ranking der besten Filme erstellt. Actionstreifen, Komödien und Liebesdramen, in denen sich der Schauplatz Venedig von der schönsten Seite zeigt – und in manchen Filmen auch düsterste menschliche Untiefen auslotet.
10. "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug", Steven Spielberg, 1989
Lunchzeit auf dem Campo San Barnaba. Cafégäste springen von ihren Korbsesseln, als sich mitten unter ihnen ein Gullideckel öffnet. Pitschnass kriecht Dr. Henry Jones (Harrison Ford) aus der Kanalisation und seufzt erleichtert: "Ah, Venice!". Doch der Archäologe und Abenteurer aus Steven Spielbergs Indiana-Jones-Reihe ist nicht als Tourist, sondern als Schatzsucher in die Lagunenstadt gekommen. Man schreibt das Jahr 1938, und die Nazis sowie ominöse Kreuzritter liefern sich mit Indy ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Heiligen Gral. Aber wie sieht er aus, jener Kelch, der beim letzten Abendmahl herumging, später das Blut Jesu auffing und deshalb ewige Jugend verspricht? Ein Becher, der sogar den holy grail aller Anti-Aging-Behandlungen auf der Isola delle Rose (im JW Marriott Venice Resort & Spa) um Längen schlägt.
In der Kirche San Barnaba – im Film eine Bibliothek – stößt der findige Wissenschaftler auf eine erste Spur zum Heilsgefäß. Gedreht wurde tatsächlich viel in Venedig. Extra für Spielberg wurde der Canal Grande an einem Sommertag 1988 für den Bootsverkehr geschlossen. Heute undenkbar! Und überhaupt müssen die Produktionsfirmen Schauplätze wie Rialtobrücke und Markusplatz inzwischen meistens virtuell rekonstruieren: So strich Mike Leigh bei seinem Künstler-Biopic "Mr. Turner – Meister des Lichts" (2014) William Turners Venedig-Reisen aus dem Skript – aus Kostengründen. Schade! "Ah, Venice!" – das dürfte auch der große britische Maler oft geschwärmt haben.
9. "Venedig sehen – und erben", Joseph L. Mankiewicz, 1967
Anders als der lupenreine Kinofreak Spielberg entwickelte Regisseur Joseph L. Mankiewicz (1909–1993) eine Filmästhetik, die seine Faszination für das Theater spiegelte. Passenderweise beginnt "The Honey Pot" (Originaltitel) auf der Bühne des Opernhauses La Fenice. Der schwerreiche Cecil Fox (Rex Harrison in seinem vierten Mankiewicz-Film) ist der einzige Zuschauer der Aufführung, die er nach wenigen Minuten schon verlässt. Fox wird das Stück "Volpone oder der Fuchs" des Shakespeare-Zeitgenossen Ben Jonson nun im modernen Venedig selbst inszenieren – oder jedenfalls eine Version jener derben Komödie über einen Venezianer, der eine tödliche Krankheit vortäuscht, um die Gier von Erbschleichern zu wecken.
Die Gierigen dürfen sich mit teuren Geschenken bei ihm einschleimen, die der quicklebendige Volpone dann für sich behält. Neben Harrison glänzen in der Kriminalkomödie Susan Hayward, Cliff Robertson und die junge Maggie Smith. Schauplätze sind Fox’ Palazzo in Cannaregio – das Interieur wurde in Cinecittà in Rom aufgebaut –, sowie der Campo San Giovanni e Paolo oder das berühmte Caffè Florian auf der Piazza San Marco. Auch die letzte Totale wurde im Herbst 1966 am Platz gedreht. Der Himmel über dem Markusdom ist wolkenverhangen, zwischen einer Riesenpfütze und dem labyrinthartigen Trachyt-Pflastermuster läuft Robertson hinter Smith her, der überraschenden Alleinerbin und damit Siegerin im Poker- und Maskenspiel.
8. "A Haunting in Venice", Kenneth Branagh, 2023
In seinem dritten Hercule-Poirot-Thriller versetzt Kenneth Branagh (Regie und Hauptrolle) Agatha Christies Kriminalroman "Halloween Party" von der englischen Provinz ins Venedig kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. An der Lagune hat sich Hercule Poirot in den Ruhestand begeben. Doch eine befreundete Krimiautorin (Tina Fey) reaktiviert den Meisterdetektiv, um einem vermeintlich betrügerischen Medium (Michelle Yeoh) während einer Séance das Handwerk zu legen.
Im Palazzo, wo neben der spiritistischen Sitzung noch eine Halloween-Sause für Waisen stattfindet, geht es tatsächlich nicht mit rechten Dingen zu: Poirot entgeht einem Mordanschlag, die Spiritistin stürzt vom Balkon und wird auf einer Statue aufgespießt; unter den Anwesenden geht die Angst um, das nächste Opfer zu sein. Aber einer muss ja auch Täter sein.
Operndiva und Palazzo-Besitzerin Rowena Drake (Kelly Reilly) trauert um ihre Tochter, die vor einem Jahr im Wahn von der Brüstung in den Tod gesprungen sein soll. Das Spukhaus wurde nach dem Vorbild des Palazzo Grioni in den englischen Pinewood Studios errichtet. Im Atelier wurde auch ein Kanal "gegraben", auf dem echte Gondeln fahren konnten. Ende 2022 zog das Team an die Lagune, um am Canal Grande, an der Seufzerbrücke, vor dem Dogenpalast und auf San Giorgio Maggiore Außenszenen zu drehen. Auf der Insel, vor Andrea Palladios Kirche, setzt die Handlung ein, in trügerisch heiterer Stimmung. Doch "Venedig kann sehr kalt sein", wie Patricia Highsmith, eine andere große Kriminalschriftstellerin, wusste.
7. "James Bond 007: Casino Royale", Martin Campbell, 2006
Auch 007 liebt die Serenissima. Ruhe findet er dort kaum: In "Liebesgrüße aus Moskau" wird Sean Connery von Lotte Lenya mit einer vergifteten Schuhspitze traktiert, sein Nachfolger Roger Moore flüchtet in "Moonraker" in einer Gondel, die sich kurzerhand in ein Luftkissenfahrzeug verwandelt, vor seinen Verfolgern durch venezianische Kanäle. Zentraler ist der Schauplatz Venedig aber im ersten Film der Franchise mit Daniel Craig.
James Bond verliert seine große Liebe Vesper Lynd (Eva Green) bei einem dramatischen Showdown am Canal Grande. Während Bond im Treppenhaus des Gebäudes, das gerade saniert wird, mit seinen Gegenspielern ringt, steckt Vesper in einem vergitterten Lift des Hauses fest. Als der Palazzo krachend in den Kanal sinkt – die schwimmenden Stabilisierungspontons sind zerschossen –, schließt die von Schuldgefühlen geplagte Vesper sich suizidal im abstürzenden Aufzug ein. Unter Wasser kann der Agent den Käfig aufbrechen, doch an Land sind Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung vergebens. 007 küsst eine Tote. Daniel Craig verkörperte in "Casino Royale" und vier weiteren Bond-Filmen einen Geheimagenten, der seinen Machismo abgelegt hat. Das vom Verfall gezeichnete Venedig ist der ideale Rahmen für diese aufregende 007-Variante.
6. "Der Trost von Fremden", Paul Schrader, 1990
Herbst in Venedig. Nebelzeit. Die englischen Touristen Colin und Mary (Rupert Everett, Natasha Richardson) steigen im Hotel Gabrielli an der Riva degli Schiavoni ab. Orientierungslos streift das Paar, bei dem sexuell wenig los ist, durch eine bedrohliche, wenig romantische Lagunenstadt. Sie lernen Robert (Christopher Walken), einen britisch-italienischen Venezianer, kennen, einen zugleich charismatischen und finsteren Mann – und folgen seiner Einladung in den Palazzo, in dem er mit seiner kanadischen Ehefrau Caroline (Helen Mirren) lebt. Die unheimliche Begegnung aktiviert die Leidenschaft zwischen Colin und Mary. Doch in Paul Schraders Erotikthriller nach Ian McEwans Roman "The Comfort of Strangers" entpuppt sich die Ménage à quatre als Todesfalle.
