Fast-Unfall in Venedig

Kollateral-Event

Eine schwimmende Festung: Kreuzfahrtschiffe in Venedig
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Eine schwimmende Festung: Kreuzfahrtschiffe in Venedig

Erneut hat es in Venedig eine Beinahe-Katastrophe mit einem Kreuzfahrtschiff gegeben. Mehr noch als die Biennale-Kunst in der Lagunenstadt sind die Riesendampfer ein Sinnbild für die unstillbare und zerstörerische Gier des Menschen

Über der Biennale in Venedig liegt dieses Mal ein Hauch Apokalypse. Ist das giftiger Nebel, der da aus dem Hauptpavillon in den Giardini kommt? Ersteht da bei Cyprien Gaillard gerade der Geist des Faschismus auf? Und kann man nicht mal mehr eine Oper am Strand anschauen, ohne an den Raubbau an unserem Planeten erinnert zu werden?

Die Liste der Kunstwerke, die sich mit dem Klimawandel, dem Artensterben und dem unendlich kreativen zerstörerischen Potenzial des Menschen beschäftigen, lässt sich beliebig fortsetzen. "Feel-bad-Art" hat das der Philosoph Slavoj Žižek kürzlich genannt. Aber kein Werk entfaltet die erschreckende Eindrücklichkeit der pixeligen Youtube-Bilder, die ein hochhausgroßes Kreuzfahrtschiff zeigen, wie es Sonntagnacht im Sintflut-Regen fast in den Pier vor den Giardini kracht. Nur ein paar hundert Meter Luftlinie zur Kunst. Ziemlich feel-bad.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen hat es in Venedig eine Beinahe-Katastrophe mit einer der Touristenfestungen gegeben, die die Kirchtürme des Markusplatzes mühelos überragen und wie rauchende Seeungeheuer durch die Lagune pflügen. Wenn es nicht so gefährlich wäre, könnte man das Geschehen als die beste Performance der Biennale sehen, illustriert es doch perfekt die paradoxen Tendenzen der Gegenwart: Eine unstillbare Gier, Orte zu konsumieren, die durch genau diesen Konsum zerstört werden.

Das Sehen macht das Gesehene kaputt

Dieses Video zeigt in knapp drei Minuten, wie das Kunstwerk Venedig durch die Blicke des Publikums bedroht wird. Nur um die spektakulärsten Panoramen und die besten Bilder für die Passagiere zu bieten, fahren die Schiffe auf Steinwurf-Entfernung am porösen Altstadtkern vorbei. Ein bisschen, als würden auf dem Rücken Godzillas fotografierende Touristen sitzen, wenn er durch die Straßen von New York pflügt. Spectacular views. Auch der weitgehend übersehene Ölbilder-Stand von Banksy in Venedig hatte das Zerstörungspotenzial der Kreuzfahrtschiffe zum Thema.

Das Sehen-Wollen richtet das zu Grunde, was man sehen will. Ein hübsch psychoanalytischer Gedanke, aber eben auch ziemlich nah an der räuberischen Massentourismus-Realität. Dazwischen die Kunst in ihrem absurden double bind - die einerseits aufrütteln und gegensteuern will und andererseits ein weiteres Venedig-Highlight zum Abhaken für die Besucherströme liefert. Das Bündnis "We Are Here Venice", das sich um die Rettung ihrer Stadt bemüht, beschwerte sich zur Eröffnung der Biennale, dass sie zwar für unzählige Panels angefragt wurden, aber niemand gefragt hat, wie man die Mega-Ausstellung selbst weniger umweltbelastend gestalten kann. 

Feel-bad-art mit Folgen

Der Bürgermeister von Venedig hat einen Hilferuf abgesetzt und die Unesco aufgefordert, seine Stadt auf die Liste des gefährdeten Kulturerbes zu setzen. Mit gesteigerten Dringlichkeit sollen so endlich die umkämpften Routen der Kreuzfahrtschiffe neu festgelegt werden.

Die Unesco hat bisher betreten geschwiegen. Natürlich ist eine Liste nur eine Liste, die ausschließlich symbolisch ist. Genau wie eine Biennale. Aber vielleicht könnten beide zusammen eine Art von Feel-bad-Allianz eingehen, die zumindest im Apokalyse-Mikrokosmos Venedig etwas verändert.