Der Raum ist verdunkelt, der betörende Marmorkörper dramatisch ausgeleuchtet. Eine nackte junge Frau wälzt sich in den Laken – denkt man. Erst beim Umrunden der Figur wird sichtbar, dass der Körper auch männliche Züge trägt. Als die antike Skulptur "Schlafender Hermaphroditus" 1618 ausgegraben wurde, fügte der römische Bildhauer Bernini eine erstaunlich realistisch wirkende Matratze und ein Kissen hinzu und verwandelte das Zwitterwesen so in eines der berühmtesten Werke des Barock. Die aus dem Louvre kommende Skulptur zeigt eine Szene aus Ovids "Metamorphosen", in der die Nymphe Salmacis und der Jüngling Hermaphroditus gewaltsam zu einem zweigeschlechtlichen Wesen vereint werden.
Die Skulptur ist nur einer von vielen Höhepunkten in dieser von Ovids 15-bändigem Epos inspirierten Blockbuster-Schau. Dabei verwebt sie erhellend Mythen des Werdens und Vergehens. Tizian, Caravaggio, Rubens, Rodin, Brancusi, Magritte und Bourgeois werden flankiert von jüngeren Positionen, denen die Rolle der Neuinterpretation zufällt. Nur wenige Texte der Antike haben so viele Künstler und Künstlerinnen derart nachhaltig beeinflusst. Vielleicht, weil Ovids Gedichte den Kern der menschlichen Natur so lebensprall einfangen – von sexualisierter Gewalt bis zur Ausbeutung Schwächerer.
Variation und Verwandlung
Ovid beschreibt eine Welt voller Verwandlungen: von Göttern und Menschen in Tiere, Pflanzen oder Steine. Liebe, aber auch obsessive Triebe und Verrat sind wiederkehrende Motive. Schon 1604 bezeichnete der niederländische Maler und Schriftsteller Karel van Mander die "Metamorphosen" als "Bibel für Künstler". Über 80 selten ausgeliehene Meisterwerke, die sich Abgründen und Transformationen jeder Art widmen, wurden aus 50 erstklassigen Museen und Sammlungen zusammengetragen. Eine Ausleihpolitik, die hohe Erwartungen schürt – und makellos aufgeht.
Offenbar trifft Ovids Überzeugung, dass "alles sich wandelt, doch nichts vergeht" in der unsicheren Gegenwart ins Schwarze, denn kaum eine der Geschichten läuft nicht auf eine von Hybris angefeuerte Abwärtsspirale der Menschheit hinaus. Der Rundgang verbleibt nicht lange bei den Darstellungen der Entstehung der Welt aus formlosem Chaos. Der innere Kampf zerrissener Charaktere rückt sogleich in den Vordergrund.
Der Natur ausgeliefert
Man begegnet – thematisch geordnet – in unzähligen Variationen Narziss und Danae; der Jungfrau Arachne, die dazu verdammt war, als Spinne weiterzuleben sowie dem römischen Gott Jupiter, der die Gestalt eines Stiers, eines Schwans und sogar eines Goldregens annahm, um seinen Begierden gewaltsam nachzugehen. Auf drei riesigen Leinwänden ist das Gesicht der 1970 geborenen niederländischen Künstlerin Juul Kraijer zu sehen, die als Medusa mit Schlangenkopf posiert und Figuren, die mit Landschaften verschmelzen – allesamt sind sie fluiden Bewegungen ausgeliefert. Wie etwa im Fall von Ana Mendietas femininer Skulptur aus aufgeschüttetem Schlamm, die in ihrem Video "Birth (Gunpowder Works)" (1981) im flachen Wasser liegt. Aus der vaginalen Form in der Mitte der Skulptur steigt Rauch auf und hinterlässt geschwärzte Erde.
Die über die Zeiten hinweg vielstimmig schillernde Ausstellung ist das Ergebnis einer dreijährigen Zusammenarbeit zwischen dem Rijksmuseum in Amsterdam und der Galleria Borghese in Rom, wo sie ab Ende Juni zu sehen sein wird. Das Thema Verwandlung wird im letzten Teil auch jenseits von Ovid aufgegriffen, entlang von Giuseppe Arcimboldos zusammengesetzten grotesken Gesichtern etwa, gefolgt von einem bizarren Vexierbild aus Papst und Teufel oder fotografischen Selbstporträts von Roman Opalka, der seinen Alterungsprozess als Metapher für die menschliche Existenz dokumentierte. Auch in dieser "Metamorphose" spürt man den Drang, sich in einen Bereich zu wagen, der jenseits der Komfortzone liegt. Ist der Nachklang Ovids in der Malerei der Renaissance und des Barocks offensichtlich, verschwand er mit der bürgerlichen Kultur zeitweise von der anthropologischen Landkarte. Dass er längst wieder an die Gegenwartskunst anschlussfähig ist, beweist nicht zuletzt auch diese erstklassige Hommage.