"Venedig gleicht in diesem Film den Vorstellungen, die man sich davon macht", schrieb der Kritiker Michael Althen in der "Zeit". "Das Licht ist angereichert, bis es in süßlichen Farben zerfließt, die Räume kennen keine Fluchtlinien mehr. Es gibt keine natürlichen Bewegungen, nur noch den Gesang der Kamera, die alles umschmeichelt. Und nichts berührt. Das ist die Konsequenz dieses Films und manchmal seine Schwäche. Wo sich alles bewegt, bewegt sich nichts wirklich". Mag sein. Aber schon dank Christopher Walken mit seinem Vampircharme gebührt dem Psychodrama ein würdiger sechster Platz.
5. "Casanova", Lasse Hallström, 2005
Was wäre das Venedig-Kino ohne Giacomo Girolamo Casanova (1725–1798)? Der Venezianer war promovierter Jurist, Schriftsteller und Bibliothekar, Dichter, Philosoph und Übersetzer, Chemiker, Alchemist und Mathematiker, Historiker und Diplomat, Glücksspieler und Geheimagent, Freimaurer und Abenteurer – vor allem aber wurde Casanova durch seine zahllosen Liebschaften zur Legende. Zum Kinohelden taugt die historische Figur indes kaum: Chroniken berichten von Sex mit Minderjährigen, von Massenvergewaltigungen, an denen Casanova beteiligt war, und von krimineller Energie, die ihn in die berüchtigten Bleikammern des Dogenpalastes brachte. Nach 15 Monaten qualvoller Haft gelang ihm in einer Herbstnacht 1756 die spektakuläre Flucht.
Eigentlich war Casanova ein Dreckskerl, doch in der historisch unkorrekten Filmversion von Lasse Hallström springt ein smarter Verführer aus der Gondel. Schließlich spielt Heath Ledger die Hauptrolle. Die Casanova-Rom-Com konzentriert sich auf das Jahr 1753. Sogar die Nonnen erliegen Casanovas Charme. Die Inquisition lässt ihn observieren, der Doge setzt ihm ein Ultimatum: Bis zum Ende des Karnevals muss der gentile Giacomo heiraten, sonst wird er für immer aus Venedig verbannt. Casanova wählt Victoria – aus strategischen Gründen –, verliebt sich aber in Francesca (Sienna Miller), eine Schriftstellerin und Feministin avant la lettre, die den Verehrer erst abblitzen lässt und dann mit ihm aus Venedig flieht.
Die Dreharbeiten im Jahr 2004 waren schwierig. Es herrschte Dauerregen, der kreativ in die Inszenierung integriert werden musste. "Casanova" war nach einer langen Phase der Drehverbote für große Produktionen – seit den 1970ern – der erste Hollywoodfilm, der wieder vollständig in Venedig gefilmt wurde. Hallström ließ Hunderte Statisten in bunten Kostümen aufmarschieren und nutzte weidlich die echten Schauplätze. Eine prachtvolle Szene, in der Casanova und Francesca im Heißluftballon über Markusplatz, Dogenpalast und Lagune schweben, wurde allerdings computergestützt produziert. Und: Ballons gab es erst ab 1783 – und sie wurden in Frankreich, leider nicht in Venedig erfunden. Hallström hat sich ganz offenbar von dem Ufa-Prestigefilm "Münchhausen" inspirieren lassen, in dem Hans Albers’ Lügenbaron in Venedig Casanova trifft und vom Markusplatz im Gasballon zum Mond entschwebt.
4. "Fellinis Casanova", Federico Fellini, 1976
Karneval in Venedig. In Anwesenheit des Dogen soll der riesige Kopf der Göttin Luna aus dem Canal Grande auftauchen. Doch die Zugseile reißen und der Kopf versinkt, während Lunas Augen unter Wasser aufleuchten. Ein böses Omen – auch für Casanova. Anders als Hallström erzählt Fellini in seinem opulenten Bilderbogen um den legendären Frauenhelden nicht fortlaufend, sondern episodisch. Vor allem aber ist das Biopic des italienischen Kino-Großmeisters stärker an den historischen Begebenheiten orientiert. Hier wird Casanova wegen schwarzer Magie verhaftet, entkommt 1756 den Bleikammern Venedigs – um dann quer durch Europa zu fliehen, bis er am Hof des Grafen von Waldstein in Böhmen 1798 stirbt. Kein reiner Venedig-Film also, aber ein Meisterwerk mit dem grandiosen Charakterkopf Donald Sutherland in der Titelrolle – als tragikomischer Held, der in einer hermetischen Masken- und Kulissenwelt zum Opfer eines selbstauferlegten sexuellen Leistungsdrucks wird.
