Vor 20 Jahren, im Jahr 2006, erschien Peter Lichts "Lied vom Ende des Kapitalismus". Knapp zwei Jahre später folgte die große Finanzkrise. Mehr könne man von einem Popsong nicht verlangen, kommentiert er trocken. Seitdem macht Peter Licht unbeirrt weiter: mit Popsongs, Theaterstücken und Romanen, die den Sound der kapitalistischen Welt verdichten und hörbar machen – meist komisch und melancholisch zugleich, sodass man nie genau weiß, ob man lachen oder weinen soll. In der neuen Folge des Fantasiemuskel-Podcasts spricht Peter Licht mit Torsten Fremer darüber, warum die Welt für ihn vor allem ein Soundphänomen sei – und welches utopische Potenzial in diesen Sounds stecke.
Sprache klinge, bevor sie etwas bedeutet, sagt Peter Licht. Begriffe wie "Hitze" oder "Faschismus" schwebten wie Zeppeline durch unser Bewusstsein, brodelten, erzeugten einen Klang, noch bevor man beginne, über sie nachzudenken. Sie verbänden Menschen miteinander wie Spiegelneuronen, auf die alle eingepegelt seien.
Dieses Hörbarmachen von Schwingungen durchzieht sein gesamtes Werk: ob Popsong, Theaterstück, Molière-Überschreibung oder Roman. Für ihn sei das alles dasselbe – nur in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Ein Theaterstück entstehe manchmal aus einem einzigen Satz, der seine Berechtigung habe; der Rest sei Text, der ihn trage. Ein Song hingegen sei ein Geschoss, das von einem Sender zu einem Empfänger fliege und sich nicht aufhalten lasse.
Aushalten als Haltung
Der Sound, den Peter Licht aufspürt, ist immer der von Menschen im System: ihre Widersprüche, ihre Absurditäten, ihr Durchhalten. In seinem aktuellen Buch "Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen" kreist er in unterschiedlichen Textformen um genau diese Haltung. Aushalten ist für ihn keine Kapitulation, sondern die Weigerung, in Angst zu erstarren. Die Vergangenheit steckt dabei schon im Titel: Irgendwann wird es vorbei sein. Die Figuren, die derzeit durch das Weltbewusstsein geistern, werden Geschichte sein. Und in dieser trotzigen Gewissheit liege – bei allem Schrecken der Gegenwart – so etwas wie Hoffnung.
Einen solchen Hoffnungsschimmer sieht Licht sogar in der Gestalt von Donald Trump: Er glaubt, dass Trump das Ende des Kapitalismus möglicherweise tatsächlich beschleunigen könne. Wenn der Zynismus so offensichtlich werde, dass niemand mehr wegsehen könne, sei vielleicht der entscheidende Moment gekommen.
Singen als Lösung
Insofern gelte es, der Angst, die Macht und Zynismus verbreiteten, offensiv entgegenzutreten. Wer in Angst erstarre, lege sie als Geschenk am Altar des Fürsten nieder, sagt Licht. Dem setzt er etwa das gemeinsame Singen entgegen. Am Schauspiel Köln hat er kürzlich eine Problemlöser-Show entwickelt, bei der das Publikum eigene Probleme einschickt, die dann gemeinsam besungen werden. Daraus kannn eine Bewegung entstehen – eine, die nicht im Theater bleiben muss.
Peter Licht kann sich das auch in Unternehmen vorstellen, in Produktionshallen oder Verkaufsräumen: überall dort, wo Menschen Probleme haben, die sie lösen müssen. Denn das Besingen der Probleme sei bereits Teil ihrer Lösung: Sie erhoben sich in den Äther, würden zu Gesang, zu einem Chor, zu Gemeinschaft. Genau darin liegt auch das utopische Potenzial eines Popsongs – gemeinsam ein anderes Bild in die Welt zu setzen. Utopie ist für Peter Licht kein Endzustand, sondern ein Moment. Ein Popsong. 3 Minuten 20.
"Fantasiemuskel", den Monopol-Podcast über Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Transformation, können Sie auf allen bekannten Plattformen hören – oder die neue Folge direkt hier: