Dirk von Lowtzow

Die Energie der Peripherie

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Dirk von Lowtzow hat ein Buch geschrieben: Mit "Aus dem Dachsbau" erzählt der Sänger der Band Tocotronic aus seinem Leben – und verläuft sich dabei immer wieder. Ein Interview

Dirk von Lowtzow, vor fast 25 sangen Sie im Song "Freiburg" vom unerklärlichen Hass auf Radfahrer, jetzt liefern Sie in "Aus dem Dachsbau"endlich einen Grund für diese Abneigung nach: Sie selbst mussten als Kind immer durch den Regen zur Schule radeln.
Das stimmt, unter anderem deshalb hasse ich Radfahren.

Es ist ein seltsamer Effekt, durch das Buch manches erklärt zu bekommen, was in Songs angedeutet war. Dabei standen Sie doch immer für das Unauthentische, das Künstliche in der Rockmusik. Woher kommt der Wandel?
Ich glaube nicht, dass dieses Buch eine Art Betriebsanleitung zur richtigen Lesart der Tocotronic-Texte ist, es ist doch ein ganz eigenes Gebilde. Es hat mit den Songs zu tun, weil swohl Songs als auch Buch Teil meines Lebens sind. Im Spannungsfeld zwischen Wahrheit, Künstlichkeit, Authentizität und Lüge bewegt sich doch jede Art von Literatur. Und mich interessiert beim Schreiben vor allem die Sprache, die ohnehin immer im Werden ist und einen manchmal auch an Orte leitet, die man gar nicht aufsuchen wollte.

Sie lieben fantastische Filme, Serien und Literatur und erzählen selbst von unwirklichen Träumen und unheimlichen Vorfällen. Ist Ihnen das fantastische Schreiben leichter gefallen als das realistische?
Es gibt Lexikoneinträge – denn das Buch ist ja eine Art Enzyklopädie –, die ganz schlicht und wahrheitsgetreu geschildert sind, so wie es nach der häufig langen Zeit überhaupt möglich ist. Der Eintrag "Alexander" über den Tod meines Freundes etwa. Dann wieder gibt es Einträge, bei denen ich das Gefühl hatte, dass ich näher an der Wahrhaftigkeit bin, wenn ich zeige, wie die Realität ins Groteske oder auch Unheimliche kippen kann.

Im Buch fällt das Motiv des Verlaufens und Nie-Ankommens eine große Rolle: In mehreren Geschichten läuft dieser Dirk los und endet dann an irgendeinem Nullpunkt.
Das hat mit meinem eigenen Leben zu tun. Wie Sie treffend bemerkt haben, bin ich kein Radfahrer, ich gehe sehr große Strecken zu Fuß, häufig ziel- und sinnlos. Man sucht sich einen Punkt X, da will man hin, aber unterwegs verlässt einen dann der Mut, weil der Zeitraum zwischen Aufbruch und Ankunft so lang ist. Das kann selbst bei einem Gang zum Supermarkt passieren, plötzlich ist man verzagt und fragt sich: Was mache ich eigentlich? Mir geht es ganz oft um diese Momente des Innehaltens, wo sich alles um einen herum so komisch verdichtet und tatsächlich in Nullpunkten zu gefrieren scheint.

Es endet dann häufig in Gestrüpp und Geäst, in Unterführungen, auf Brücken. Ist H. P.  Lovecrafts Faszination fürs Labyrinth ein Einfluss beim Schreiben gewesen?
Für den Alltag zwischen Supermarkt, Bahndamm und Schrebergartensiedlung könnte man Karten zeichnen, und eine Karte gibts ja auch im Buch. Das ist tatsächlich beeinflusst von den labyrinthischen Anordnungen, die es bei Lovecraft gibt und die er allein über Sprache baut, etwa durch die Aneinanderreihung zahlloser Adjektive. So sollte man nah dem guten Geschmack eigentlich nicht schreiben, aber gerade deshalb finde ich das interessant. Und mich faszinieren Orte, die nicht eindeutig definierbar sind. Die deutsche Schriftstellerin Esther Kinsky nennt solche Nicht-Orte "Gelände", in Abgrenzung zu "Landschaft".

