Marina Abramovic auf der Berlinale

Die Tränen der anderen

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„Künstlerfilme“, schreibt Fritz Göttler in der Februar-Ausgabe von Monopol, „sie gehen weit über Atelier-Voyeurismus hinaus, und sie sind auch nicht daran interessiert, die Egozentrik, die Eitelkeit der Protagonisten zu bedienen.“ Auf der 62. Berlinale, in der Sparte Panorama, wird das Filmporträt „Marina Abramović. The Artist is Present“ als europäische Erstaufführung gezeigt. Legt die berühmteste Performancekünstlerin der Welt darin eine nennenswerte Eitelkeit an den Tag? Nein, aber tausend andere Leute – darunter auch Künstler – drängeln sich in den Vordergrund. Schwer zu sagen, ob Matthew Akers' Dokumentation überhaupt in die Kategorie Künstlerfilm passt. Abramović steht, nein: sitzt im Zentrum. Doch die Kamera fängt den ganzen Zirkus um die Künstlerin herum ebenfalls ein.

Hauptattraktion der Ausstellung wie des Films ist die Dauerperformance der Künstlerin. Von Mitte März bis Ende Mai 2010 saß sie elf Wochen lang unbeweglich an einem Tisch im Atrium des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), fünf Tage die Woche für sieben, an Freitagen zehn Stunden. Der Stuhl ihr gegenüber war für Ausstellungsbesucher reserviert, die sich natürlich darum rissen, dem Star in die Augen zu sehen (wir berichteten).

Gut, dass Akers die peinlichen Momente nicht unterschlägt: Einige Besucher ziehen ihre eigene Show ab, eine Frau reißt sich die Kleider vom Leib. Andere nehmen das Angebot zum stillen Dialog wirklich wahr. Es wird viel geweint, und Akers hält so lange drauf, bis der kollektive Tränenfluss nervt. Warum? Weil der meditative Kern der Performance im Film nicht vermittelbar ist. Zu sehen ist allein der Effekt, der Feuchtigkeitsüberschuss. Um die Tränen des Zuschauers ringt die hollywoodeske Filmmusik (Nathan Halpern). Kann Abramović das gewollt haben?

Die Produktion des New Yorker Kabelsenders HBO mag ihre Berechtigung haben, für den US-Markt. „Soll das Kunst sein?“ fragt in einem Ausschnitt aus den rechtskonservativen Fox News eine um Sitte und Anstand besorgte Kommentatorin. Stein des Anstoßes sind die vielen Nackten in der Abramović-Schau: Junge Performer präsentieren ältere Werke der Künstlerin, unter anderem Gemeinschaftsarbeiten mit Ulay.

Die Dokumentation blickt zurück auf die künstlerische Partnerschaft, wirft Schlaglichter auf Biographie und Entwicklung der gebürtigen Serbin und lässt Wegbegleiter wie Ulay, den Galeristen Sean Kelly oder MoMA-Kurator und Monopol-Kolumnist Klaus Biesenbach zu Wort kommen. Insoweit ist der Film konventionell strukturiert, aber immerhin informativ. Akers aber erzählt Abramović' Leben und Kunst als Melodram mit finaler Umarmung (zwischen Abramović und Biesenbach als letztem Performancegast). Rührend. Vielleicht läuft das im US-Fernsehen nicht anders. Doch für die Berlinale bietet „Marina Abramović. The Artist is Present“  zuviel aufgesetzte Emotion und zu wenig Auseinandersetzung mit dem Werk einer unbestreitbar faszinierenden Künstlerin.

Europäische Erstaufführung: 11. Februar, 17.00 Uhr: Kino International, Berlin
Weitere Vorführungen: 12., 18., 19. Februar, mehr Informationen unter Berlinale.de

In Monopol 2/2012 finden Sie ein großes Spezial zum Thema "Der Künstler und das Kino"

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