Die Reihe 80*81 verfolgt eine eigenwillige These: Vor genau 30 Jahren entstanden die Krisen von heute

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Wie konnte das passieren? Diese Frage haben sich in den vergangenen zwei Jahren angesichts der Weltlage nicht nur der Autor und Journalist Georg Diez und der Künstler und Filmemacher Christopher Roth gestellt. Aber sie haben mit ihrer Reihe „80*81“ eine schlüssige und attraktive Antwort gefunden

Ihre insgesamt elf – monatlich erscheinenden – Publikationen, die sich ausschließlich mit 1980 und 1981 beschäftigen, sind der Versuch, den Phänomenen der Gegenwart zu ihren Wurzeln zu folgen. Und die liegen, so Diez’ und Roths These, genau jene 30 Jahre zurück.

Dabei ist die Serie kein Nostalgieprojekt über Frisuren, Musik oder Zeitgeistprodukte, auch wenn die spezielle Ästhetik dieser Ära am Rande immer eine Rolle spielt. Hier werden die Inhalte nicht anhand von Stilfragen und Popkultur geklärt, sondern in einer freien Magazinform mit Interviews, Dokumenten und einer eigenen, subjektiven Analysetechnik werden Zusammenhänge gezeigt – zwischen den Ereignissen untereinander, doch vor allem zwischen damals und heute, zwischen damals und uns.

Die Finanzkrise? Schauen wir uns den Machtwechsel von Jimmy Carter zu Ronald Reagan nur mal genauer an. Und wenn jemand „Islamdebatte“ sagt, kann man genauso gut über die Vorfälle in der US-Botschaft im Iran sprechen, die Geiselhaft von 52 Amerikanern und ihre politischen Konsequenzen als Angelpunkt der Radikalisierung. Dass die Freilassung nach 444 Tagen, am 20. Januar 1981, ausgerechnet wenige Minuten nach Reagans Vereidigung stattfand, lässt den Schluss zu, er wollte die Aktion gleich als eigenen politischen Verdienst verbuchen. Das findet zumindest der seinerzeit amtierende Präsident Abolhassan Banisadr, den Diez und Roth in Teheran besuchten.

In der ersten Ausgabe, „What happened?“, geht es um die Parteigründung der Grünen, es gibt ein unterhaltsames Interview mit Slavoj Žižek zu den Vorzügen des Rassismus und einen spannenden Rückblick auf die Kunstszene, deren Mittelpunkt Metro Pictures in New York bildete. Das Gespräch mit Robert Longo über die frühen 80er-Jahre, als Andy Warhol nicht mehr auf der Gästeliste der Galerie stand, zählt zu den Highlights von Edition eins. Für die zweite, „California über alles“, trafen Diez und Roth den Regisseur des ersten metrosexuellen Films „Ein Mann für gewisse Stunden“, Paul Schrader, und den Discoproduzenten Giorgio Moroder. Es folgen unter anderem ein Interview mit Don DeLillo zu seinem Roman „Mao II“ und mit dem Entdecker von Aids.

So spinnt sich von Seite zu Seite und von Band zu Band ein Gewebe, das sich weniger zu einem „So war es!“ der Historiker verfestigen soll, sondern elastisch und beweglich bleibt und in dem am Ende alles seinen logischen Platz hat. Wenn die Postmoderne die Welt fragmentierte, so verbinden Diez und Roth ihre Teile wieder. „80*81“ ist ein Plädoyer für die geheimnisvolle Schönheit des geschichtlichen Zufalls und das erzählende Erinnern als zulässige Wissenschaft.

Georg Diez und Christopher Roth (Hrsg.): „80*81“, bisher erhältlich: „What happened?“, „California über alles“ und ab 31. März Band drei. Texte auf Englisch, Edition Patrick Frey, je 128 Seiten, je 18 Euro

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