Was genau zieht Sie ins "Gelände"?
Man kennt diese Orte, wenn man so wie ich in der westdeutschen Provinz aufgewachsen ist: Verkehrsinsel, Kreisel, Umgehungsstraßen, komische Schneisen. Immer, wenn ich an die Landschaften meiner Kindheit denke, denke ich an diese Orte und nicht an historische Baudenkmäler, nicht an das Pittoreske und das offensichtlich Naturschöne. Ich suche solche Grenzgebiete und Peripherien auf, wenn ich in einer anderen Stadt bin. 

In "Let there be Rock" haben Sie "die langweiligste Landschaft der Welt" besungen und gleich daneben die Forderung nach Rock gestellt. Offenbar finden Sie an solchen Orten auch kreative Energie.
Die Energie der Peripherie!

Der nächste Buchtitel steht schon fest! Wie kommt es überhaupt, dass Sie jetzt Prosa schreiben?
Es kam eigentlich für mich nie in Betracht, weil immer zu viel zu tun war. Bei der Arbeit zum letzten Tocotronic-Album gab es auch schon diese biografische Idee, und nebenher schrieb ich diese Prosastücke, fast wie als Ergänzung dazu. Dann traf ich mit Sandra Heinrici von Kiepenheuer & Witsch zusammen, sie fand das interessant, und so hat sich das langsam herauskristallisiert.

Ist Ihnen das Schreiben denn leichtgefallen?
Diese Idee, es als eine Enzyklopädie zu strukturieren, hat es mir leichter gemacht, weil das Abc das simpelste Ordnungsprinzip ist. Man nennt ja Schulanfänger Abc-Schützen, und was das Schreiben von Prosa angeht, würde ich mich als Anfänger bezeichnen. Es hat Spaß gemacht, ein eigenartiges Alphabet mit überraschenden Begriffen zu erstellen.

Der letzte Eintrag im Buch legt nahe, dass Sie mit dem Schreiben der Dehnung der Zeit entgegenwirken wollen, also der Langeweile.
Langeweile ist eher etwas, was Kinder haben. Aber ich kenne schon Phasen der Orientierungslosigkeit. Menschen, die Musik machen, ist das vertraut. Man wartet sehr viel, auf Tourneen, zwischen Alben. Durch das Schreiben habe ich etwas erfahren, was ich sonst nicht so kenne: zu versinken und die Zeit vergessen zu können.

Im Buch sind auch von Ihnen gezeichnete Cartoons abgedruckt. Sind die neu?
Ja, aber teilweise aus der Erinnerung rekonstruiert. Ganze Schulstunden habe ich Hefte und Bücher mit selbsterdachten Comicfiguren vollgezeichnet. Leider habe ich nichts davon aufbewahrt. Die Rekonstruktion ist mir jetzt komischerweise ganz leicht gefallen. Ich habe nichts verlernt, bin aber auch nicht besser geworden.

Bildende Künstler haben Sie beeinflusst, Claus Richter, Henning Bohl, Sergej Jensen und vor allem Cosima von Bonin nennen Sie in Ihrem Buch. Lernt man bei Künstlern nochmal eine andere Haltung?
Für Cosima habe ich einen eigenen Eintrag als Liebeserklärung geschrieben. In vielen Künstlerromanen kommen Mentorenfiguren vor, die aber meistens männlich sind. Ich habe eine weibliche Mentorin. Andere Texte wiederum docken an das Werk von Künstlern an, ohne sie zu nennen. "Aliens" ist zum Beispiel eine Hommage an die Serie "Educational Complex" von Mike Kelley, die Gebäudekomplexe, in denen jeder Zeit Aliens auftauchen könnten, wo Verdrängtes und Erinnerungslücken Platz finden. 

Man kann das Buch nicht nur als Enzyklopädie, sondern auch als Bildungsroman lesen: Jemand bricht auf aus seinem Kaff und am Ende kommt der Protagonist irgendwo an, bei Ihnen in der Literatur.
Wahnsinnig schön erkannt! 

Dann gibt es bald also weitere Bücher?
Kann sein! Ich bin erstmal froh, dass ich das erste fertig habe.

Kein Druck!
Nein, nein, es kommt wie es kommt.

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