Kino-Sensation "Parasite"

Die Rache der Proleten

Mit seinem gesellschaftskritischen Thriller "Parasite" gewann der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho in Cannes die Goldene Palme. Der Film dreht sich um die Begegnung zweier Familien - und den brutalen Kampf zwischen Arm und Reich

Der kleine Da-song hat ein Bild gemalt. Doch damit stimmt etwas nicht – beziehungsweise mit dem Jungen, erklärt die vermeintliche Kunststudentin der wohlhabenden Mutter. Das erkenne man rechts unten in der Buntstiftzeichnung, der sogenannten "schizophrenen Zone". "In der rechten Bildecke zeigen sich oft pathologische Probleme", weiß Ki-jung, die sich angeblich mit Kunsttherapie auskennt, und zieht ein wissend-betroffenes Gesicht.

Yeon-kyo, die junge Mutter, schlägt vor Schreck die Hände vors Gesicht. Sie ist bereits Ki-jungs Bruder auf den Leim gegangen: Ki-woo, der seine Familie aus der Armut reißen will, hat sich bei den schwerreichen Parks schon als Privatlehrer der Tochter einschmuggeln können. Den Rest der Sippe bringt das bauernschlaue Geschwisterpaar auch noch in der Unternehmerfamilie unter. Die Parks ahnen ja nicht, dass eine Familienbande den Bungalow mitsamt Fuhrpark zu kontrollieren trachtet. Ki-taek, das Oberhaupt der Familie Kim, übernimmt den Chauffeursposten. Und die langjährige Haushälterin muss einem Komplott zum Opfer fallen, damit Mutter Chung-sook den Haushalt an sich reißen kann.

Vier Kims gegen vier Parks. Ein groteskes Familienduell wie der grandiose Horrorfilm "Wir" des US-Regisseurs Jordan Peele, der im Frühjahr in Deutschland anlief und hier merkwürdig resonanzlos blieb? Nun, mit der Formel "Vier gegen vier" wäre gerade mal die Grundsituation der bitterbösen Kinofarce "Parasite" umrissen, deren Titel durchaus in die Irre führt. Es stimmt, dass die Kims als Schmarotzer auf den Plan treten. Anfangs bekommen sie sogar eine Ladung Insektenvernichtungspulver in ihre Tiefparterrewohnung gesprüht, sodass die vier in der Giftwolke kurzzeitig verschwinden. Aber sobald der Zuschauer glaubt, er habe den Plot des Films durchschaut, und die Verschwörung der Kims sowieso, wird das Publikum mit einer unerwarteten Volte überrascht. Und das ist nur eine von vielen Haarnadelkurven der Handlung. "Parasite" wartet mit lauter doppelten Böden auf. Selbstredend haben auch die ach so arglosen Parks ihre "Leiche" im Keller, von der sie allerdings nichts wissen. Klingt jetzt etwas mysteriös, sorry. Der Kritiker schweigt, wenn er nicht spoilern will.

Bong Joon-ho, Ko-Autor und Regisseur des Films, hat sich die diesjährige Goldene Palme von Cannes redlich verdient. "Parasite", in seiner satirisch gefärbten und sarkastisch verschleierten Sozialkritik an Bongs Erstling "Hunde, die bellen, beißen nicht" (2000) anknüpfend, birgt eigentlich viele Filme in einem: Komödie, Thriller, Gespenstergeschichte und sogar Katastrophenfilm. Im letzten Filmdrittel wird die Unterschichtfamilie von einem Unwetter aus dem Anwesen der Reichen getrieben, um festzustellen, dass ihr ärmliches Zuhause vom Sturzregen überflutet wurde.

Klassenkämpfe in Korea

Im Finale scheint trügerisch die Sonne. Die stinkreichen Parks haben immer noch nichts von der Verschwörung mitbekommen und lassen im feinen Garten eine Kindergeburtstagsparty für Da-song vorbereiten. Mama Yeon-kyo Park möchte, dass die Tische so gestellt werden, dass sie der Formation einer historischen Seeschlacht entsprechen, bei der sich Korea Ende des 16. Jahrhunderts gegen die japanischen Invasoren verteidigte. Stell’ dir vor, man spricht vom Krieg und er bricht wirklich aus: Ein Amokläufer (der wohlgemerkt nicht der Familie Kim angehört) entfesselt einen blutigen Showdown. Die Spaltung Koreas in einen diktatorisch beherrschten Norden und einen demokratischen Südteil hat sich ebenso in den Subtext des Dramas eingeschrieben wie die Schere zwischen Arm und Reich.

Am Ende träumen die armen Kims immer noch vom Aufstieg. Der Plan ist schiefgegangen. Hatte Kim Ki-taek, der lethargische Unterschicht-Vater, recht? "Pläne funktionieren nicht", erklärt Ki-taek einmal seinem fruchtlos ehrgeizigen Sohn Ki-woo, denn: "So funktioniert das Leben nicht. Ohne Plan kann dagegen nichts schiefgehen. Gerät dann etwas außer Kontrolle, ist das egal. Ob du zum Mörder wirst oder dein Land verrätst, das spielt verdammt noch mal keine Rolle." Ki-taek, der Schicksalsergebene, wuchs während der manchmal so genannten "Entwicklungsdiktatur" heran – einer Zeit rigider Modernisierung und Industrialisierung, die letzlich erfolgreich war. Der bis zu seiner Ermordung 1979 regierende südkoreanische Präsident hieß übrigens Park: Park Chung-hee regierte sein Land mit diktatorischer Härte und wurde von seinem Geheimdienstchef Kim Jae-gyu getötet. Park lautet der Familienname des reichen Vaters, der arme heißt Kim. "Parasite" ist wirklich ein doppelbödiger Film.