Wiedereröffnung der Beiruter Galerie Sfeir-Semler

"Die Künstler haben sehr gelitten"

Die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut verwüstete auch die Ausstellungsräume von Andrée Sfeir-Semler. Über acht Monate später kann die Galeristin jetzt wiedereröffnen. Ein Gespräch über einen schwierigen Neuanfang

Andrée Sfeir Semmler, nach gut acht Monaten können Sie Ihre Galerie in Beirut jetzt wiedereröffnen. Was werden Sie zeigen?

Am 15. April eröffnen wir mit einer Ausstellung von Marwan Rechmaoui. Er hat neue Werke aus Bauschutt komponiert, den er nach der Explosion eingesammelt hat. Aber erwarten Sie keine Trümmerhaufen. Die Skulpturen sehen unglaublich schön aus!

Am 4. August 2020 zerstörte eine Explosion in Beirut weite Teile des Hafens und angrenzender Stadtteile, mindestens 190 Menschen wurden getötet. Waren Sie an jenem Tag in der Stadt?

Ich war in Hamburg. Unser Team vor Ort ist glücklicherweise mit einem blauen Auge davongekommen. Eine Mitarbeiterin war im Urlaub, eine andere arbeitet immer nur bis 16 Uhr, eine dritte war auf der Toilette und unsere Galerieleiterin war gerade aus der Tür und unter einer massiven Brücke, die sie schützte. Die Galerie selbst war komplett demoliert, aber wir haben keine Menschenverluste zu bedauern. Auch Kunstwerke wurden nicht zerstört, da die aktuelle Ausstellung bereits abgebaut war und die neue noch nicht eröffnet hatte.

Wer kommt für die Schäden auf – der Staat?

Wir haben ja keinen Staat! Die haben einen Sachverständigen geschickt, der hat den Schaden aufgenommen aber Gott weiß, ob da eines Tages etwas zurückkommt. Vermutlich verschwindet alles in den Archiven. Dann kam der Sachverständige unserer Versicherung, der uns mitteile, dass wir den Schaden erstattet bekämen, wenn es sich um einen Unfall handelt und keinen Kriegsschaden. Aber wer wird das je herausfinden? Die Versicherung hat uns also auch vertröstet.

Wie geht es der übrigen Kunstszene der Stadt, den Museen und Institutionen?

Das Museum Sursock wurde schwer verwüstet und hat einen Spendenaufruf für den Wiederaufbau gestartet. Die Künstler haben sehr gelitten, denn die meisten Ateliers befinden sich in Gemmayzeh und Mar Mikhael, also genau den Vierteln, die weggepustet wurden. Aber den vielleicht größten Verlust bedeutet der durch die Explosion ausgelöste Exodus: Die Ärzte, die Anwälte, die Wissenschaftler, die Kreativen, die Intellektuellen – jeder, der es sich leisten kann, verlässt das Land. Und das ist das Dramatischte. Häuser, Bilder, das alles kann man ersetzen. Aber die Menschen sind weg ins Ausland …um diese Verluste zu ersetzen braucht es zwei Generationen.  

Wie hat sich das Leben in Beirut seit der Explosion verändert?

Es gab schon vor der Explosion eine ganze Reihe von Problemen. Erst hat uns die anhaltende Finanzkrise in Schach gehalten, dann kam Corona und nach Corona kam die Explosion. Das ist mehr, als ein Volk bewältigen kann. Durch die Explosion wurden 300.000 Häuser zerstört oder beschädigt. Durch die Finanzkrise kommen die Menschen nicht an ihr Geld ran. Die Inflation ist Wahnsinn. Und wegen Corona befindet sich das Land im Lockdown. Es ist wirklich furchtbar. Aber die Menschen dort haben schon so vieles erlebt, dass es eine große menschliche Nähe gibt, die scheinbar sehr tröstlich ist.

Wird momentan denn Kunst gekauft in Beirut?

Wir haben noch nie wirklich Kunst verkauft in Beirut. Wir sind eine kommerzielle Galerie, machen aber vor Ort die Arbeit einer Kunsthalle. Wir verkaufen international, auf Messen, an Institutionen und an wirklich seriöse Sammler, die auch entsprechende Räume haben. Denn die meisten unserer Künstler sind nicht für den Hausgebrauch geeignet, die stellen große Installationen her oder umfangreiche Fotoserien oder Videofilme. Nach der Explosion kamen unsere Sammler und Freunde aus aller Welt auf uns zu und fragten, an wen sie spenden sollen, damit die Mittel bei den Menschen ankommen. Wir haben appelliert, das Geld an den Arab Fund for Arts and Culture zu spenden.