Wer heute Nachrichten verfolgt, kommt an der politischen und militärischen Entwicklung im Gazastreifen nicht vorbei. Zurzeit steht die Einnahme der Stadt Gaza und die Vertreibung ihrer Bewohner auf dem Plan der israelischen Offensive. In Bildern vorgeführt werden in erster Linie die Bombardierung von Bauten und hier und da Flüchtende mit ihren notdürftig zusammengepackten Habseligkeiten.
Die militärische Führung oder der Ministerpräsident als oberster Kriegsherr kommen eher selten zum Vorschein, häufig nur, wenn es gilt, die neuen Kriegsziele und die scheinbar unumgängliche Notwendigkeit der Maßnahmen zu erläutern. Vorwiegend prägen graue Betonruinen die Szenerie, die Akteure beider Seiten bleiben, verdeckt in Panzern oder versteckt in Tunneln, außer Sichtweite.
Wie es an Ort und Stelle vor rund zweieinhalbtausend Jahren ausgesehen hat, ist zwar nicht in visuellen, aber in schriftlichen Zeugnissen überliefert. Bereits im Jahr 332 v. Chr. wurde Gaza-Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Der verantwortliche Heerführer damals hieß Alexander der Große. Er hatte auf erhöhten Plattformen Katapulte anbringen lassen, deren Geschosse die Befestigungsanlagen leicht überwinden konnten. Gleichzeitig wurden die Stadtmauern untergraben und dadurch zum Einsturz gebracht. Mehr als 10.000 gegnerische Soldaten starben bei diesen Gefechten. Nach Einnahme der Stadt wurden die Frauen und Kinder als Sklaven verkauft. Bald darauf begann die Neubesiedlung.
Die Bestrafung des Stadtkommandanten
Zuvor aber musste noch der persische Stadtkommandant bestraft werden. Er hatte auch persönlich bis zuletzt erbitterten Widerstand geleistet und war am Ende nicht bereit, dem makedonischen Herrscher die gebotene Reverenz des Unterlegenen zu erweisen. Nicht ein einziges Wort kam über seine Lippen, sodass Alexander ob dieser widerspenstigen Haltung in Rage geriet und auf Rache, sprich Folter, sann. Batis (oder Betis), so der Name des Kommandanten, sollte, wenn er schon nicht sprechen wollte, wenigstens im Schmerz seinen Mund öffnen und einen Schrei tun. Kurzerhand durchbohrte man zur Strafe seine Füße, fesselte ihn rücklings an einen Streitwagen und ließ ihn um die gefallene Stadt und auf diesem Weg zu Tode schleifen.
Wie es heißt, war aber auch jetzt kein Laut aus seinem Mund zu vernehmen, weder ein Schrei noch ein Ächzen oder Stöhnen. Selbst angesichts des Todes war Batis nicht bereit, Schwäche zu zeigen und dem Gegner seinen Triumph zu gönnen.
Ob ihrer Grausamkeit hat diese Episode, die von zwei Chronisten berichtet wird, das Bild des ansonsten wegen seiner Kühnheit und Huld ringsum hochgerühmten Alexander getrübt. Als Folge wurden die verantwortlichen Quellen umgehend angezweifelt und als sensationslüstern attackiert. Die Schilderung der Batis-Folterung passte den Alexander-Verehrern nicht ins Konzept eines souverän agierenden Herrschers. Und wenn dies gar kein singuläres Ereignis und damit eine Ausnahme, sondern in der Antike – und weit darüber hinaus – vielmehr die Regel der Machtdemonstration von Siegern war?
Schandfleck auf Alexanders weißer Weste
Der französische Philosoph Michel de Montaigne hat sich darüber im ersten Beitrag seiner berühmten "Essais" von 1580 Gedanken gemacht und auch den referierten Fall maßlosen Wütens kritisch gewürdigt. Alexanders Rachsucht und Raserei wird von ihm im Vergleich zur Besonnenheit einiger anderer Protagonisten diskutiert. Bis heute ist der Fall Batis auf der ansonsten nahezu weißen Weste des als Heroen verehrten Alexander als Schandfleck verblieben.
Es verwundert daher zu erfahren, dass die Batis-Episode auch in der bildenden Kunst, wenn auch aufs Ganze der unzähligen Alexander-Darstellungen gesehen nur sehr selten, ihren Niederschlag gefunden hat. Wie sollte man die Folterszene zeigen, ohne das Publikum zu verschrecken und den Herrscher moralisch in Verruf zu bringen?
Im Jahr 1785 erhielt der französische Maler Louis Lagrenée (1725-1805) von König Ludwig XVI. den Auftrag, das Ereignis aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. in einem Historiengemälde zu würdigen. Daraufhin schuf der Maler ein beeindruckend großes, rund 15 Quadratmeter umfassendes "Cinemascope"-Format, das zwei Jahre später mit sensationellem Erfolg als eines der größten Bilder im Pariser Salon ausgestellt wurde.
