Selbst für die reichsten der superreichen Männer der Welt ist das Leben nicht ohne Hindernisse: Aufgrund des Nahostkriegs müssen Amazon-Gründer Jeff Bezos und seine Verlobte Lauren Sánchez ihre millionenteure Vermählung aus der Stadtmitte Venedigs ins Arsenale-Viertel verlegen. Dort soll die "Hochzeit des Jahres" nun unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen möglichst reibungslos über die Bühne gehen.
Proteste gegen das Geldadel-Spektakel sorgten bereits im Vorfeld der Trauung für Spannungen, im Arsenale wird das milliardenschwere Brautpaar auch von diesen abgeschirmt. Auf dem Areal läuft parallel die Architekturbiennale, doch für die Mega-Hochzeit wird ein Teil davon diese Woche Bezos und Co. überlassen. Da können sich die Hauptausstellung und die Pavillons noch so sehr in ihren Ideen für eine nachhaltigere Zukunft einmauern, die 95 Privatjets, mit denen die Gäste von überall her eingeflogen sein sollen, schaffen CO₂-Fakten.
Bezos sollte sich auf seine opulente Inszenierung allerdings nicht zu viel einbilden, denn schließlich wurden in der Kunstgeschichte der Lagunenstadt schon viele, noch exklusivere Feste gefeiert. Im direkten Vergleich zu Paolo Veroneses Gemälde "Hochzeit zu Kana" (1563) wirkt Bezos' vermeintliche Traumhochzeit geradezu mickrig. Auch die Gästeliste aus etwa 200 der allerwichtigsten VIPs verblasst, wenn der Sohn Gottes persönlich auf einer Hochzeit erscheint.
Wasser zu Wein? Oder Kanäle voll Champagner?
Ursprünglich sollte das monumentale Renaissance-Gemälde im Refektorium des Klosters San Giorgio Maggiore in Venedig an die Großzügigkeit Gottes erinnern. 1797 wurde das 6,66 mal 9,9 Meter große Bild aber von Napoleon Bonaparte – einem weiteren machthungrigen Egoisten – in den Pariser Louvre verschleppt, wo es bis heute hängt. In Venedig ist dagegen nur noch eine Reproduktion des erschlagenden Originals installiert. Aber mit Imitaten von vergangenem Glamour kennt sich die US-Elite in Trump-Zeiten ja aus.
Veroneses "Hochzeit zu Kana" ist der Inbegriff eines Festmahls. Zwischen haushohen Marmorsäulen zelebrieren die Gäste die Vermählung eines unbekannten Paars. Der offensichtliche Star ist allerdings der VIP Jesus. Im Mittelpunkt des Geschehens sitzt der Erlöser mit Heiligenschein an einer langen Tafel, umringt von seiner Mutter, seinen edel gekleideten Jüngern und zahllosen Bediensteten. Letztere werden in der biblischen Wundererzählung von Maria ermahnt, ihrem Sohn zu gehorchen. Bei Veronese rennen sie wie antike Amazon-Paketboten eilig durchs Bild, um die extrafeine Gesellschaft im "Prime"-Tempo mit dem Unnötigsten zu versorgen.
Auch Jesus trägt dazu bei, dass die Gäste nicht verdursten, indem er Wasser in Wein verwandelt. Insgesamt soll er sechs Amphoren mit jeweils 100 Litern eines guten Tropfens gefüllt haben. So steht es zumindest in der Bibel. Ob Bezos ein ähnliches Luxuswunder vollbringen wird? Oder ob das Nachbestellen von Getränken das kleinste Problem eines Paares ist, das alle Kanäle Venedigs mit Premier Cru fluten könnte?