Museen sind öffentliche Einrichtungen. Das gilt auch, wenn sie privat finanziert werden, was in den USA die Regel ist, in der übrigen Welt jedoch eher die Ausnahme. Denn Museen wollen besucht werden, das ist, nach der Bewahrung ihrer Schätze ihr zweiter Daseinszweck. Über Rankings nach Maßgabe der schieren Besucherzahlen mokieren sich Museumsleute, allerdings vorwiegend dann, wenn ihr jeweiliges Haus nicht oben mitspielt. Ansonsten sind Besucherzahlen das Maß aller Dinge, für die Institutionen selbst, vor allem aber gegenüber Öffentlichkeit und Politik. Von dort kommen schließlich Wohlwollen und finanzielle Unterstützung, dort wird letztlich über ihre Daseinsberechtigung entschieden.
An der Daseinsberechtigung der großen Häuser zweifelt niemand. Deren Probleme sind anderer Art: nicht, ob sie öffentliche Gelder erhalten und wie viel, sondern wie sie gemanagt werden und ob sie mit ihrer schieren Größe zurechtkommen. Das ist bekanntlich das derzeitige Problem des weltweit besucherstärksten Museums, des Pariser Louvre. Er verzeichnet für 2025 knapp über neun Millionen Besucher, das ist hart an der Marge von 30.000 Besuchern pro Öffnungstag, den die inzwischen gegangene Direktorin Laurence des Cars als Obergrenze hatte festlegen wollen. Dabei hat der Louvre sein Vor-Corona-Niveau noch nicht ganz wieder erreicht, die Statistik weist ein Minus von sechs Prozent gegenüber dem letzten Normaljahr 2019 auf.
So steht's jedenfalls in den neuesten Zahlen, die die Londoner "Art Newspaper" soeben für das abgelaufene Kalenderjahr gesammelt hat. Sie publiziert dann jedes Mal eine Hitliste der erfolgreichsten Museen, dazu einige Erläuterungen, die das Auf und Ab besser verständlich machen sollen.
Überraschende Zahlen aus Russland
Ziemlich unverändert sieht es auch bei den Vatikanischen Museen aus, mit knapp sieben Millionen Besuchern, die sich durch den bahnhofshallengroßen Eingangsbereich zwängen. Hingegen hat sich der neue Dritte der Liste, das Nationalmuseum im koranischen Seoul, mit der Verdoppelung auf 6,5 Millionen Besuchen geradezu dorthin katapultiert. Dann erst folgt eines der erfolgsgewohnten Londoner Häuser: das British Museum mit 6,4 Millionen Eintritten, Tendenz immerhin stabil.
Anders als Tate Modern mit 4,5 Millionen und National Gallery mit 4,1 Millionen Interessierten: Beide weisen gegenüber 2019 noch einen Rückstand von um die 30 Prozent auf. Nicht so das New Yorker "Met", das Metropolitan Museum mit knapp sechs Millionen Besuchern und, man staune, das Staatliche Russische Museum im russischen St. Petersburg, das mit fünf Millionen Schaulustigen allein gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent zulegte, gegenüber 2019 gar um 112 Prozent. Verwirrend, dass die in der gleichen Stadt beheimatete und an Beständen so ungleich reichere Eremitage mit 3,8 Millionen Besuchern immer noch um 22 Prozent gegenüber 2019 zurückbleibt.
Immerhin liegt der von Putin-Freund Michail Piotrowski dauergeleitete Eremitage-Palast weiterhin vor dem Pariser Musée d'Orsay mit knapp unter 3,8 Millionen und dem deutlich verbesserten Prado mit 3,5 Millionen Besuchern. In Madrid zahlt sich augenscheinlich die kontinuierliche Modernisierung des Gebäudes aus, alles wird besucherfreundlicher, zeitgemäßer, zugänglicher, dazu kommen hochkarätige Sonderausstellungen.
Auch Ausstellungshäuser ohne Sammlung im Ranking
Unter den Moderne-Museen bildet das New Yorker Museum of Modern Art seit jeher die Spitze, mit 2,7 Millionen Besuchern liegt es um glatte 39 Prozent über der Vor-Corona-Zeit. Und knapp vor dem Centre Pompidou, das aber bereits ab Ende September schrittweise dicht machte und die kommenden Jahre wegen Generalsanierung geschlossen bleibt. Mit weitem Abstand folgt in diesem Segment das Reina Sofia in Madrid mit 1,6 Millionen Eintritten, dann die Fondation Louis Vuitton in Paris etwas darunter – mit der Frage, ob reine Ausstellungshäuser ohne eigene Sammlung in gleicher Weise mitgezählt werden sollten.
