Künstlerin Jeewi Lee

Die Spur der Zeit

Jedes Korn ein Monument: In ihrer Ausstellung zum Gasag-Kunstpreis in der Berlinischen Galerie erforscht die Künstlerin Jeewi Lee die Philosophie des Sandes

 

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Sand ist ein komisches Zeug. Im Alltag hat er keinen Wert. Im Schuh nervt er. Kinder haben ihn ständig irgendwo – in der Hose oder im Mund. Und wenn er auf der frisch mit Sonnencreme bedeckten Haut kleben bleibt, bekommen nicht wenige Menschen Beklemmungen. Dabei sichert Sand doch unser Überleben.

Sand sei nach Wasser die meistgenutzte Ressource des Menschen, sagt die Künstlerin Jeewi Lee. "Der tägliche Sandverbrauch auf die Weltbevölkerung umgerechnet liegt bei circa 18 Kilogramm pro Kopf. Ein unglaublicher Konsum, den wir gar nicht bemerken." Lee, 39 Jahre alt und in Berlin lebend, ist während einer Künstlerresidenz in Portugal auf Sand aufmerksam geworden – einen der wichtigsten Rohstoffe für die Bauindustrie oder für die Herstellung von Glas oder Mikrochips. Bei Lees Einzelausstellung zum Gasag-Kunstpreis in der Berlinischen Galerie, die zur Berlin Art Week eröffnet, ist Sand nun das zentrale Medium.

Da sehen wir eine ganze Reihe von Sandbildern, eine Serie, mit der sie 2022 begonnen hat. Es sind monochrome Bilder in der Tradition der Dansaekhwa, einer südkoreanischen Kunstbewegung, die Mitte der 1970er Jahre entstand, vergleichbar mit der Arte Povera. Lee malt mit Sand, der jeweils an einem Strand oder Küstenort gesammelt wurde. Die Farbverläufe der Bilder entstehen, weil Sand auch an einem Ort verschiedene Farben haben kann. So wie der Sand an den verschiedenen Orten: An der koreanischen Westküste sei er etwas grünlicher, sagt Jeewi Lee, fast knallorange in Alentejo, Portugal. Und auf Mallorca ist er eher weiß.

Aufgeladen

Im Sand sind viele Spuren zu entdecken, und darum geht es in Lees Kunst. Eine Spur ist der Moment, in dem sich Anwesenheit und Abwesenheit überschneiden, erklärt sie. Wie Yin und Yang koexistieren. Am Strand von Alentejo sah sie einen Sand, der überraschend gelblich war. Sie ging spazieren und fing an, über das nachzudenken, was unter ihren Füßen war. Nomadisch sei der Sand, wie flüssige Erde, die die ganze Zeit in Bewegung sei. Entstanden aus etwas Großem, das über Millionen Jahre immer kleiner geworden ist. "Wie viel Erinnerung, Zeit und Strecke da drinsteckt!"

Und dann kommt ja auch noch der politische Aspekt des Sandes dazu. Die Fragen nach Territorium, Ländergrenzen und Besitz. "Man darf ja keinen Sand aus dem Urlaub mitnehmen." Sie entdeckte im Sand aber auch etwas Autobiografisches. Als gebürtige Koreanerin und Tochter eines Künstlerpaares ist sie zwischen Deutschland und Korea groß geworden. Wenn sie sich gerade gefunden hatte, seien ihre Eltern wieder umgezogen. "Ich habe mich gefühlt wie so ein Sandkorn, das immer wieder an einen Strand gespült wird", sagt sie.

Für ihre neue Ausstellung malt Lee nicht nur mit Sand, sie nimmt sich auch erstmals das einzelne Sandkorn vor. Was passiert darin? Was erzählt es für Geschichten? Dafür hat sie Sand aus Ghana, Stromboli, New York oder Mallorca gesammelt und ihn scannen lassen. Eine Computertomografie eines Sandkorns dauert viele Stunden. Zusammen mit Phillip C. Reiner, einem Geometrie-Forscher, hat sie aus den Aufnahmen Sandskulpturen entwickelt. Sieben große und sieben kleinere sind in der Ausstellung zu sehen. Man kann im Sand viel über Herkunft lesen. Finden sich darin Versteinerungen oder eher Mineralien oder vielleicht sogar Mikroplastik? Welche Erinnerung steckt in diesen Körpern?

Harte Grenzen

Die gesamte Ausstellung ist wie eine Landschaft aufgebaut, Lee nennt sie einen "dystopischen asiatischen Garten". An den Wänden die Malereien. Am Boden Sandinseln mit Scheiben, darauf die Skulpturen. Von oben Netze, darauf Projektionen der Scans. Warmes Licht am Anfang, und je weiter man in den Raum hineinläuft, desto tiefer orange färbt sich das Licht.

Diese Erfahrbarkeit, dieses Organische taucht in Jeewi Lees Kunst immer wieder auf. Die Materialien, die sie verwendet, sprechen von Verwurzelung, von Herkunft, von Veränderung. In früheren Arbeiten verwendete sie Bäume, auch der Ozean ist immer wieder Thema, eine der härtesten Grenzen, an der wir Menschen sterben lassen. Wasser und Sand sind stille Zeugen von Politik und Geschichte. Damit hat Lees Arbeit etwas Politisches. Und weil das so unplakativ ist, ist ihre Arbeit so wirksam.

Dieser Artikel erschien zuerst im Monopol-Sonderheft zur Berlin Art Week 2026.