80. Jubiläum vom Haus am Waldsee

Die Wand als wankelmütiges Wesen

Kupferlametta, schwappende Farbe, ausbleichende Dias: Im Berliner Haus am Waldsee zeigen Gianna Surangkanjanajai, Rey Akdogan und Luciano Pecoits Werke, die sichtbar vergehen – und so ein Bild der Gegenwart entwerfen

Nichts währt ewig, was allzumal für Ausstellungen gilt. Die Vergänglichkeit steckt im Begriff "Wechselausstellung" sogar schon drin. Leben wir nicht ohnehin in einer Zeit des rapiden Wandels? Demokratien werden in Rekordzeit zertrümmert, Kriege vom Zaun gebrochen, so schnell kannst du gar nicht "Tagesschau" gucken. Wie soll die Kunst da weiterhin auf lichtbeständiger Ölmalerei und wetterfester Bronze bestehen? Performance- und Aktionskunst, Partizipation (die erlischt, wenn keiner mehr mitmacht), Objekte und Installationen aus fragilen Materialien: All das gibt es längst. Aber hat sich das auch in alle Rezeptionswinkel herumgesprochen?

Am Haus am Waldsee unter der Leitung von Anna Gritz soll es jedenfalls nicht scheitern, die in ihren bisher dreieinhalb Jahren am Haus performative Positionen (Laura Hekmat), kunsthistorisch "ungesicherte" Künstler (Bruno Pélassy) oder Ausstellungen mit kollektiver Urheberschaft ("Tolia Astakhishvili. The First Finger (chapter II)" präsentiert hat.

Ende Februar haben in der Zehlendorfer Villa gleich zwei von Beatrice Hilke kuratierte Soloschauen eröffnet, die sich als "ephemer" verschlagworten lassen. An der Gartenseite verdeckt ein Vorhang aus Kupferlametta einen Teil der Fassade. Es ist ein Material für temporäre Zwecke – Schaufensterdekos, Partyausstattung, Bühnenbilder – und wird über die Ausstellungslaufzeit auch durch Wind und Wetter an Glanz verlieren. Die Außeninstallation "Slit Drape (C)" stammt von der Künstlerin Rey Akdogan, die mit dem Vorhang zugleich für eine Verdunklung ihrer Werkserie "Carousels" im Hausinneren sorgt. Dort bedient sie sich einer Reihe von Diaprojektoren, die wechselnde abstrakte Bilder über die Wände huschen lassen.

Nicht mal der Titel steht fest

Akdogan, 1974 in Heilbronn geboren, ist im Kunstbetrieb seit rund 20 Jahren etabliert, während Gianna Surangkanjanajai, die 1991 in Köln zur Welt kam, als "Upcoming"-Position im Obergeschoss gezeigt wird. Das Prozesshafte ihrer Skulpturen zeigt sich sogar im Titel, beziehungsweise in drei Überschriften: Zurzeit heißt die Schau "Open", vor der Eröffnung war sie auf der Website als "Upcoming" gelistet, nach Ausstellungsende wird dort  "Gianna Surangkanjanajai. Closed" stehen.

Die in New York lebende Künstlerin interessiert sich für die Wirkung von Umgebungen auf Materialien, die sensibel auf Licht, Temperatur oder Schwerkraft reagieren. Vereinfacht erklärt: Ein feuchter Tonklumpen verformt sich je nach Höhe, aus der das Material auf den Boden geworfen wird. Mit Ton hat Surangkanjanajai schon gearbeitet, mit Klebstoff auch; am Waldsee kommt als "sensibler Stoff" aber unterschiedlich pigmentierte Dispersionsfarbe zum Einsatz. Statt damit die Wände zu streichen, hat die Künstlerin die Farbe in verschiedene durchsichtige Plexiglasquader gegossen. Unter drei dieser stereometrischen Behälter – die man als Referenz an den Minimalismus der 1960er-Jahre lesen kann – hat Surangkanjanajai nach dem Befüllen ein Rollbrett geschoben, mit dem die Quader in den jeweiligen Raum geschubst wurden. Nach der Aktion wird das Rollbrett entfernt. "Push" lautet der Reihentitel. Hinzu kommt ein Objekt mit dem Titel "Put". 

Es ist eine Frage der Zufallsparameter, wie die Farbe – hier: Polarweiß, Kobaltblau und Pink – hin-und zurückschwappt, entsprechende Spuren an den Plexiglasscheiben hinterlässt und wie die einige Zentimeter hoch im jeweiligen Behälter schwimmende Farbe antrocknet: wellig, rissig, sonstwie uneben.

Gianna Surangkanjanajai "Push", 2026
Foto: Julian Blum

Gianna Surangkanjanajai "Push", 2026

Surangkanjanajais Werke sind Versuche der Künstlerin, wie weit sie sich aus dem Schaffensprozess heraushalten kann – und wie weit sich der Skulpturbegriff in eine neue Richtung pushen lässt. Mutmaßlich schließt sie an die Anti-Form-Bewegung der späten 1960er-Jahre an, die mit Namen wie Lynda Benglis, Eva Hesse oder Robert Morris verbunden ist. In diesem Kontext könnte man behaupten, dass Surangkanjanajais Arbeiten weniger innovativ sind, als sie scheinen. Aber sie zeigt noch andere Facetten: Den größten Raum oben hat sie mit einer an Schienen laufenden Wand ergänzt, die die Besucher (Partizipation!) verschieben können. Bleibt er ein Durchgangsraum oder wird er zur Sackgasse? Und warum ist die Wand mit Camouflage-Tarnmuster versehen? Will sie unsichtbar werden? Die Wand: ein wankelmütiges Wesen, und eines, das sich herumschubsen lässt.

