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Bogna Burska, Daniel Kotowski, Sie haben zunächst mit Walgeräuschen gearbeitet. Wale sind die Lieblingstiere vieler Kinder. Sie sind groß, mysteriös, wirken freundlich. Und oft blau. Welche Rolle spielen Wale in ihrer jeweiligen Kindheit?
Daniel Kotowski: Seit meiner Kindheit bin ich von der Biologie fasziniert, von Tieren, und als Kind speziell von Orcas. Das waren meine Lieblingstiere, und ich habe natürlich auch die Filme geguckt, nicht nur die Spielfilme, sondern auch viele Dokumentationen, allerdings gab es da im polnischen Fernsehen so gut wie nie Untertitel, als Gehörloser konnte ich wenig verstehen. Umso stärker war ich daran interessiert, wie Tiere, auch Wale miteinander kommunizieren. Heute finde ich es faszinierend, dass insbesondere Wale eine Sprache haben, die viel älter als unseren ist. Und dass sich auch einander unbekannte Tiere über sehr lange Distanzen verständigen können, das ist doch irre.
Bogna Burska: Kindheitsstorys habe ich keine, aber ich habe vor zwei Jahren den Dokumentarfilm "Fathom" von 2021 geschaut, da untersuchen zwei Forscherinnen den Gesang der Buckelwale, der sich über 40 Millionen Jahre entwickelt hat. Mit meiner Tochter habe ich diesen Dokumentarfilm noch einmal angeschaut und fing danach an zu lesen über das Thema. Die Wissenschaft ist sich nicht einig, ob sie das eine Sprache nennen soll. Obwohl es zur Zeit intensive Forschung gibt, alle paar Monate folgen neue Erkenntnisse. Es gibt keine gültige Definition, worum es sich bei den Walgesängen handelt, aber wir wissen, dass es eine extrem komplexe Form der Kommunikation ist. Es bleibt ein Rätsel. Davon hatte ich Daniel erzählt, als wir im vergangenen Jahr an einer Arbeit mit dem Chor aus Hörenden und Gehörlosen herumgedacht haben. Und dann haben wir uns für den polnischen Pavillon beworben und gewonnen!
Nun trifft in "Liquid Tongues" der Walgesang auf das Gehörlosenthema und die Gebärdensprache, zwei Sprachen, die Unterwasser Vorteile gegenüber Hörenden haben. Beschreibt das Wasser eine Art Utopie, wie der Weltraum, ein Ort für bislang Marginalisierte?
DK: Bislang hat Wasser in meiner Kunst keine Rolle gespielt, aber es ist richtig, dass Gehörlose unter Wasser besser kommunizieren können als Hörende. Wir sind da also wirklich freier, die Umstellung ist für uns nicht ganz so groß. Dieser Wechsel ins Wasser lehrt uns etwas über Grenzen und ihre Überwindung oder Verschiebung.
BB: Für mich ist Wasser tatsächlich eine alternative Welt, ein anderer Ort, über den man fantasieren kann. Man fühlt das ja auch, wenn man auf dem Meer ist. Ich bin eine Windsurferin und irgendwann wird man neugierig und will unter Wasser nachschauen. Und da ist mir nach vielen Gesprächen mit Daniel aufgefallen, dass sich die Verhältnisse zwischen Hörenden und Gehörlosen umdrehen.
Was das Wasser weiter auszeichnet: die andere Geschwindigkeit. In der Regel läuft alles langsamer ab, zumindest die Bewegungen von Menschen, ganz egal, ob hörend oder nicht. Spielt da auch eine moderne Sehnsucht mit, dem Speed der Oberwasserwelt zu entfliehen?
BB: Als wir beide, noch ohne den Chor, die ersten Experimente unter Wasser machten, gab es schon Unterschiede. Daniels Gebärdensprache war schnell, und ich versuchte unter Wasser zu singen, was ein enormer Kraftaufwand ist, der Widerstand ist enorm, die Geschwindigkeit nimmt ab, genau. Aber bei den Walen passiert etwas anderes: Ihre Töne finden Kanäle im Wasser, die den Klang reflektieren und durch Wasserschichten mit geringerer Dichte reisen, über Tausende von Kilometern. Ich habe Wissenschaftlerinnen getroffen, die genau dazu forschen, es ist unglaublich faszinierend. Das steht wiederum im Gegensatz zur Schwierigkeit von hörenden Menschen, unter Wasser zu reden. Wir haben das versucht, es ist fast unmöglich.
In der Videoarbeit sieht man einmal lange den Chor, wie er am Rande eines Beckens steht und eine Partitur, nun ja: singt, spricht, und dazu eine Art Choreografie vollführt. Sind das Walgesänge?
BB: Ja, von den Buckelwalen. Die sind, so weit die Wissenschaft weiß, in zwei Teile gruppiert: in die Gesänge und andere Formen der Kommunikation, die kürzere Abschnitte haben. Daniel hat daraus eine Gebärdensprache geschaffen, und die Komponistin Aleksandra Gryka versuchte eine Übersetzung in die Stimme.
Wie muss man sich die Dreharbeiten unter Wasser vorstellen mit dem gemischten Chor?
DK: Für manche Szenen war ich unter Wasser und habe in Gebärdensprache praktisch dirigiert. Dafür habe ich die Hörenden trainiert, wir brauchten etwas zwölf Lektionen und einen Monat, um ihnen die Grundzüge der Gebärdensprache beizubringen. Zu Hause konnten sie üben, und manchmal unterrichtete ich sie einzeln. Sie können die Gebärdensprache trotz des Aufwandes nicht aktiv benutzen, aber sie ein bisschen verstehen. Und ein paar Gesichtsausdrücke und Handbewegungen haben sie schon drauf gehabt am Ende. Wir haben zunächst also getrennt trainiert, und erst am Schluss alle gemeinsam unter Wasser.
BB: Es war eine sehr intensive Probezeit für den Chor: Gebärdensprache, Partitur, Choreografie, und Teile davon auch noch unter Wasser. Unglaublich.
Die nationalistische Vorgängerregierung der aktuellen hat in der Kultur viele Leitungsposten mit regierungstreuen Personen ersetzt, und vieles davon hat die Regierung unter Donald Tusk wieder rückgängig gemacht. In "Liquid Tongues" geht es um ja auch um Marginalisierung und umgedrehte Perspektiven, das sind mögliche Triggerpunkte im Kulturkampf. Wäre Ihr Projekt vor zwei Jahren möglich gewesen?
BB: Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube, dass diese Arbeit zu wenig Triggerpunkte geliefert hätte. Aber bei den Arbeiten, wie Daniel und ich davor gemacht haben, sieht das etwas anders aus, denken Sie an die Thematisierung von Queerness bei Daniel. Vielleicht so: Wir wären nie und nimmer ausgewählt worden, um Polen in Venedig zu repräsentieren, das ist klar. Und wir hätten "Liquid Tongues" wohl mit privaten Geldgebern finanziert bekommen. Ausschlaggebend dafür wäre einfach unser Ruf gewesen, weniger die konkrete Arbeit.
DK: Klar, ich wäre nicht geeignet in den Augen der vorhergehenden Regierung.
BB: Man könnte nun denken: "Liquid Tongues" ist ja gar nicht politisch. Aber in einem Klima, in dem die Staatsmacht ihre Themen in der Kunst repräsentiert sehen will wie die PiS-Regierung, wird eben alles politisch.