Soziale Medien waren einst ein vermeintlicher Ort der Demokratie und der Bürgerbewegungen. Man denke an den arabischen Frühling 2011, bei dem Twitter und Facebook eine wesentliche Rolle spielten. Oder die "Black Lives Matter"-Bewegung, die ihren Anfang wenige Jahre später nahm. Inzwischen sind soziale Medien jedoch zu öffentlichen Orten der Radikalisierung und Spaltung geworden. In den USA wird TikTok durch US-Investoren übernommen, Donald Trump äußerte den Wunsch, dass die Plattform "zu 100 Prozent MAGA" werden solle.
Nun könnte es Aufgabe der Betreiber sein, für mehr Transparenz und Bürgerrechte zu sorgen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Zu Elon Musks autoritärem Kurs muss man sich gar nicht mehr groß äußern. Das ehemalige Twitter, heute X, ist zu einem unbegehbaren, vergifteten Ort geworden. Und auch Meta-Chef Mark Zuckerberg fiel jüngst eher durch seinen extrem intimen Kuschelkurs mit der Trump-Regierung auf, statt sich für demokratische Prinzipien und Partizipation auf Instagram und Facebook einzusetzen.
Wo geht es also in der Zukunft hin? Wenn es nach Zuckerberg geht, soll immer weniger genuiner Content von Influencern eine Rolle spielen, sondern (man ist kaum überrascht) Inhalte, die mit KI hergestellt werden. Vor Kurzem stellte Meta den neuen Feed "Vibes" vor, Teil der App Meta AI. Im Firmensprech heißt das: "'Vibes' soll es Ihnen erleichtern, kreative Inspiration zu finden und mit den Medientools von Meta AI zu experimentieren. Beim Stöbern sehen Sie eine Reihe von KI-generierten Videos von Entwicklern und Communitys. Der Feed wird mit der Zeit personalisierter. Wenn Ihnen etwas ins Auge fällt, können Sie Ihr eigenes Video erstellen, das Gesehene remixen und es mit Freunden und Followern teilen."
Einflugschneise für AI Slop
Eigentlich handelt es sich um eine groß angelegte Einflugschneise für AI Slop (auf deutsch: KI-Gülle), der heute ohnehin schon alle möglichen Plattformen besudelt. Auch Musik-Streamer wie Spotify kommen nicht mehr hinterher, die täglich dort veröffentlichte KI-"Musik" auszufiltern. Das Gleiche betrifft Instagram, X, TikTok und auch YouTube. Dabei entstehen Mikrotrends wie Brainrot, also völlig belanglose Kurzvideos mit absurden und vorgeblich unterhaltsamen Motiven.
Aber wer hoffte, dass dieses Phänomen von kurzer Halbwertszeit sein würde, hat sich getäuscht. Auch Meta-Boss Zuckerberg weiß "Vibes" nicht besser zu verkaufen als mit unterirdisch belanglosen KI-Clips. Die Zukunft der sozialen Medien ist kurzum asozial.
Wenn nicht mal mehr Menschen ihren Narzissmus und ihre Geltungssucht teilen sollen und nun KI-Content an dessen Stelle treten wird, dann wird das süchtig machende Feed-Scrollen zum unendlichen Schlammstrom aus Bot-generierten Brainrot-Clips. Wenn man sich heute aber TikTok und YouTube Shorts anguckt, ist es das ohnehin schon längst. Das Perfide bei Metas "Vibes" wird sein, dass alle über Jahre gesammelten persönlichen Daten, Interessen und Kontakte von WhatsApp, Facebook und Instagram mit einfließen und mit Sicherheit dafür sorgen werden, eine algorithmische Blase zu schaffen, aus der man nicht so leicht austreten kann.
Soziale Medien sind keine "kreative Inspiration"
Daher überrascht es kaum, dass auch OpenAI in die gleiche Bresche schlägt. Denn auch ChatGPT weiß mittlerweile sehr viel über die User. Von psychologischen Problemen, Ehestreitigkeiten, Rechtsfragen, Urlaubsplanungen bis hin zu täglichen Arbeitsinhalten. Sehr leichtfertig wird heute die KI bei allen möglichen Alltagsfragen benutzt, und nun will auch OpenAI eine eigene Social-App auf den Markt bringen. Die trägt aber bis auf das suchterzeugende User-Interface eigentlich nichts Soziales in der Code-DNA. Wie "Wired" berichtet, soll die App der von TikTok sehr ähnlich sein, aber statt eigener Inhalte werden hier ausschließlich KI-generierte Videos publiziert. Damit soll auch das neue Videomodell Sora 2 gepusht werden.
Immerhin sollen die User qua Identitätsprüfung in der Lage sein, Content mit ihren eigenen Gesichtern zu generieren. Das dürfte dann in etwa so aussehen wie die Trump-Videos, in denen er sich als gottgleicher Sixpack-Hüne inszeniert. Sollte jemand anders Ihr Foto für seinen Content benutzen, will OpenAI diesbezüglich im Namen des Urheberrechts darauf aufmerksam machen (dank der zahlreichen Studio-Ghibli-Porträts, weiß OpenAI natürlich genau, wie Sie aussehen). Einfacher dürfte es sein, ein Hornissennest mit Essstäbchen zu eliminieren.
Am Ende müssen alle selber entscheiden, wie sie ihre kostbare Zeit nutzen - beziehungsweise vergeuden. Man sollte aber aufhören, von sozialen Medien zu sprechen. Diese Ära scheint endgültig vorbei, und in einigen Jahren dürften wir über "Ice Bucket Challenges", "Rickrolls" und "Harlem Shakes" genauso nostalgisch sinnieren wie über die erste eigene Schallplatte. Vor allem aber müssen wir uns von dem Irrglauben verabschieden, diese Medien könnten noch ansatzweise so etwas wie eine "kreative Inspiration" sein. Wer das meint, glaubt auch, dass Takis, Red Bull, Huel, Haribo und McDonalds eine ausgewogene Ernährung sind.