Das Guggenheim Bilbao hat sich bei 1,3 Millionen Besuchen eingependelt, vor dem frisch erweiterten MASP im brasilianischen Sao Paulo, das mit 1,2 Millionen Eintritten seine Vorjahreszahl glatt verdoppeln konnte. Wir erinnern uns: Das ist das Haus, das Lino Bo Bardi entworfen hat und die berühmten gläsernen Bilderständer gleich mit. Ganz erstaunlich ist die Zahl aus dem zeitgenössischen Museu de Serralves in Porto: 900.000. Das ist sogar mehr als beim Center for Contemporary Art im vielfach größeren Peking.
Andere Häuser aus dem Reich der Mitte liegen teils viel weiter oben im Ranking. Es sind in der Regel kulturhistorische Museen, wie das Shanghai Museum, das mit seinen beiden Standorten auf über sieben Millionen Besucher kommt. Manche Häuser sind ihre Zahlen für 2025 schuldig geblieben, obwohl man davon ausgehen darf, dass es sich auch in vermeintlichen Provinzstädten um Millionengrößen handelt.
Wie sind deutsche Museen aufgestellt?
Bleibt die Frage, wo denn die deutschen Museen stehen. Kurze Antwort: jedenfalls nicht auf der Top-100-Liste der "Art Newspaper". So melden die Staatlichen Museen (für 2024) insgesamt 3,7 Millionen Besuche, aber die verteilen sich auf über ein Dutzend Einzelmuseen. Die Neue Nationalgalerie wartet inzwischen mit 600.000 Eintritten auf, Glückwunsch, aber dass die Gemäldegalerie mit den Alten Meistern bei einer Viertelmillion verharrt, ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Einen erheblichen Rückgang hatte das Humboldt Forum nach der Einführung von (moderaten) Eintrittspreisen zu verzeichnen, dessen Sammlungen vorwiegend von den Staatlichen Museen bereitgestellt werden, mit nur noch 634.000 gemeldeten Besuchen.
Andere deutsche Museen folgen mit weitem Abstand. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden meldeten 1,8 Millionen Besucher für alle ihre Häuser, 20 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München kommen auf knapp eine Million, davon 300.000 in der Pinakothek der Moderne und 500.000 in der Alten Pinakothek bei Dürer und Rubens.
Dabei ist ja die Gesamtbilanz der deutschen Museen seit vielen Jahren gleichbleibend gut, sie hat nach Corona wieder auf den Wachstumspfad zurückgefunden, mit 106 Millionen Museumsgängern im Jahr 2024 (neuere Zahlen stehen aus). Aber de verteilen sich auf die rund 4.000 Institutionen, die die Fragen des Deutschen Museumsbundes beantworten; tausende weitere, kleine Häuser – vor allem Heimatmuseen – bleiben diesbezüglich stumm.
Eintrittsgelder verzerren das Ergebnis
Generell stellt sich also die Frage nach der Validität der erhobenen Zahlen. Sie ist nicht leicht zu beantworten, schon gar nicht im weltweiten Vergleich. Man muss glauben, was die Institutionen von sich aus erheben und mitteilen, und darauf vertrauen, dass sich falsche Angaben im Einzelfall, aber gewiss nicht über längere Zeiträume hinweg aufrecht erhalten lassen.
Bleibt das Problem der Eintrittsgelder: Denn die, ob erhoben oder nicht, verzerren das Ergebnis ganz gewaltig. Es macht einen Unterschied, ob man in New York um die 30 Dollar für einen Museumsbesuch hinblättern muss und in London nichts – vorausgesetzt, man gibt sich mit der Sammlungspräsentation zufrieden und will nicht die in der Regel hochpreisigen Sonderausstellungen besichtigen. Das ist dann ein weiteres "Aber", das an die Zahlen zu richten ist: Bilden sie den temporären Ansturm auf einen Blockbuster ab, oder profitieren sie umgekehrt vom steten Zustrom ihres Stammpublikums?
Da dürfte zumindest ein Problem der deutschen Museen zu suchen sein: Sie haben ein treues Stammpublikum, aber bei weitem nicht den touristischen Zustrom von Paris, London oder New York. Berlin vielleicht ausgenommen, auch wenn dort die Zahlen zumal jüngerer Touristen rückläufig sind.
Deutschlands Stärke ist zugleich seine Schwäche
Für Deutschland gilt, dass seine Stärke im Kulturbereich zugleich seine Schwäche in der Besucherstatistik ist: die starke Zersplitterung auf alle Regionen und Städte. Frankreich ist Paris und England ist London, jedenfalls in Touristensicht, aber Deutschland hat viele Regionen und entsprechend qualitätvolle Museen; legendär der Konkurrenzkampf, der viele Jahre lang im Rheinland zwischen Köln und Düsseldorf ausgetragen wurde.
Nur eines kann man mit Sicherheit sagen: Auf die Top-100-Liste der weltweit attraktivsten Museen kommen die deutschen Häuser nicht, heute nicht und in ein paar Jahren ebenso wenig. Aber wenn man sich die Zustände etwa im Louvre ansieht, kann man darüber nur froh sein.