Neues Video

Die Toten Hosen lassen Monobloc-Stühle sprechen

Foto: Umgestürzte weiße Plastikstühle verstreut in überwucherter Waldlichtung.

Screenshot aus dem Hosen-Video "Was ist mit uns los"

Was ist los mit Deutschland? Die Toten Hosen suchen in ihrem neuen Video nach Antworten. Der beliebte Plastikstuhl Monobloc wird darin plötzlich zum Symbol für die Lage der Nation

Was ist mit uns los? Diese Frage treibt viele nicht erst seit den Ergebnissen der Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern um. Die Toten Hosen haben ihr auf ihrem Ende Mai erschienenen letzten Studioalbum einen ganzen Song gewidmet. Als Mix aus Appell und Erzählung getextet von Sänger Campino gemeinsam mit dem Rapper Marten Laciny (bekannt als Marteria) gehe es bei "Was ist mit uns los" darum, sich aus der eigenen Blase herauswagen, miteinander im Gespräch bleiben, Konsens suchen – auch wenn es manchmal schwerfällt. Den Rattenfängern nicht auf den Leim gehen, die einfache Lösungen für die komplexen Herausforderungen unserer Zeit versprechen, so Die Toten Hosen. "Das Lied liegt uns in diesen Zeiten ganz besonders am Herzen. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit Regisseur Chehad Abdallah bemüht, ein ganz besonderes Video dazu zu drehen." 

Sie haben sich mehr als bemüht. Das Video steht aktuell auf Platz 2 der YouTube-Musikvideocharts. 

Zu Beginn sitzen alle fünf Bandmitglieder im Stuhlkreis. Ihre Anzüge stehen im Kontrast zu den weißen Plastemöbeln. Die Runde erinnert an die Selbsthilfegruppe des Videos zu "Scheiss Wessis" der Hosen von 2022. War die deutsch-deutsche Nervenklinik noch von viel Humor geprägt, bleibt der Ton hier durchgängig ernst: "Du sagst, du willst dein Land zurück / Hast du vergessen, wie es war?", fragt Frontmann Campino mit Nachdruck. Militärkonvois auf jeder Autobahn? Das Dritte Reich? Oder Deutschland in zwei Teilen?

Mit jeder genannten Option verlässt ein Bandmitglied den Kreis. Dieses Deutschland wünschen sich also zumindest die Alt-Punker nicht zurück. Soweit, so eindeutig. Zurück bleibt Sänger Campino mit einem schwarzen Kastenkoffer. 

Die weißen Plastikstühle tragen das gesamte Video von Regisseur Chehad Abdallah. Während sie den Text zunächst noch illustrieren, entwickeln sie über die Dauer von knapp vier Minuten ein Eigenleben: Sie stehen einzeln in verschiedene Richtungen weisend, begrenzt von gestreiftem Klebeband. Einander zugewandt als Quartett. Abgewandt als Reihe. Liegen am Boden. Zerstört. Aufeinandergestapelt. Symmetrisch die ganze Halle ausfüllend – erniedrigt von einer kaum sichtbaren Macht.
 

 

Die Kunst kennt den leeren Stuhl als Zeichen der Abwesenden seit langem. Doris Salcedo presste 2003 in Istanbul rund 1.550 Holzstühle in eine Baulücke, Ai Weiwei brachte 2007 zur Documenta 12 tausendundeinen Stuhl aus der Qing-Dynastie nach Kassel.

In Abdallahs Video enthüllt Campino einen übermenschlich hohen Stapel aus Stühlen in Schwarz, Weiß, Rot – den Farben der Flagge des Deutschen Kaiserreichs, die auch die Nationalsozialisten bis 1935 verwendeten. Heute wird die Kombination von Rechtsextremen und der Reichsbürgern genutzt. Und wenn Campino aus voller Seele fordert: "Stoppt den Krieg gegen die Wahrheit" sitzt er auf einem verhältnismäßig kleinen Stapel aus fünf Stühlen – ein Wunsch der Minderheit? Oder ein Hinweis auf die Fünfprozenthürde, die nach den letzten Wahlen so entscheidend scheint wie nie? Eindeutig ist hier nichts. 

Hauptdarsteller: Monobloc

Im Fanforum ist seit Erscheinen des Videos entsprechend eine ernsthafte Diskussion über dessen Interpretation im Gange, die jeden Kunst-LK in den Schatten stellt: Der Drehort, eine KI-generiert wirkende Turnhalle mit Tribünen, würde an den Deutschen Bundestag erinnern. Der Boden blau, die Stühle weiß – diese Farbkombi scheint die Farben der AfD zu zitieren. Die einen interpretieren die leeren Sitzmöbel stellvertretend für fehlende Gemeinschaft, Vereinzelung, nicht stattfindende Dialoge. Andere erinnern ihre Positionsänderungen wiederum an Diskussionen, verlorene Auseinandersetzungen, Neuformierung, Neuorientierung, Scheitern, Aufstehen, Perspektivwechsel. Die Kunst mit den "billigen Stapelsesseln" würde dabei "sehr cool aussehen". 