3. "Wenn die Gondeln Trauer tragen", Nicolas Roeg, 1973
Das Horror- und Thrillergenre ist mit dem Venedig-Schauplatz nicht immer gut gefahren. Mario Landis berüchtigter "Giallo a Venezia" von 1979 ist ein Fest der Misogynie und des schlechten Geschmacks. Weniger furchterregend als unfreiwillig komisch geht "Der weiße Hai in Venedig" (2008) auf Pirsch nach Menschenfleisch durch engste Kanäle. Und der Meeresbiologe David (darstellerisch zahnlos: Stephen Baldwin) findet – ein kurioser Kollateralnutzen der Raubtierjagd – den Schatz der Medici – den man doch eher in Florenz suchen würde.
Klarer Gruselfavorit: Nicholas Roegs "Wenn die Gondeln Trauer tragen" mit Julie Christie und Donald Sutherland als britisches Ehepaar Baxter, das wegen eines beruflichen Auftrags von John nach Venedig reist. Er leitet dort die Restaurationsarbeiten an der Kirche San Nicolò dei Mendicoli – die zur Zeit der Dreharbeiten im Winter 1972/73 tatsächlich mit Spendengeldern restauriert wurde. John und Laura Baxter trauern um ihre kleine Tochter Christine, die im Teich ihres Anwesens in England ertrunken ist. "Don’t Look Now", so der Originaltitel dieses sanften Horrorfilms, lässt immer wieder Blicke in eine andere Dimension zu. Laura lernt die blinde Heather (Hilary Mason) kennen, die behauptet, einen übersinnlichen Kontakt zu Christine aufgenommen zu haben. Und John sieht die schwarzgekleidete Laura – die eigentlich nach England abgereist ist – in einer Trauergondel auf dem Canal Grande: zu seiner eigenen, zukünftigen Beisetzung?
In der Bildgestaltung dieses paranormalen Thrillers überwiegen die dunklen, gedämpften Töne, und der Nebel trägt wie die morbide Venedig-Kulisse stark zur beklemmenden Atmosphäre bei. Hinzu kommt eine aufregende Montage, die Diesseits und Jenseits verbindet, sowie die Musik von Pino Donaggio – die Nebelschwaden akustisch mit hohen Streicherlagen nachahmend. Einige der Szenen, in denen eine zwergenhafte Gestalt, die Christines roten Mantel trägt, durch die alten Gassen rennt, unterlegte Donaggio mit mysteriös fiependen Synthesizer-Tönen. "Ein großer Teil des Films wurde nachts gedreht", erklärte der Komponist, "Deshalb mochten die Venezianer den Film wohl nicht besonders. Vor allem die Stadträte waren besorgt, dass er Touristen abschreckt. Venedig kann einem Angst einjagen, wenn man allein ist und den Geräuschen lauscht."
2. "Traum meines Lebens", David Lean, 1955
Jetzt schnell in den Sommer. Da soll Venedig ja am schönsten sein – für diejenigen, die Hitze vertragen. Katharine Hepburn spielt in David Leans Liebesdrama "Summertime" die amerikanische Venedig-Touristin Jane Hudson, die sich mit der Reise an die Lagune ihren Lebenstraum erfüllt. Die Temperaturen machen ihr nichts aus – schließlich ist sie heiße Julitage in Ohio gewohnt –, aber die unverheiratete Endfünfzigerin fühlt sich doch bald einsam in der Märchenstadt.