Vom Unscheinbaren zum Sonderling

Das Eigenleben der Dinge und Werkstrukturen verbindet die im Erdgeschoss ausstellende Rey Akdogan mit ihrer jüngeren Kollegin. Akdogan, die seit 20 Jahren in New York lebt, arbeitet mit Materialien, die uns üblicherweise nicht auffallen. Sie stammen –  wie die am Haus wehende Kupferfolie – aus szenografischen und kommerziellen Kontexten, und die Künstlerin erklärt, dass sie "Misfits" aus ihnen machen will: Außenseiter, Sonderlinge. Was Akdogans Werke prägt, geht sonst im Funktionszusammenhang unter. So fallen die kleinen Bodenkacheln, die im Wintergarten des ehemaligen Wohnhauses am Waldsee ein graubraun-weißes Muster ergeben, nicht als besonders dekorativ ins Auge – Akdogan findet sie sogar "schrecklich". Die konvex-konkave Form der Kacheln findet sich in einer der fünf "Carousel"-Projektionsarbeiten ebenso wieder wie Farbfolie für Leuchtspots, Kleberstrukturen von Duty-Free-Beuteln oder diverse Verpackungsfragmente.

Statt die Projektoren mit Dias zu bestücken, legt die Künstlerin transluzente Materialien in die Glasrähmchen, wobei das Kodak-Carousel-System – für 80 wechselnde Dias pro Magazin – eine quasi-filmische Abfolge der nach formalen "Themen" sortierten Bilderschauen erzeugt. Mit jedem Rotationsschritt verändern sich die Tonlagen: Farbtöne kippen, Linien und Raster richten sich neu aus, Texturen lösen sich auf. Dass ihre "Dias" recht schnell ausbleichen werden, begrüßt die prozessorientierte Künstlerin. Bilder nach allen Regeln der Kunst komponieren will sie auch nicht: "Ich arrangiere die Materialien." Es ist eher ein Aufleuchten und Verglühen. Denn wie auch beim allmählich verwitternden Folienvorhang draußen gebe es bei der Künstlerin immer die Bewegung "zum Funkeln und zurück zur Hässlichkeit".

Rey Akdogan, Einzeldia aus "Carousel #8", 2015
Courtesy die Künstlerin und Miguel Abreu Gallery, New York

Rey Akdogan, Einzeldia aus "Carousel #8", 2015

Akdogans faszinierendes Werk wurzelt in der Praxis der französischen Künstlergrupe Supports/Surfaces, die zwischen etwa 1966 und 1974 aktiv war und radikal mit der Maltradition brach, indem sie Bildträger und Oberflächen dekonstruierte. Das hatte nach dem Mai 1968, als Frankreich von Studentenprotesten und einem Generalstreik erschüttert wurde, auch eine politische Komponente – wie die "Carousels" von Rey Akdogan. Denn sie verweisen auf arbeitende Menschen, Produktionsverhältnisse und serielle Fertigung. Mit Jahrmarktvergnügen haben die "Karusselle" also nichts zu tun, zumal ihr Klack-rrrt-klack nach Fließband klingt.

Fortwirken der NS-Zeit

Parallel zu Akdogan und Surangkanjanajai stellt noch der italienische Künstler Luciano Pecoits in der ehemaligen Garage des Hauses am Waldsee aus. Die Präsentation "Leidenschaftslose Mechaniken" des Gewinners des ars viva Preises 2027 besteht aus Archivalien zur Geschichte der Institution. Im Januar vor 80 Jahren gab es hier die erste Nachkriegsausstellung – mit Werken von Käthe Kollwitz und Ewald Vetter. Pecoits interessiert sich jedoch weniger für die Kunstinstitution als für die Verwaltungsdokumente der Nachkriegsjahre, darunter Akten aus Restitutions-und Spruchkammerverfahren. Vor allem legt er dar, in welchem Umfang das Haus in politische Machtstrukturen in der NS-Zeit eingebunden war – und wie diese Verflechtungen auch nach dem Krieg wirkmächtig blieben. Mythos 'Stunde Null'.

Pecoits' "Leidenschaftslose Mechaniken" bilden den Anfang einer neuen Reihe mit dem Titel "Seit...", die im weiteren Jubiläumsjahr fortgesetzt wird. Für die Haupträume bereiten Anna Gritz und Pia-Marie Remmers die Gruppenausstellung "Wo ich wohne" vor, die ebenfalls um die bewegte Geschichte der für den jüdischen Textilfabrikanten Herrmann Knobloch erbauten Villa kreist (ab 13. Juni). Ab 16. Oktober stellt dann der Künstler Peter Wächtler hier aus, der seine Arbeiten jenseits fester Werkbegriffe oder Einordnungen entwickelt. Es bleibt fluide, transformativ und spannend im Haus am Waldsee.