Kein Wunder: Der Plastikstuhl ist das meistverkaufte Möbelstück aller Zeiten. Rund eine Milliarde sogenannter Monoblocs soll es weltweit geben, gegossen aus einem einzigen Stück Kunststoff und in weniger als zwei Minuten gefertigt. Als Urtyp gilt der "Fauteuil 300", den der französische Ingenieur Henry Massonnet 1972 entwarf. Das Vitra Design Museum widmete dem Stuhl 2017 sogar eine eigene Ausstellung. Der Monobloc steht heute in deutschen Schrebergärten, in den Slums Brasiliens oder der Savanne Ugandas. Dorthin folgte ihm Grimme-Preisträger Hauke Wendler für einen Dokumentarfilm. Ein Möbelstück, auf dem die ganze Welt sitzt und über das sie sich trotzdem nicht einig wird: Für die einen bedroht es den guten Geschmack und ist eine Gefahr für die Umwelt, für die anderen bedeutet er, zum Rollstuhl umfunktioniert, Lebensqualität.

Für Kunstkritikerin und Historikerin Seema Rao ist der Stuhl "ein ergreifendes visuelles Symbol für gute Zeiten, ganz gleich, um welche Sprache, welches Essen oder welche Gemeinschaft es sich handelt." Auch das Cover vom letzten Album von Bad Bunny aus 2025 zierten zwei solche Plastikstühle in einem Garten voller leuchtend grüner Pflanzen, fotografiert vom puerto-ricanischen Fotografen Eric Rojas. 

Ex-Zivildienstleistende mit Gewehr

Dass nun auch Die Toten Hosen diesen Monobloc zum Protagonisten ihrer Bestandsaufnahme erklären, passt. Denn die Frage "Was ist mit uns los?" richtet sich längst an alle Menschen, gleich welcher Herkunft, gleich welchem sozialen Status. Und sie impliziert eben auch die großen Themen Globalisierung, Konsum und die Zukunft des Planeten. In ihrem Newsletter hieß es am Donnerstag: Bis sich die Demokratie in Deutschland nach 1945 im Westen – historisch genauer: mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 – und 1989 auch im Osten als Regierungsform durchsetzte, habe es viel Leid und Blut gekostet: "Wollen wir Menschen in diesem Land diese Errungenschaft wirklich so fahrlässig über Bord werfen? Es ist an der Zeit, um sie zu kämpfen." An der Zeit zu kämpfen ist es in der letzten Minute des Videos: Beim Zitat des Grundgesetzes "Unsere Würde, unantastbar / Ist das für uns nur noch ein Witz?" öffnet Campino den schwarzen Koffer. Darin: Ein Gewehr. 

Und Die Toten Hosen schießen. Alle fünf. Zielen auf Stühle, die augenblicklich kaputtgehen. Währenddessen verspricht Campino den Müden und Schwachen, den Außenseitern und den Freaks: "Ihr seid nicht alleine / In diesem Hass, der euch umgibt". Das erinnert an Emma Lazarus' Gedicht im Sockel der Freiheitsstatue, das die Müden und Armen willkommen heißt: "Give me your tired, your poor …" Umso mehr irritiert das Schießen. Kämpfen die Punks hier für Grundgesetz und Demokratie? Ist es eine plakative Anspielung auf die Diskussionen um die Wehrpflicht? 

Campino war ab Oktober 1983 acht Monate bei der Bundeswehr, bis er als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde. Danach leistete er zusammen mit Bandkollege Breiti Zivildienst in der Landespsychiatrie Düsseldorf-Ludenberg. Kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs sagte der Sänger 2022 öffentlich, dass er den Kriegsdienst heute wahrscheinlich nicht mehr verweigern würde: "Gerade lernen wir doch eindrücklich, warum eine Identität als Europäer so wichtig ist und warum wir eine Wertegemeinschaft sein müssen", so Campino. "Das hat dann leider auch etwas mit Aufrüstung zu tun. Wir können es uns nicht leisten, völlig wehrlos gegenüber Despoten zu sein, wie Putin einer ist, der alte Machtfantasien auslebt. So einen Mann kann man nur stoppen, wenn er auch Respekt vor der Gegenseite hat."

Umgekippte Stühle überall

Das Video zu "Was ist mit uns los?" endet mit umgekippten Stühlen im Wald. In einer U-Bahn-Station. Auf der Straße. Im Supermarkt. Auf dem Spielplatz. In der Wohnung. Auf der Dachterrasse. In der Tiefgarage. Menschenleere Orte. 

Auf ihrer Abschiedstour haben Die Toten Hosen in diesem Sommer mit den Mitgliedern der Band Die Ärzte in Hamburg, Berlin und Dresden deren Song "Schrei nach Liebe" performt, der 1993 erschien. Es bleibt die Hoffnung, dass "Was ist mit uns los?" nicht eine vergleichbare Daueraktualität erreicht. "Sind zusammen auf derselben Reise / Die so schmerzhaft ist und schön / So grausam und so liebevoll / Und die wir alle Leben nennen / Was ist los?/ Was ist mit uns los?"