Als sie den zehn Jahre jüngeren Antiquitätenhändler Renato di Rossi (Rossano Brazzi) kennenlernt, ist es um sie geschehen. Auch Renato ist der Amerikanerin zugeneigt, aber die Entdeckung, dass ihr möglicher Latin Lover verheiratet ist und einen Sohn hat, dämpft Janes Erwartungen. Dank eines handfesten Streits mit anschließender Versöhnung werden Renato und Jane aber doch noch ein Liebespaar. Sie erleben ein prächtiges Feuerwerk bei der Festa del Redentore und verleben herrliche Tage auf der Insel Burano. Die Liaison endet mit Janes Aufbruch in die Heimat. What happens in Venice, stays in Venice.
"Summertime" ist (fast) die schönste Liebesgeschichte des Lagunen-Kinos. Weltpremiere feierte der Film im Mai 1955 auf den Filmfestspielen von Venedig. Katharine Hepburn war auf dem Lido nicht dabei. Nicht überliefert ist, ob ihr Fehlen mit der Augeninfektion zusammenhing, die sich Hepburn bei einem Sturz in einen venezianischen Kanal zugezogen hatte: Jane filmt den Antiquitätenladen am Campo San Barnaba mit ihrer Schmalfilmkamera, schreitet dabei rückwärts und fällt ins Wasser. Der Take wurde mehrmals gedreht, und es wurde versäumt, die Augen der Schauspielerin zu desinfizieren. Die Folge war eine chronische Bindehautentzündung, unter der Hepburn den Rest ihres Lebens leiden sollte. Ein Bad im Kanal empfiehlt sich bis heute nicht. Aber die Wasserqualität ist besser geworden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit sorgte die Industrialisierung für Schwermetalle, Chemikalien aus Fabriken, Algen und Sedimente für starke Verunreinigungen.
1. "Tod in Venedig", Luchino Visconti, 1971
Das ist die schlechte Nachricht: Venedig kann auch krankmachen. Etwa wenn die Cholera in der Stadt zu wüten beginnt und man gegen alle Warnungen Erdbeeren verzehrt. Vielleicht stirbt Gustav von Aschenbach in Luchino Viscontis Verfilmung der Thomas-Mann-Novelle aber eher an seiner unerfüllbaren Liebe zu dem Jüngling Tadzio. "Tod in Venedig" ist jedenfalls noch vor "Summertime" der allerschönste, doch zugleich traurigste Liebesfilm der Serenissima.
Visconti drehte viele Szenen im Grand Hotel des Bains auf dem Lido, in dem Thomas Mann 1911 seinen Urlaub verbracht hatte und wo er zu seiner Geschichte inspiriert wurde. Mit seiner Familie gehörte der junge Visconti im Jahr darauf selbst zur vornehmen Gesellschaft des Hotels, die er dort knapp 60 Jahre später in seinem Film prunkvoll in Szene setzen sollte. Weitere zentrale Originalschauplätze waren die Piazza San Marco, das Teatro La Fenice und der Campiello dei Calegheri.
Vieldiskutiert – schon während der Dreharbeiten – wurde die Verwandlung des alternden Schriftstellers aus Manns Vorlage in den Komponisten Aschenbach im Film – grandios gespielt von Dirk Bogarde. Das zentrale Musikstück des Soundtracks ist das Adagietto aus der 5. Sinfonie von Gustav Mahler. Aber was hat der Spätromantiker mit Thomas Mann und der Leidenschaft für einen 15-Jährigen zu tun? Gegenüber dem Filmkritiker Hollis Alpert gab Dirk Bogarde eine Anekdote Viscontis wieder: Thomas Mann habe auf dem Rückweg von Venedig einen 51-jährigen weinenden Mann mit gefärbten Haaren und schlechtem Make-up im Zug getroffen, der sich als Gustav Mahler entpuppte. Vom Komponisten habe der Schriftsteller erfahren, dass sich dieser in einen Jungen verliebt habe, der für ihn Schönheit, Reinheit und Unschuld verkörpere. Nur: von ephebophilen Neigungen des Komponisten ist sonst nichts zu lesen. Hat Thomas Mann seine eigene Leidenschaft womöglich auf Mahler projiziert? Das bleibt ein Geheimnis. Kein Zweifel kann daran bestehen: "Tod in Venedig" ist die numero uno des Lagunen-Kinos. Naturalmente!