Deutsche Börse Photography Prize 2009

Die Wahrheit hinter der Wahrheit

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Kunstwerke sind keine Rennpferde, und diesmal muss den Juroren – darunter der südafrikanische Fotograf David Goldblatt – die Auswahl besonders schwer gefallen sein: Alle vier Finalisten haben einen ganz eigenen Umgang mit ihrem Medium gefunden. Wie erlesen diese Shortlist zusammengestellt ist, macht ein Gang durch die Londoner Photographers’ Gallery deutlich. Dort sind bis zum 12. April alle vier Finalisten ausgestellt. Die Fragen beginnen im ersten Raum: Von Grahams nun ausgezeichneten Werk ist nur ein Bruchteil einsehbar. Er wurde nominiert für das Buchprojekt „Shimmer of Possibility“, das 2007 bei Steidl-Mack erschienen ist. Die zwölf Bände liegen wie eine Skulptur auf einen Podest. An den Wänden hängt lediglich eine der fotografischen Kurzgeschichten, die im Buch erzählt werden: In der hier ausgestellten Serie „Las Vegas“ raucht ein älterer Mann eine Zigarette, lehnt sich an die Mauer, schaut auf die Strasse, als würde er warten. Auf die „Möglichkeiten“ vielleicht, die der Titel der Publikation verspricht.

Mitte der 80er-Jahre warteten die Leute auf den Bildern Grahams noch, weil sie neben dem Leben standen; die Serie „Beyond Caring“, mit der der Künstler bekannt wurde, zeigte Szenen aus den Vorzimmern der Ämter der Thatcher-Regierung. Hier sah man tatsächlich „Gesellschaft“, also etwas, dem die liberalradikale Magaret Thatcher in ihrem berühmten Ausspruch die Existenz absprach.

Bei „Shimmer of Possibility“ ist das Warten, Rumhängen, das Einkaufen und die Arbeit nun etwas Entspanntes geworden, etwas Utopieloses. Alles ist denkbar in diesen Beobachtungen, die der heute 53-Jährige seit 2004 auf Reisen durch die USA machte. Von den Geschichten wird nur ein Setting angelegt – es liegt beim Betrachter, sie zu einem sinnhaften Ende zu bringen. Hier wird nichts eingefordert oder vorgeführt wie noch bei den großen Amerikareisenden Walker Evans oder Robert Frank. Das Land der heroischen Eroberungen, des rasenden Fortschritts und des sozialen Scheiterns ist bei Graham zur Stille gekommen.

Die Offenheit der Arbeiten aus „Shimmer of Possibility“ hebt sich deutlich ab von dem konzeptuellen Vorgehen der drei anderen Finalisten ab. Tod Papageorge, heute 69 Jahre alt, fotografierte zwischen 1966 und 1991 Menschen im New Yorker Central Park. Immer wieder. In dem scheinbar transhistorischen Naturraum bleiben grundsätzliche Dinge über die Jahre unverändert. In diesen häufig komischen, manchmal stalkerhaften Aufnahmen drängt sich das private Glück dem Betrachter auf, ist die Erzählung reduziert auf Mimik, auf einfache Gesten, auf die Sprache der halbnackten, sich sonnenden, sich wie Planeten umkreisenden Körper: Eine ältere Frau schaut skeptisch auf die leichte Bekleidung ihrer Enkelin, ein Schachspieler, der aussieht wie ein Boxer, wartet auf einen Gegner, ein Paar küsst sich, die Schwester der Braut steht traurig daneben. Als würde das bisschen Natur – der Park – die „Natur“ des Menschen offenlegen, ihn von Konventionen befreien und seine Gefühle sichtbar machen.

Um das Sichtbarmachen geht es auch Taryn Simon und Emily Jacir, die auf eigenwillige Weise über Dokumentarfotografie nachdenken. Simon erforscht für ihr „Index“-Projekt mit der Großbildkamera verborgene Orte der USA: der OP-Saal, in dem Jungfernhäutchen wieder hergestellt werden, die Räume auf dem JFK-Flughafen, in dem beschlagnahmte Lebensmittel vor sich hingammeln, die Käfige mit den misslungenen Ergebnissen auf der Zuchtfarm für weiße Tiger.

Die Installation „Material for a film“, mit der Emily Jacir auf der Venedig-Biennale 2007 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, wird in London hinter einer weiter Wand präsentiert – als würde man nun, nach Taryn Simons Geheimnissen, dem endgültig Unaussprechlichen begegnen. Die in Kuwait geborene Künstlerin hat Dokumente aus dem Leben des Palästinensers Wael Zuaiter fotografiert. Der Intellektuelle wurde 1972 vom israelischen Geheimdienst ermordet. Von allen hier ausgestellten Arbeiten zeigt diese Installation am beeindruckendsten, wie die Fotografie der Wahrheit ewig hinterherhinkt. 
 
Daniel Völzke
 
Paul Grahams erste Retrospektive in Deutschland ist noch bis zum 5. April im Museum Folkwang, Essen, zu sehen. Die Finalisten des Deutsche Börse Photography Prize werden vom 29. Mai bis 19. Juli bei C/O Berlin ausgestellt.
 

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