Lagrenées Gemälde bereinigt zunächst die äußere Flur, keine zerstörte Stadt weit und breit, keine Ruinen und keine Toten. Vielmehr ein fast undramatisches Zweipersonenstück mit drei Schergen und einigen Zuschauern als Randfiguren. Nur leicht aus der Mitte gerückt steht in einer Art römischer Tracht Alexander. Die Linke angespannt vor der Brust gehalten und zur Faust geballt, die Rechte, vielleicht zur Bändigung seiner Erregung in den Umhang greifend, blickt der Herrscher in Richtung Batis, der bereits mit den Füßen an den diagonal platzierten Zweispänner gefesselt ist, aber gerade noch Zeit hat, den Blick Alexanders zu parieren. Links am Rand stehen einige Soldaten, einer in nachdenklicher Pose, und rechts sieht man zwei weibliche Gestalten, die händeringend um Gnade für den verurteilten Sohn und Bruder flehen.
Die Szene wirkt eher statuarisch als dramatisch und die blutige Seite der Folter bleibt ausgespart. Fast scheint es so, als ließe sich Alexander von den Umstehenden und Verhältnissen noch erweichen, um seinen Befehl auszusetzen. Auf diese Weise wird der rachsüchtige Herrscher auch in dieser Rolle in das Bild des verehrungswürdigen Heroen eingepasst.
Der französische König als Auftraggeber wird es nicht anders erwartet haben: Man verbreitet Angst und Schrecken, und durch das Drohszenario wird der Gegner bereits in Schach gehalten. Von der scheinbaren Harmlosigkeit des Geschehens spricht bis heute auch der offizielle französische Gemäldetitel. Er lautet entweder "Fidélité d’un Satrape de Darius" oder "Le Supplice de Béthis ou Fidélite d’un Satrape de Darius". Durch den Treue-Aspekt ("fidélité"), der in beiden Versionen betont wird, verliert der Gesichtspunkt der Folter etwas von den damit evozierten Gräueln. Man kann sich das Bild ansehen, ohne wie bei einem klassischen christlichen Märtyrerbild in Bestürzung zu geraten. Das bittere Ende bleibt ausgespart, vielleicht vom Publikum erahnt, aber jedenfalls nicht gezeigt.
Dass der französische Monarch zwei Jahre später durch die Französische Revolution sein Amt als Alleinherrscher und bald darauf auch sein Leben verlieren würde, verleiht dem Gemälde rückblickend eine merkwürdige historische Spannung. Es ist heute nicht mehr in Versailles oder im Pariser Louvre zu sehen, sondern im Musée d’Art et d’Archéologie in Aurillac, also in der Provinz. Möglich, dass es dort gelandet ist, weil der Maler nicht zur ersten Garde der französischen Malerei gehört, vielleicht aber auch, weil der Held Alexander nicht mehr ganz den üblichen Maßstäben und dem Image eines Tugendhelden entspricht. Heroisch jedenfalls kann sein Verhalten auch von den Verehrern kaum genannt werden.
"Die Stimme von Hind Rajab" als wirklichkeitsnahes Zeugnis
Wenn eine visuelle Botschaft politisch abgemildert wird, wirkt das wie ein Ausweichen vor dem Grauen und ein Beschönigen – ein Vorgehen, das man auch aus der aktuellen Berichterstattung kennt. Die Bilder aus dem Gazastreifen, die aktuell überhaupt das Publikum erreichen, werden oft gefiltert durch direkte oder indirekte Zensurmaßnahmen. Hypersensibel, wie wir uns zu sein erlauben, weichen wir gegebenenfalls auch allzu veristischen Darstellungen durch Wegschauen aus. Insofern lassen sich auch heute Nachrichtenbilder blutiger Ereignisse manipulieren und relativieren.
Wollte man dem Lagrenée-Gemälde, das von einer kitschigen Hollywood-Inszenierung nicht weit entfernt ist, ein aktuelles künstlerisches Bild gegenüberstellen, dann ließe sich der Film "The Voice of Hind Rajab" (2025) der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hanias anführen, der kürzlich bei den Filmfestspielen von Venedig für politisches Aufsehen gesorgt und den Großen Preis der Jury erhalten hat. Der Hybridfilm aus Spiel- und Dokumentaraufnahmen handelt von der vergeblichen Rettung eines fünfjährigen Mädchens, das mitten in Gaza-Stadt in einem vielfach beschossenen Auto neben den Leichen der übrigen Insassen eingeschlossen ist und um Hilfe ruft. Aufgrund der mangelnden Kooperations- und Koordinationsbereitschaft der israelischen Armee kommt der Rettungswagen nicht nur zu spät zur Unglücksstelle, sondern gerät auch selbst wiederum unter Beschuss.
Geschildert wird das Grauen nicht unmittelbar, sondern vermittelt über die aufgezeichneten Notrufe des kleinen Mädchens. Visuell hält der Film Distanz, doch die Kinderstimme stiftet eine unmittelbare emotionale Nähe. Wo das Gemälde auf Heroisierung und Beschönigung setzt, bietet der Film ein wirklichkeitsnahes Zeugnis von extremer Bedrängnis und Schuld – Szenen aus der Gegenwart der Eroberung von Gaza.
Szene aus dem Film "The Voice of Hind Rajab"